Shida Bazyar gewinnt den Deutschen Buchpreis 2026 für „Die Lücken“
Am 9. Oktober 2026 ist Shida Bazyar an der Universität Hildesheim vor allem als Schriftstellerin mit einem frisch ausgezeichneten Roman präsent. Ihr Studium des literarischen Schreibens absolvierte sie hier. Einen Tag zuvor erschien in der Süddeutschen Zeitung das Interview „Sagen Sie jetzt nichts: Hat die Buchbranche ein Mansplaining-Problem, Shida Bazyar?“ – ein Gespräch ohne Worte über Sprache, Herkunft, Ausbildung, Schreiben, Kindheit und Romanfiguren.
Bazyar, 1988 in Hermeskeil in Rheinland-Pfalz geboren, tritt bei den Fotoaufnahmen zunächst zurückhaltend auf. Sie klärt mit dem Fotografen, welche Gesten zu den Fragen passen könnten. Im Verlauf wird sie entschiedener. Der Fotograf Dominik Asbach beschreibt den Termin anschließend als besonders angenehm. Auch beim Schreiben arbeitet Bazyar laut Artikel sehr genau und präzise, mit hohem stilistischem Anspruch und großer Nähe zu ihren Figuren.
Ein Dorf, viele Zeiten
Ihr neuer Roman „Die Lücken“ spielt im erfundenen Ort Heimesbach, der Hermeskeil im Hunsrück nachempfunden ist. Bazyars Eltern waren überzeugte Kommunisten und flohen 1987 vor dem iranischen Regime nach Deutschland. Im Roman suchen zwei Familien aus dem Iran in Heimesbach ein neues Zuhause.
Gleichzeitig reicht die Geschichte weit zurück: zu Nationalsozialisten und Mitläufern, zu ihren jüdischen Opfern und zur späteren Nutzung des früheren Orts der Vertreibung als Zufluchtsort. Der Roman verfolgt 90 Jahre deutscher Geschichte. Im Mittelpunkt stehen jüdische Familien, NS-Profiteure und iranische Flüchtlingsfamilien – Menschen und Gruppen, die das Dorf im Lauf der Zeit geprägt haben.
Die Jury beschreibt fast 100 Jahre ambivalenten deutschen Lebens anhand einzelner Figuren. Nachbarn beobachten, wie jüdische Menschen aus den Straßen verschwinden. Später entscheiden Nachbarn mit darüber, ob Menschen mit Migrationsgeschichte sich zu Hause fühlen. Eine tote Erzählerin und die kaleidoskopische Struktur ermöglichen Sprünge zwischen verschiedenen Zeiten sowie wechselnde Nähe und Distanz. Fiktive und dokumentarische Elemente treffen auf erfundene und historische Figuren. Die Jury nennt das Buch einen „Roman gegen die Gleichgültigkeit“.
Auszeichnung im Kaisersaal
Am 5. Oktober 2026 wurde „Die Lücken“ zum Roman des Jahres 2026 gewählt und mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt, im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse. Traditionell wird der Deutsche Buchpreis am Tag vor Beginn der Messe verliehen; er zählt zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum.
Für Bazyar bedeutet die Auszeichnung 25.000 Euro. Die fünf übrigen Finalistinnen und Finalisten erhalten jeweils 2.500 Euro, insgesamt beträgt das Preisgeld 37.500 Euro. Nominiert waren außerdem Franziska Gänsler mit „Orca“, Valeria Gordeev mit „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“, Elias Hirschl mit „Schleifen“, Peggy Mädler mit „Selbstregulierung des Herzens“ und Dana Vowinckel mit „Anton und Alma“.
Für die Auswahl wurden seit Beginn der Ausschreibung 205 Romane gesichtet, die zwischen Oktober 2025 und September 2026 erschienen waren. Nach der Longlist mit 20 Titeln blieb eine Shortlist mit sechs Titeln übrig. In der Jury saßen Cornelia Geißler, Jurysprecherin von der „Berliner Zeitung“, Theresa Donner von der Buchhandlung heiter bis wolkig in Halle an der Saale, Jan Ehlert vom NDR, die Literaturwissenschaftlerin Maha El Hissy, Emily Grunert vom Literaturbüro NRW, Stefanie Kreuzer von der Universität Kassel und Adam Soboczynski von der „DIE ZEIT“.
Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bezeichnete den Preis als Einladung zum Dialog und als Beitrag zu Verständigung und Empathie. Im Vorjahr hatte Dorothee Elmiger den Deutschen Buchpreis mit „Die Holländerinnen“ gewonnen.
„Es fühlt sich merkwürdig an“
„Die Lücken“ erschien im September 2026 bei Kiepenheuer & Witsch. In ihrer Dankesrede sagte Bazyar, es fühle sich merkwürdig an, für einen Roman über verfolgte, terrorisierte und ermordete Menschen ausgezeichnet zu werden. Sie zitierte den jüdischen Tierarzt Heinz Kahn aus ihrem Geburtsort Hermeskeil: „Mein Vater hat auch eine Menge Orden bekommen und wurde doch vergast.“
Außerdem verwies Bazyar auf einen Höchststand antisemitischer und rassistischer Straftaten: „Im Moment gibt es keine Minderheit, die nicht Grund zur Sorge hat.“ Hannah Arendt zitierte sie über das Jahr 1933: Entscheidend sei nicht nur gewesen, was die Feinde taten, sondern auch, was die Freunde taten.
Die Jury bezeichnete den Roman als transnationales Werk, das die Grenzen des Heimatromans auslote und neu definiere. Für die literarische Gestaltung hob sie die Perspektive einer toten Erzählerin, die kaleidoskopische Struktur, die Sprünge zwischen verschiedenen Zeiten, den Wechsel von Nähe und Distanz sowie die Verbindung fiktiver und dokumentarischer Elemente hervor.
„Die Lücken“ ist Bazyars dritter Roman. Ihr Debüt „Nachts ist es leise in Teheran“ erschien 2016 und wurde 2026 international gewürdigt: Die englische Übersetzung stand im Mai auf der Nominierungsliste des International Booker Prize.
Für das Projekt der Süddeutschen Zeitung fotografierte Dominik Asbach, den Text schrieb Jakob Schrenk. Das digitale Storytelling übernahmen Lisa Hingerl und Lea Sophie Fetköter. Und Bazyar? Hat beim Interview ohne Worte offenbar irgendwann aufgehört, sich klein zu machen.
