WHU verlegt ihren Campus bis 2034 von Vallendar nach Düsseldorf
Die private Wirtschaftshochschule WHU will ihren Campus in Vallendar vollständig aufgeben. Künftig sollen alle Aktivitäten am zweiten Standort in Düsseldorf gebündelt werden. Der Umzug soll voraussichtlich bis 2034 abgeschlossen sein – eine Nachricht, die in Vallendar für Überraschung und Enttäuschung sorgt.
Die WHU gilt in der Region als bedeutende Hochschule und hat sich zu einer Start-up-Schmiede entwickelt. Welche Folgen der geplante Wegzug für Vallendar haben könnte, wurde bei der WHU, bei Wirtschaftsverbänden und beim Land erfragt. Bürgermeister Wolfgang Heitmann (SPD) zeigte sich enttäuscht und kritisierte, erst aus der Presse von den Plänen erfahren zu haben.
Vallendar verliert einen prägenden Akteur
Nach Heitmanns Einschätzung hätte der Weggang erhebliche Folgen für den Wohnungsmarkt, den Einzelhandel und die Gastronomie, die örtliche Wirtschaft sowie für die Nutzung zahlreicher Gebäude. Die Stadt will die kommenden Jahre nutzen, um gemeinsam mit der WHU neue Perspektiven für Vallendar zu entwickeln.
Derzeit betreibt die Hochschule je einen Campus in Vallendar und Düsseldorf. Beide Standorte sollen zunächst bestehen bleiben. Ziel ist es, die Aktivitäten bis 2034 an einem gemeinsamen Campus im Düsseldorfer Medienhafen zu bündeln. Zu den Kosten des geplanten Neubaus machte die WHU keine Angaben.
Studierende, die ihr Studium in Vallendar begonnen haben, sollen es dort auch abschließen können. Schon in der Vergangenheit seien einzelne Studienprogramme nach Düsseldorf verlegt worden, ohne den Studienalltag zu beeinträchtigen. Das Studienangebot umfasst Bachelor- und Masterprogramme in International Business Administration und Management. Derzeit studieren rund 2.100 Menschen an der WHU.
Gegründet wurde die Hochschule 1984 in Vallendar als Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung. 1993 erhielt sie den Namenszusatz „Otto Beisheim“ – nach ihrem langjährigen Förderer und Mitgründer des Metro-Konzerns. 2010 eröffnete die WHU einen zusätzlichen Campus in Düsseldorf.
Vom Vallendarer Campus in den Düsseldorfer Medienhafen
Die WHU begründet den geplanten Zusammenschluss mit Düsseldorfs Lage in einer wirtschaftsstarken europäischen Region. Ein neuer, offener Campus solle den Austausch zwischen Studierenden, Fakultät, Mitarbeitenden und Alumni stärken – ebenso den Kontakt zu Wissenschaft, Unternehmen, Politik und Gesellschaft. Der Schritt sei logisch, da der Düsseldorfer Standort seit 2010 kontinuierlich gewachsen sei.
Aus der Hochschule gingen unter anderem die Start-ups Zalando, Flixbus und Hellofresh hervor. Gerade deshalb wird der Standort in Vallendar nicht bloß als Ansammlung von Hörsälen wahrgenommen. Zugleich betont die WHU die prägende Bedeutung Vallendars, der Region, ihrer Menschen und Unternehmen sowie der Gründungsmitglieder, insbesondere der IHK Koblenz.
Der Landrat des Kreises Mayen-Koblenz, Marko Boos (SPD), bezeichnete die Entscheidung als großen Verlust für den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Rheinland-Pfalz. Er will mit der Hochschule prüfen, ob eine langfristige Perspektive oder zumindest eine teilweise Bindung an Vallendar möglich bleibt.
Auch der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Clemens Hoch (SPD) bedauerte die Verlegung und verwies auf das internationale Renommee sowie die regionalen Wurzeln der WHU. Das Land Rheinland-Pfalz wolle die Zusammenarbeit am weiterhin bestehenden Standort Vallendar fortsetzen. Das Wissenschaftsministerium bezeichnete die Verlegung zugleich als interne unternehmerische Entscheidung der privaten Hochschule, die zu respektieren sei.
Gespräche habe es zwar gegeben. Konkrete Wünsche an das Land, die ihre Entscheidung hätten beeinflussen können, habe die WHU jedoch nicht gerichtet. Staatliche Zuwendungen vom Land Rheinland-Pfalz erhält die Hochschule nicht.
