Studieren in Frankfurt zwischen WG-Warteliste und Drei-Stunden-Pendelweg
Rund 8.300 Erstsemester beginnen im Wintersemester 2026 ihr Studium an der Goethe-Universität Frankfurt. Im Hörsaalzentrum Westend war am Freitag einiges los: Zwischen Ständen von Hochschulinitiativen, Unternehmen und hochschulpolitischen Gruppen suchten die neuen Studierenden Orientierung, Informationen – und vielleicht auch ein bisschen Zuversicht.
Universitätspräsident Enrico Schleiff und AStA-Vorstandsmitglied Alessio Dale begrüßten die Erstsemester. Der reguläre Vorlesungs- und Seminarbetrieb für insgesamt etwa 40.000 Studierende startet am folgenden Montag. Für viele beginnt das Semester allerdings nicht nur mit Stundenplan, Campus und Mensa, sondern auch mit einer langen Fahrt zur Uni.
Bis zu drei Stunden unterwegs
Wegen der hohen Mieten finden viele Studierende keine bezahlbare Unterkunft in Frankfurt. Sie pendeln weiterhin von ihren Elternhäusern, unter anderem aus Kelsterbach, Königstein und dem Taunus. Die täglichen Fahrtzeiten betragen teilweise bis zu drei Stunden.
Die 18-jährige Hannah G. bleibt bei ihren Eltern. Ein WG-Zimmer in Frankfurt wäre neben den Studienkosten finanziell zu belastend. Für andere bedeutet die Wohnungssuche noch mehr Druck: Laut AStA müssen viele Studierende neben dem Studium arbeiten, wodurch sich die Studiendauer verlängern könne.
„Studieren in Frankfurt wird zunehmend zum Privileg“, sagt AStA-Vertreterin Bleta Berisha. Ein WG-Zimmer kostet in Frankfurt durchschnittlich 675 Euro im Monat. Die BAföG-Wohnkostenpauschale beträgt derzeit 380 Euro. Selbst mit Nebenjob bleibe vielen Studierenden kaum Geld zum Leben.
Tausende Studierende starteten bereits ohne Wohnung ins Wintersemester 2025/26. Besonders viele Erstsemester hatten kurz vor Studienbeginn noch keine Unterkunft. AStA-Referent Timo Wenninger bezeichnete die Lage zum Semesterbeginn als besonders dramatisch. Manche Studienanfänger müssten sich fragen, ob sie ihr Studium in Frankfurt überhaupt antreten können; einige könnten es wegen der Wohnsituation absagen.
Betten, Matratzen und eine lange Warteliste
Der AStA hat eine „Bettenbörse“ eingerichtet. Frankfurterinnen und Frankfurter können über eine Plattform Sofas, Gästezimmer, Betten oder Matratzen anbieten. Die Schlafplätze werden kostenlos und kurzfristig an Studierende vermittelt. Das Angebot besteht seit Oktober des Vorjahres.
Zusätzlich bietet der AStA gemeinsam mit dem Verein „Mieter helfen Mietern“ mietrechtliche Beratung an. Das Studierendenwerk Frankfurt betreibt mit Hochschulen der Rhein-Main-Region und Studierendenvertretungen das Portal „wohnraum-gesucht.de“ für private Wohnungsangebote. Zentrales Angebot der Kampagne ist, dass Vermieter dort selbst Wohnungsangebote einstellen können.
Beim Studierendenwerk stehen derzeit knapp 3.000 Studierende auf der Warteliste. Dem stehen 3.800 verfügbare Wohnheimplätze gegenüber. Das Studierendenwerk ruft private Vermieter erneut dazu auf, Wohnraum anzubieten. Die Nachfrage übersteige die vorhandenen Kapazitäten deutlich. Fehlender Wohnraum könne Studierenden das Ankommen und erfolgreiche Studieren erschweren; die Mietbelastung bringe viele junge Menschen finanziell, organisatorisch und emotional an ihre Grenzen.
Wenninger warnt vor sozialer Auslese. Einige könnten ihr Studium in Frankfurt nicht beginnen, weil sie sich den Umzug nicht leisten könnten. Andere müssten Kredite aufnehmen oder einen zweiten Nebenjob annehmen, wenn sie keine bezahlbare Wohnung finden. Wer wenig Geld habe, könne sich ein Studium in Frankfurt kaum leisten.
Der AStA fordert deshalb einen deutlichen Ausbau von Wohnheimplätzen, eine an die tatsächlichen Mietpreise angepasste BAföG-Wohnkostenpauschale, mehr öffentlich geförderten Wohnraum für Studierende und einen bundesweiten Mietendeckel.
500 Euro sind inzwischen die Unterkante
Wie eng der Markt ist, zeigt eine Analyse des Moses Mendelssohn Instituts vom 18. September 2025. Untersucht wurden die Wohnkosten für Studierende an 88 deutschen Hochschulstandorten mit jeweils mehr als 5.000 Studierenden. Zum Wintersemester 2025/26 stiegen die durchschnittlichen Kosten für ein WG-Zimmer auf 505 Euro monatlich. Im Sommersemester 2025 waren es 493 Euro, im Wintersemester 2024/25 489 Euro. Gegenüber dem Sommersemester entspricht das einem Anstieg um 12 Euro beziehungsweise 2,4 Prozent, gegenüber dem Vorjahreswintersemester um 16 Euro beziehungsweise 3,3 Prozent.
