TU Berlin im Sanierungsstau: Wenn Hörsäle, Labore und Milliarden fehlen
Wer an der Technischen Universität Berlin forscht oder studiert, muss derzeit mit einer unangenehmen Gewissheit leben: Hinter den Fassaden läuft Spitzenforschung, während drumherum der Zahn der Zeit nagt. Im Mai 2026 wurde das Hauptgebäude wegen Wasserschäden und Brandschutzmängeln geschlossen. Eine Behördenbegehung hatte die Probleme festgestellt. Vorlesungen und Seminare mussten neu organisiert, Büros geräumt werden.
Bei Studierenden geht es längst um mehr als um ein paar abgesperrte Räume. Einige fragen sich, ob sie ihr Bachelor- oder Masterstudium an der TU überhaupt abschließen können – oder ob ein Hochschulwechsel beziehungsweise ein Umzug nötig wird. Das klingt dramatisch, ist für Betroffene aber ziemlich konkret.
Wenn Hörsäle fehlen und Toiletten geschlossen bleiben
Der Sanierungsstau zeigt sich auf dem Campus an der Straße des 17. Juni an vielen Stellen. TU-Kanzler Lars Oeverdieck führt dort zahlreiche Schäden auf. Die Technische Chemie ist wegen eines Wasserschadens geschlossen. Das Hauptgebäude war wegen eines Brandschutzproblems 14 Tage dicht und ist inzwischen wieder geöffnet. Das Telefunken-Hochhaus bleibt nach einem Rohrbruch seit rund einem Jahr geschlossen. Im Mathematikgebäude sind Bereiche wegen eines Vandalismusschadens gesperrt.
Studierende und Beschäftigte berichten außerdem von Wasserschäden in weiteren Gebäuden, gesperrten Hörsälen und geschlossenen Toiletten. Wer dringend muss, sucht dann eben ein anderes Haus auf. Nicht gerade die Campusromantik, die man sich zwischen Seminar und Mensa vorstellt.
Nach Angaben der Studierendenvertretung Asta rutschen Lehrveranstaltungen teilweise in die frühen Morgenstunden oder auf den späten Abend, weil nur dann Räume frei sind. Geschlossene Mensen machen die Mittagspause zusätzlich mühsam: Die geöffneten Angebote liegen oft weit entfernt. Eric Wendt, Vorsitzender des Asta, warnt zudem vor Folgen für den Ruf der TU. Die Universität sei derzeit noch sehr gut, auch im Maschinenbau. Verschlechtere sich die Lage weiter, könnten weniger qualifizierte Lehrkräfte an der TU arbeiten wollen.
Die Zahlen sind hart: Rund 96 Prozent der TU-Gebäude benötigen kurz- oder mittelfristig eine Sanierung. Nur vier von 102 Gebäuden gelten als gut erhalten. An der Humboldt-Universität sind 94 Prozent der Gebäude sanierungsbedürftig, an der Freien Universität etwa zwei Drittel.
Drei Milliarden für die TU, acht Milliarden für Berlin
Die TU Berlin schätzt ihren gesamten Investitionsbedarf für die Gebäude auf rund drei Milliarden Euro. Nach der Schließung des Hauptgebäudes stellte das Land Berlin etwa 20 Millionen Euro Nothilfe bereit. Professor Eike Roswag-Klinge, der für die Campusentwicklung zuständig ist, sagt, damit ließen sich zunächst nur kleinere Reparaturen angehen. Der Sanierungsstau bestehe seit rund 30 Jahren; die Gebäude seien auf Verschleiß betrieben worden.
Bis zum Ende der Legislaturperiode fordert die TU vom Berliner Senat 300 bis 500 Millionen Euro. Roswag-Klinge warnt, ohne deutlich höhere Investitionen müssten weitere Gebäude geschlossen werden. Die Berliner Wissenschaftsverwaltung erklärt, die Forderungen seien bekannt, und verweist auf einen konstruktiven Austausch.
Die Hochschulen verlangen von Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (SPD) mehr Geld für die Infrastruktur. Sie hält dagegen, dass in den vergangenen zwei Jahren bereits mehr als 500 Millionen Euro in Bauprojekte der Universitäten geflossen seien. Außerdem erwartet sie, dass der Flächenbedarf durch Homeoffice und Veränderungen im Universitätsbetrieb künftig sinken könnte.
Der Berliner Senat plant eine landeseigene Hochschul-Baugesellschaft. Sie soll Bau- und Planungsverfahren beschleunigen, Kredite aufnehmen dürfen und damit zusätzliche Finanzierungsquellen erschließen. Czyborra betont allerdings, geliehenes Geld müsse zurückgezahlt werden. Der Gesetzentwurf soll im Frühjahr 2026 in den Senat und im Sommer 2026 ins Abgeordnetenhaus eingebracht werden.
Für Berlin geht es nach Angaben der Quelle um insgesamt mehr als acht Milliarden Euro, die für die Sanierung der Hochschulen aufgebracht werden müssten. Die TU gehört wegen ihrer Studierendenzahl zu den großen deutschen Universitäten und bietet in Berlin ein umfangreiches Studienangebot. Viele Studierende bedeuten viel benötigte Fläche – und diese muss nicht nur bereitgestellt, sondern auch erhalten und weiterentwickelt werden.