Aus Nordrhein-Westfalen kommen erwartungsgemäß freundlichere Töne. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) sieht im geplanten Campus eine Stärkung der internationalen Anziehungskraft Nordrhein-Westfalens für Spitzenforschung und unternehmerische Ideen. Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) erwartet, dass die Stadt dadurch für internationale Studierende, Talente und Unternehmen attraktiver wird.
Warum Hochschulen regional mehr sind als Gebäude
Was auf dem Papier wie eine Standortentscheidung aussieht, reicht im Alltag deutlich weiter. Hochschulen wirken über ihre eigenen Institutionen hinaus auf ihr regionales Umfeld. Darauf verweist Angela Borgwardt in der Publikation „Regionale Effekte von Hochschulen“, 1. Auflage, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin, 2018.
Wirtschaftliche Effekte zeigen sich demnach unter anderem in höherer Wirtschaftskraft, niedrigeren Arbeitslosenquoten, mehr Patenten und Hochschulausgründungen. Der Band fragt außerdem, wie Hochschulen stärker für die Gesellschaft geöffnet werden können und welche Faktoren dabei wichtig sind. Transfer soll dabei weit verstanden werden: Innovationen umfassen nicht nur technologische Entwicklungen.
Als Formen des Wissenstransfers nennt die Publikation unter anderem Social Entrepreneurship, Community Based Research und Service Learning. Der Bau und Betrieb einer Hochschule allein reicht für eine nachhaltige Entwicklung des Hochschulstandorts nicht aus. Hochschulen müssen in der Region akzeptiert und in das gesellschaftliche Leben integriert werden. Dafür braucht es Begegnungen zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, lokalen Entscheidungsträgern sowie der Bevölkerung.
Notwendig sind Rahmenbedingungen, die Menschen in der Region halten, Wissenschaftler dazu bringen, regionale Fragestellungen aufzugreifen, und ermöglichen, neue Technologien und Erkenntnisse vor Ort zu erproben und anzuwenden. Die Zusammenarbeit stärkt lokale Wirtschaftsstrukturen, den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft, regionaler Wirtschaft, Schulen und Kommunalverwaltungen – und auch die Rückmeldung der Gesellschaft an die Wissenschaft.
Ein Blick ins Ruhrgebiet zeigt, wie eng Hochschulen und Strukturentwicklung verbunden sein können. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden im Strukturwandel neue Hochschulen gegründet, darunter die Ruhr-Universität Bochum und die Universität Duisburg-Essen. Ziele waren wohnortnahe Bildungsangebote für viele Menschen und der Aufbau neuer wirtschaftlicher Strukturen. Die Erfahrungen aus dem Ruhrgebiet können als mögliche Orientierung für strukturschwache Regionen angesichts heutiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Herausforderungen dienen.
Auch Berlin setzt auf Wissenschaft, um die geringe Zahl industrieller Arbeitsplätze durch Tätigkeiten im Wissenschaftsbereich und Hochschulgründungen auszugleichen, wie Staatssekretär Steffen Krach beschreibt. Ein Beispiel ist das Vorgründungszentrum für Grüne Chemie der TU Berlin, das Studierende bei Gründungsvorhaben berät und begleitet. Sonja Jost, Geschäftsführerin und Mitgründerin von DexLeChem, berichtete dort über Herausforderungen und erhaltene Unterstützung bei ihrer Unternehmensgründung.
In Leipzig erstellten Wissenschaft und städtische Sozialämter gemeinsam eine Gesundheitsdatenkarte. Untersucht wurde, in welchen Stadtteilen bestimmte Erkrankungen besonders häufig auftreten. Die Daten dienten als Grundlage für kommunale präventive und reaktive Gesundheitsprogramme.
Service Learning wiederum ermöglicht den Austausch zwischen Hochschulen und Regionen. An der Universität Duisburg-Essen werden Studierende zu Engagement in regionalen Organisationen angeregt. Sie lernen dabei lokale gesellschaftliche Herausforderungen kennen, die ihre Ausbildung beeinflussen, und bringen zugleich erworbenes Wissen in die Organisationen und die Gesellschaft ein. Manchmal führt das zu Unternehmensgründungen, etwa zum Unternehmen Goldeimer. Im Sinne des Social Entrepreneurship sollen unternehmerische Aktivitäten zur nachhaltigen Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen.
Die zugrunde liegende Konferenz „Raus aus dem Elfenbeinturm – Regionale Rolle der Hochschulen“ fand am 25. Mai 2018 in der Friedrich-Ebert-Stiftung statt. Für Vallendar bleibt bis 2034 Zeit, die Verbindung zur WHU neu zu sortieren – und für Düsseldorf, den wachsenden Campus nicht nur räumlich, sondern auch gesellschaftlich in der Stadt zu verankern.