Damit überschritten die durchschnittlichen Wohnkosten erstmals die Marke von 500 Euro. In 70 von 88 Städten war zu Semesterbeginn kaum ein gewöhnliches Zimmer innerhalb der aktuellen BAföG-Wohnkostenpauschale von 380 Euro verfügbar. In 44 Städten, in denen 54,5 Prozent der Studierenden eingeschrieben sind, war öffentlich kaum ein Zimmer innerhalb dieser Pauschale zu finden. In diesen 44 Städten lagen sogar die günstigeren Angebotssegmente über dem BAföG-Betrag. Gemessen an den Studierendenzahlen wohnen etwa drei Viertel der Studierenden oberhalb der Pauschale.
Eine im Koalitionsvertrag angekündigte Anhebung auf 440 Euro würde die Zahl der Städte mit über der Pauschale liegenden Durchschnittspreisen auf 44 reduzieren; im günstigeren Segment wären es noch 25 Städte. Auch dann lägen weiterhin mehr als die Hälfte der Studierenden über diesem Betrag.
Die zehn größten Hochschul- und Millionenstädte blieben gegenüber dem vorherigen Semester nahezu unverändert. Viele mittelgroße Hochschulstädte überschreiten inzwischen ebenfalls 500 Euro. Laut WG-Gesucht.de sind die WG-Zimmerpreise seit 2020 um rund 21 Prozent gestiegen.
Regional reicht die Spanne weit: Berlin liegt bei 650 Euro, Hamburg bei 620 Euro und Bayern bei 603 Euro. Sachsen-Anhalt kommt auf 350 Euro, Thüringen auf 362 Euro und Sachsen auf 377 Euro. Zwischen West- und Ostdeutschland besteht weiterhin ein Preisgefälle, das sich laut Analyse langsam abschwächt. Auch ostdeutsche Hochschulstädte verzeichneten zuletzt Mietsteigerungen, allerdings ausgehend von einem niedrigeren Preisniveau.
Seit 2019 stiegen die durchschnittlichen Kosten in Berlin um 170 Euro, in Bayern um 133 Euro und in Baden-Württemberg um 120 Euro. In Nordrhein-Westfalen liegen sie bei 474 Euro, in Niedersachsen bei 415 Euro. Köln und Düsseldorf kommen jeweils auf 600 Euro, Bonn auf 525 Euro. Bielefeld liegt bei 360 Euro, Hildesheim bei 362 Euro und Osnabrück bei 395 Euro.
Für die Analyse wertete das Institut gemeinsam mit WG-Gesucht.de 10.660 Inserate bestehender Zwei- bis Drei-Personen-WGs aus. Berücksichtigt wurden unbefristete, nicht zum Tausch angebotene Zimmer. Die Preise sind Warmmieten und enthalten überwiegend Strom, Internet sowie die Ausstattung gemeinschaftlich genutzter Räume. Der Deutschlanddurchschnitt wurde aus nach Studierendenzahl gewichteten Medianwerten der einzelnen Städte berechnet. Das MMI untersucht die Wohnungsmärkte für Studierende und Auszubildende seit 2011; das Hochschulstädtescoring wird seit 2013 jährlich veröffentlicht.
Auch an der Uni wird um Geld gerungen
In seiner Begrüßungsrede verwies Dale nicht nur auf die Wohnungsnot, sondern auch auf politischen Druck auf die autonome Studierendenschaft. Die AfD fordert, diese abzuschaffen.
Gleichzeitig erhält die Goethe-Universität als Teil des RMU-Exzellenzclusters Fördermittel. Sie steht aber vor einem jährlichen Einsparbedarf von rund 60 Millionen Euro. Wegen dieses Einsparbedarfs wurden Ende 2025 Stellenbesetzungen und Berufungen gestoppt sowie Investitionen zurückgestellt.
Dale warnte vor Kürzungen an Fachbereichen und möglichen Einsparungen von 20 Prozent an hessischen Universitäten. Schleiff bezeichnete Einsparungen von 20 Prozent als einschneidend und forderte eine Optimierung universitärer Prozesse. Die Gruppierung „#NocutsatGoethe“ verteilte Flugblätter mit der Warnung, dass mehr als ein Viertel der Universität künftig wegfallen könnte.
Das MMI empfiehlt eine regelmäßige Anpassung der BAföG-Wohnkostenpauschale, eine Ausweitung des Kreises der BAföG-Berechtigten, die Fortführung und den Ausbau des Bundesprogramms „Junges Wohnen“ sowie stärkere Unterstützung von Studierendenwerken, Stiftungen und lokalen Initiativen. Außerdem sollten die Bundesländer stärker zum Bau von Wohnraum für Studierende und Auszubildende verpflichtet werden.
Die Analyse erfasst allerdings nicht, wie viele junge Menschen wegen hoher Wohnkosten oder fehlenden Wohnraums von einem Studium an einem bestimmten Ort absehen. Im Hörsaalzentrum Westend ist derweil der nächste Stand geöffnet, irgendwo rasche
