Stefanie Chaves aus Bad Karlshafen hat es geschafft: Zehn Jahre nach ihrem Hauptschulabschluss hält die heute 25-Jährige einen Bachelorabschluss in Wirtschaftspädagogik in den Händen. Seit knapp zwei Wochen ist auch die bestandene Bachelorarbeit bei ihr angekommen. „Individuelle Determinanten von Ausbildungsabbrüchen – Ein systematisches Literaturinterview“ lautet der Titel. Das Thema hat Chaves selbst gewählt.

Am 10.10.2026 blickt sie an der Uni Göttingen auf einen Bildungsweg zurück, der alles andere als geradlinig begann. Nach der neunten Klasse verließ sie die Marie-Durand-Schule mit einem Hauptschulabschluss. Damals, erzählt sie, habe sie wenig Interesse an der Schule gehabt. Für den Realschulabschluss reichten ihre Noten zunächst nicht.

Eine Englischlehrerin sagte ihr außerdem, mit ihren Englischkenntnissen werde sie das Fachabitur nicht schaffen. Chaves ließ sich davon offenbar nicht dauerhaft bremsen. Sie wechselte an die Herwig-Blankertz-Schule in Hofgeismar und holte dort innerhalb von zwei Jahren den Realschulabschluss nach. 2018 erhielt sie die Mittlere Reife.

Vom Hauptschulabschluss an die Universität

Danach begann sie an derselben Schule das Fachabitur. Von etwa 25 Schülerinnen und Schülern ihrer Klasse habe nach ihrer Darstellung nur sie den Bildungsgang erfolgreich abgeschlossen. Mathematik, Deutsch, Wirtschaft und Verwaltung sowie Englisch gehörten zu ihren Prüfungsfächern.

2020 bestand Chaves das Fachabitur – mitten in der Corona-Pandemie und trotz der früheren Zweifel an ihren Englischkenntnissen. Danach absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Ein beruflicher Abschluss sollte es auf jeden Fall sein. Wegen guter bis sehr guter Leistungen verkürzte sie die Ausbildung um ein halbes Jahr.

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Im April 2023 begann sie gemeinsam mit einem ehemaligen Mitschüler an der Georg-August-Universität Göttingen Wirtschaftspädagogik mit dem Zweitfach Deutsch zu studieren. Der Start war allerdings nicht leicht. Stundenpläne erstellen, Fristen einhalten, den Überblick behalten – bei der Studienorganisation musste Chaves erst ihren eigenen Rhythmus finden. Ab dem dritten Semester lief es nach ihren Angaben besser.

Nach sieben Semestern war das Studium beendet, nahezu in Regelstudienzeit. Chaves sagt, sie sei stolz und glücklich über ihren Abschluss. Am 1. November beginnt sie eine Stelle im öffentlichen Dienst.

Wenn Bildungswege nicht in Schubladen bleiben

Der Weg von Chaves passt zu einer Entwicklung, die in der Bildungsdebatte mit dem Begriff „Durchlässigkeit“ beschrieben wird. Gemeint ist, dass berufliche und hochschulische Bildung nicht voneinander abgeschottet bleiben. Beruflich Qualifizierte haben inzwischen bundesweit erleichterten Zugang zu Hochschulen; vielerorts können berufliche Kompetenzen auf ein Studium angerechnet werden.

Durchlässigkeit soll den beidseitigen Wechsel zwischen beruflicher und akademischer Bildung ermöglichen, bereits erworbene Kompetenzen berücksichtigen und Lernleistungen durch Vergleichbarkeit und Validierung besser einordnen. Auch der Übergang von der Hochschule in die berufliche Bildung wird zunehmend betrachtet. Hybride Bildungsgänge, die akademische und berufliche Bildung verbinden, gewinnen an Bedeutung.

Dahinter steht ein ziemlich praktischer Gedanke: Menschen sollen vielfältige und flexible Aus- und Weiterbildungswege nutzen können. Ein durchlässiges Bildungssystem kann Zugänge zu Bildung erleichtern, berufliche Aus- und Weiterbildung miteinander verbinden, Wechsel zwischen Bildungsbereichen ermöglichen und individuelle Potenziale besser nutzen.