Ein neues Labor neben alten Leerständen
In Hessen ist die Lage kaum weniger widersprüchlich. Das Hochschulsanierungsprogramm „Heureka“ wurde faktisch halbiert. Ursprünglich waren 1,4 Milliarden Euro für fünf Jahre und Hochschulen im gesamten Bundesland vorgesehen. Nun soll das Geld doppelt so lange reichen.
An der Universität Marburg entsteht gleichzeitig ein neues Laborgebäude mit höchster Sicherheitsstufe. Gebäude aus den 1960er- und 1970er-Jahren weisen derweil weiterhin erhebliche Schäden auf; das alte Chemieinstitut steht seit Jahren leer. Universitätspräsident Thomas Nauss warnt, der Sanierungsstau könne weiter anwachsen. Sonst müssten Reparaturen aus den laufenden Hochschulhaushalten bezahlt werden – Geld, das dann bei Forschung und Bildung fehlt.
Hessens Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) begründet die Kürzung mit der wirtschaftlichen Lage und geringeren Steuereinnahmen als erwartet. Deutschland hat Staatsschulden von rund 2,8 Billionen Euro. Das macht die Verteilung nicht leichter, erklärt aber den Engpass auch nicht weg.
Ein kleiner Anfang für ein riesiges Problem
Der Deutsche Hochschulverband warnt vor einem bundesweiten Finanzierungsproblem. Die verfügbaren Mittel reichten vielerorts nicht aus, sagt Professor Lambert Koch. Deutschland drohten Nachteile als Innovationsstandort.
Der Bund unterstützt die Länder unter anderem mit der „Schnellbauinitiative“. Hochschulen und Kitas sollen bis 2029 mit bis zu einer Milliarde Euro jährlich gefördert werden. Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) bezeichnet die Hilfen als ergänzend und zeitlich begrenzt. Für einige Länder stehen aus einem weiteren Sondervermögenstopf zusätzlich bis zu 100 Millionen Euro bereit.
Koch nennt die Bundeshilfen einen wichtigen, aber sehr kleinen Anfang. Für die Sanierung aller Hochschulen in Deutschland wären laut Hochschulverband etwa 140 Milliarden Euro erforderlich. Die bisherigen Hilfen von Bund und Ländern reichen dafür bei Weitem nicht aus. Das Bundesforschungsministerium nahm zu diesem Vorwurf nicht Stellung. Koch fordert, Bildung und Wissenschaft stärker als Voraussetzung für die Bewältigung anderer gesellschaftlicher Herausforderungen zu berücksichtigen.
Die TU verweist in einem offenen Brief an die Berliner Politik darauf, dass ihr baulicher Zustand exemplarisch für die Probleme vieler staatlicher Hochschulen in Berlin und anderen Bundesländern sei. Nach Angaben der Universität sind Sanierungen und Neubauten nötig, um die Qualität von Studium und Lehre zu gewährleisten.
Als Grundlage soll die Hochschulstandortentwicklungsplanung (HSEP) der elf Berliner Hochschulen eine mittel- bis langfristige Strategie für Umsetzung und Finanzierung liefern. Sie weist Dringlichkeiten und Prioritäten aus. Gleichzeitig besteht die Sorge, dass die über die Investitionsplanung angemeldeten Sanierungen und Neubauten nicht ausreichen oder nicht vollständig bewilligt werden.
Kurzfristig fordert die TU, deutlich mehr Gebäude in die Investitionsplanung des Landes Berlin aufzunehmen. Ein seit 2018 angekündigter Baukorridor soll mittelfristig eingeführt werden. Er könnte langwierige Anmeldungen durch vereinfachte Verfahren und mehr Eigenständigkeit der Hochschulen ersetzen. Außerdem sollen mehr Anträge auf Bundesmittel gestellt werden; der Bund soll dafür seine Budgets erhöhen.
Planungs- und Genehmigungsverfahren müssten nach Vorstellung der TU durch Bundes- oder Landesrecht deutlich verkürzt werden. Berlin ist laut Artikel das einzige Bundesland mit einem dreistufigen Planungsverfahren – darin sieht die Universität ein Potenzial zur Beschleunigung.
Die TU erklärt sich bereit, eigene Rücklagen für den Abbau des Sanierungsstaus einzusetzen und Baumaßnahmen selbst zu planen und auszuführen. Sie ist auch offen für Kooperationen mit privaten oder öffentlichen Dritten sowie für andere Finanzierungsmodelle. Solche Modelle wurden in Bund und Ländern in der Vergangenheit unterschiedlich und teilweise kritisch bewertet.
Kooperationen könnten Hochschulen und Land bei Planung und Durchführung personell und organisatorisch entlasten. Externes Kapital sowie externe Bau- und Personalkapazitäten könnten die Umsetzung beschleunigen und die Abhängigkeit von der Investitionsplanung des Landes verringern. Die Kosten für Hochschule oder Land ließen sich unter anderem über Laufzeit und Umfang von Sicherheiten, Mietdauer und Miethöhe sowie über weitere vermietbare Flächen und den festgelegten Sanierungs- und Ausbaubedarf steuern. Die TU wünscht sich von der Berliner Politik ein klares Signal, solche Kooperationen gemeinsam zu prüfen und umzusetzen.
Bundesförderungen nach § 91b sind
