Psychische Gesundheit ganzheitlich behandeln: Das Zentrum am GLG Martin Gropius Krankenhaus setzt auf rTMS und vernetzte Versorgung
Med Berlin, 6. Oktober 2026 – Vor zwei Jahren wurde am GLG Martin Gropius Krankenhaus in Eberswalde das Zentrum für Psychische Gesundheit gegründet. Dafür rückten die frühere Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, die Psychosomatik, psychiatrische Tageskliniken und Institutsambulanzen enger zusammen. Die Idee dahinter: ambulante und stationäre Behandlung sollen besser ineinandergreifen, möglichst mit kontinuierlichen Behandlungsteams.
Auch der Wechsel zwischen Station, Tagesklinik und Institutsambulanz soll leichter werden. Organisiert ist das Zentrum nach dem Track-Konzept. Behandelt wird also entlang fester Behandlungspfade – und nicht vor allem entlang der Frage, auf welcher Station gerade ein Bett frei ist.
Psychische und körperliche Beschwerden gemeinsam betrachten
Der Fachbereich Psychosomatik wurde ausgebaut und in die Tageskliniken integriert. Zusätzlich entstand eine psychosomatische Institutsambulanz. Dort werden körperliche, psychische und soziale Faktoren gemeinsam betrachtet: Chronischer Stress, traumatische Erfahrungen, Trauer oder soziale Probleme können körperliche Beschwerden auslösen; umgekehrt können körperliche Erkrankungen die Psyche belasten.
Das Zentrum behandelt Menschen jeden Alters. Zu den häufigen Krankheitsbildern gehören Angststörungen, Depressionen, Psychosen und Abhängigkeitserkrankungen. Bei akuten Krisen ist außerhalb der regulären Sprechzeiten der Institutsambulanzen rund um die Uhr eine stationäre Aufnahme möglich.
Forschungsergebnisse sollen direkt in die Behandlung einfließen. Das Zentrum setzt die repetitive transkranielle Magnetstimulation, kurz rTMS, gezielt bei schweren Depressionen ein. Bestimmte Hirnareale werden dabei schmerzfrei mit Magnetfeldern stimuliert. Das Patientenfeedback sei durchgehend positiv, heißt es aus dem Zentrum.
Magnetimpulse statt zusätzlicher Medikamente
rTMS kann eine Alternative sein, wenn Medikamente bei Depressionen nicht ausreichend wirken. Etwa ein Drittel bis die Hälfte der Menschen mit Depressionen spricht auf Medikamente nicht zufriedenstellend an. Das Verfahren ist nicht invasiv und gilt als gut verträglich.
Elektromagnetische Impulse können Nervenzellen im Gehirn aktivieren oder hemmen und dadurch die Vernetzung verstärken oder vermindern. Vor Beginn bestimmen Ärztinnen und Ärzte die individuelle Erregungsschwelle der Patientin oder des Patienten. Stimulationsspule und -parameter werden anschließend angepasst; zusätzlich können strukturelle und funktionelle Bildgebung, darunter MRT-Aufnahmen, genutzt werden.
Die Spule wird an einer genau festgelegten Position nahe am Kopf platziert. Das Neurostimulationsteam bestimmt diese Position auch anhand von MRT-Bildern. Eine Sitzung dauert je nach Person etwa 10 bis 45 Minuten, üblicherweise montags bis freitags über drei bis sechs Wochen. Sedierende oder andere Medikamente sind während der Behandlung nicht erforderlich.
Eine Einschränkung gibt es: Das Therapiesystem darf nicht bei Personen angewendet werden, die nicht entfernbares, magnetisch empfindliches Metall im Kopf oder in einem Umkreis von 30 Zentimetern um die Magnetspule haben. Die Informationen zur rTMS sind auf den 25. August 2025 datiert und richten sich an stationäre und ambulante Patientinnen und Patienten.
Forschung, Ausbildung und ein kurzer Weg nach Berlin
Ärztinnen und Ärzte des Krankenhauses forschen unter anderem gemeinsam mit der Charité an Grundlagenfragen. Die leitende Oberärztin Dr. Janine Müller schloss eine Forschungsarbeit zur Emotionswahrnehmung und Empathie bei Depressionen mit einer Promotion ab.
Im Wettbewerb um Fachkräfte setzt das Krankenhaus auf Rotationsmöglichkeiten, tarifliche Bezahlung und betriebliche Gesundheitsförderung. Ein praktischer Standortvorteil ist die Bahnverbindung von Eberswalde nach Berlin: etwa 30 Minuten, sofern die Bahn mitspielt – was ja gelegentlich eine eigene Forschungsfrage sein kann.
Das Krankenhaus ist akademisches Lehrkrankenhaus der Charité und seit 2026 Partner der MSB Medical School Berlin. Studierende im Praktischen Jahr erhalten strukturierte Ausbildungsinhalte, eine monatliche Aufwandsentschädigung und Wahlfächer in Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Neu hinzugekommen ist Kinder- und Jugendpsychiatrie.
An der Hochschule für Gesundheitsfachberufe Eberswalde gibt es außerdem einen dualen Pflege-Studiengang mit dem Abschluss Bachelor of Science. Das Krankenhaus dient den Studierenden als Ausbildungsort mit Praxisanleitung.
Was künstliche Intelligenz verändern könnte
Die Ärztliche Direktorin erwartet, dass künstliche Intelligenz in den kommenden Jahren schnell weiterentwickelt wird. KI könnte Dokumentationen vereinfachen, Muster in großen Datenmengen erkennen, Krankheiten früher diagnostizieren und Behandlungen stärker individualisieren. Gerade bei Depressionen könnte das helfen, Veränderungen früher zu bemerken.
Ganz ohne Stolpersteine geht es aber nicht. Transparenz, Verantwortlichkeiten und Haftung werfen ethische und rechtliche Fragen auf. Wer trägt die Verantwortung, wenn ein System ein Muster übersieht oder eine Empfehlung falsch eingeordnet wird? Für die Ärztliche Direktorin soll KI jedenfalls kein Selbstzweck sein, sondern im Dienst der Patientinnen und Patienten eingesetzt werden.
Der Bedarf ist groß: Mehr als jeder vierte Erwachsene in Deutschland erfüllt innerhalb eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Knapp 18 Millionen Menschen sind betroffen. Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählen Angststörungen, Depressionen sowie Störungen durch Alkohol- oder Medikamentengebrauch.
Für Betroffene und Angehörige können psychische Erkrankungen erhebliches Leid und starke Einschränkungen im sozialen und beruflichen Leben bedeuten. Sie sind die zweithäufigste Ursache für Krankheitstage im Beruf und der häufigste Grund für Frühverrentungen. Die direkten und indirekten volkswirtschaftlichen Kosten sollen künftig weiter steigen.
Rund 14.600 Psychiaterinnen und Psychiater sind in Deutschland an der Versorgung beteiligt. Sie arbeiten gemeinsam mit weiteren Berufsgruppen in ambulanten Praxen und stationären Einrichtungen. Zur Behandlung gehören unter anderem Psychotherapie, Pharmakotherapie, biologische Verfahren und psychosoziale Interventionen.
Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung kann unter bestimmten Voraussetzungen und auf richterliche Anordnung eine Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung erfolgen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, kurz DGPPN, veröffentlicht dazu ebenso wie zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen, zur ambulanten und stationären Versorgung, zu den beteiligten Fachärzten und zu gesundheitsökonomischen Auswirkungen kompakte Daten und Fakten für die Öffentlichkeit. Auch die zivilrechtliche, öffentlich-rechtliche und strafrechtliche Unterbringung wird dort behandelt.