Notwendig sind dafür Weiterentwicklungen an Schnittstellen und Übergängen, bei der Anerkennung und Anrechnung von Kompetenzen sowie bei Information und Beratung. Als Voraussetzung nennt das Bundesinstitut für Berufsbildung Zusammenarbeit und bedarfsorientierte Lösungen. Das klingt trocken, entscheidet im Alltag aber darüber, ob jemand an einer bürokratischen Hürde hängen bleibt oder den nächsten Schritt gehen kann.

Digitalisierung, Dekarbonisierung und der demografische Wandel verändern Berufe und Tätigkeiten grundlegend. Das Bildungssystem soll Menschen auf diese Veränderungen vorbereiten und sie zur aktiven Mitgestaltung befähigen. Gleichzeitig muss es auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen wie den Fachkräftemangel reagieren.

Regeln, Niveaus und neue Übergänge

Im Mai 2013 einigten sich Bund und Länder, vertreten durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Kultusministerkonferenz, auf die Einführung des „Deutschen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen“ – kurz DQR. Er umfasst acht Niveaus zur Einordnung erworbener Qualifikationen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Qualifikationen sollen dadurch transparenter werden, was wiederum die Durchlässigkeit erhöhen kann.

Der BIBB-Hauptausschuss beschloss am 1. September 2020 einstimmig die „Empfehlungen zur Durchlässigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung“. Sie aktualisierten und erweiterten eine BIBB-Empfehlung aus dem Jahr 2010.

Empfohlen wird unter anderem, Austausch und Zusammenarbeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung zu stärken. Curricula sollen fachlich, methodisch und begrifflich so gestaltet werden, dass Kompetenzen unmittelbar vergleichbar sind. Hinzu kommen eine systematische berufliche Orientierung in allen Schulformen, Unterstützung individueller und flexibler Bildungs- und Berufswege sowie der Abbau rechtlicher und wirtschaftlicher Hindernisse. In der Praxis werden drei Strategien zur Gestaltung durchlässiger Bildungswege verfolgt.

Chaves’ Stationen – Hauptschulabschluss, Realschulabschluss, Fachabitur, Ausbildung und schließlich Universität – lesen sich dabei fast wie eine persönliche Landkarte dieser Übergänge. Ihr Bildungsweg war nicht als großer Masterplan angelegt. Erst einmal ging es um den nächsten Abschluss, dann um einen beruflichen Fuß in der Tür. Und irgendwann war Göttingen dran.

Eine Debatte über Chancen

Auch die Bertelsmann-Stiftung beschäftigt sich mit der Frage, wie ein durchlässigeres Bildungssystem gestaltet werden kann. Das Papier „Durchlässigkeit in der beruflichen Bildung – Hintergründe kennen“ behandelt die Verknüpfung beruflicher und akademischer Ausbildungswege sowie den erleichterten Hochschulzugang für beruflich ausgebildete Jugendliche ohne Hochschulzugangsberechtigung.

Die Studie erscheint im Rahmen der Initiative „Chance Ausbildung – jeder wird gebraucht!“. Sie ist der erste Teil einer Veröffentlichungsreihe zum Thema Durchlässigkeit. Zunächst liegt sie als Arbeitsfassung vor; die offizielle Veröffentlichung ist für den Frühsommer vorgesehen.

Die Initiative setzt sich dafür ein, jedem jungen Menschen den Zugang zu einer beruflichen Ausbildung zu ermöglichen. Beteiligt sind die Bundesagentur für Arbeit sowie Ministerien aus acht Bundesländern: Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Schleswig-Holstein.

In einem Dialogprozess mit wissenschaftlicher Begleitung erarbeiten die Beteiligten Vorschläge für ein chancengerechteres und leistungsfähigeres Berufsausbildungssystem. Chaves’ Geschichte steht daneben nicht als fertige Schablone, sondern eher als ziemlich konkrete Erinnerung daran, dass Bildungswege manchmal später Fahrt aufnehmen. Bei ihr begann der nächste Schritt mit einem Hauptschulabschluss – und führte bis an die Universität Göttingen.