Wie Musik das Gehirn erreicht: Konzertreihe „Noten und Neuronen“ erforscht Demenzprävention
Am 4. November 2026 wird die Berliner Philharmonie zum Treffpunkt von Musik und Hirnforschung: Um 20 Uhr beginnt „Noten und Neuronen: Musik für die Gehirngesundheit“, Einlass ist ab 19:30 Uhr. Die populärwissenschaftliche Konzertreihe bringt Pop, Klassik und Filmmusik auf die Bühne – und dazwischen die Frage, was solche Klänge eigentlich in unserem Gehirn anrichten.
Mit dabei sind unter anderem der Musiker und Kabarettist Bodo Wartke und das Deutsche Neuro-Orchester. Den musikalischen Rahmen gestaltet ein rund 200-köpfiges Projektorchester mit Chor, ergänzt durch eine Pop-Band. Das Programm reicht laut Veranstaltern von Mozart über AC/DC und Billie Eilish bis zu „Star Wars“ und „Interstellar“. Ein ziemlich weiter musikalischer Bogen, also.
Musik, Forschung und ein mobiles Gehirn
Initiator der Reihe ist der Neurologe Privatdozent Dr. Theodor Rüber vom Universitätsklinikum Bonn und der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Ziel ist es, die vielfältigen Auswirkungen von Musik auf das Gehirn zu zeigen und zu vermitteln, welchen möglichen Beitrag sie zur geistigen Fitness leisten kann.
Das Publikum bleibt dabei nicht bloß sitzen und klatscht höflich. Mitsingen ist ausdrücklich vorgesehen, das eigene Musikwissen lässt sich per App testen, und bei einem Experiment geht es um das Zusammenspiel von Musik, Emotionen und Erinnerungen. Kurzvorträge liefern aktuelle Erkenntnisse aus der Hirnforschung.
Auf der Bühne kommt außerdem ein mobiles Hirnscanner-System zum Einsatz. Es passt in einen Krankenwagen und ist damit im Gegensatz zu herkömmlichen, tonnenschweren und fest installierten Geräten mobil nutzbar. Langfristig könnte diese Technologie Hirnuntersuchungen einfacher machen und mehr Menschen zugänglich sein lassen.
„Noten und Neuronen“ ist eine Reihe von sechs Wissenschaftskonzerten über die mögliche präventive Wirkung von Musik bei neurodegenerativen Erkrankungen. Diese gelten als medizinische Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Beteiligt sind Musiker:innen, Mediziner:innen und Neurowissenschaftler:innen; die musikalischen Arrangements stammen von Lukas und Samuel Roth.
Kann Musik Demenz vorbeugen?
Die Veranstaltungsreihe untersucht, ob Musik tatsächlich präventiv gegen Demenz wirken kann. Nach Angaben der WHO können Lebensstilfaktoren das Auftreten oder Fortschreiten von Demenzen verzögern. Dazu zählen kognitive Aktivität, körperliche Bewegung und soziale Teilhabe. Musik kann alle drei Bereiche ansprechen: Musizieren und Musikhören fordern, formen und trainieren das Gehirn.
In den Konzertpausen können Besucher:innen freiwillig an Studien teilnehmen, unter anderem mit mobilen MRT-Messungen und digitalen Gedächtnistests. Das Programm verbindet Live-Musik, verständlich vermittelte Wissenschaft und direkte Publikumsbeteiligung – nicht gerade die übliche Konzertpause mit Getränkeschlange und Small Talk.
Die Veranstaltung wird von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie unterstützt. Zeitgleich findet in Berlin der DGN-Kongress „Neurowoche“ mit mehr als 8.000 Teilnehmenden statt. „Noten und Neuronen“ ist eine gemeinsame Initiative der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn, des Universitätsklinikums Bonn, des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen.
Gestartet ist die Reihe im Sommer in Köln, weitere Termine sind in München, Dortmund und Bonn geplant. Karten für die Berliner Veranstaltung gibt es über die Philharmonie Berlin.
Warum vertraute Lieder oft länger bleiben
Musik erreicht Menschen mit Demenz häufig noch dann, wenn sprachliche Fähigkeiten bereits stark eingeschränkt sind. Musiktherapie zählt zu den nicht-medikamentösen Interventionen bei Demenz und wird in der S3-Leitlinie „Demenzen“ empfohlen.
Demenz betrifft den Hippocampus früh. Musik wird dagegen über ein Netzwerk verschiedener Hirnareale verarbeitet, darunter der auditorische, motorische und präfrontale Kortex sowie die Amygdala. Musikalische Erinnerungen liegen teilweise im prozeduralen Langzeitgedächtnis – ähnlich wie die Fähigkeit, Fahrrad zu fahren. Die dafür wichtigen Hirnregionen werden von Alzheimer-typischen Veränderungen vergleichsweise spät betroffen. So können Menschen mit fortgeschrittener Demenz mitunter noch vertraute Lieder mitsingen, obwohl sie die Namen naher Angehöriger vergessen haben.
Vertraute Musik aktiviert die Amygdala, kann die Dopaminausschüttung fördern und den Cortisolspiegel beeinflussen. Beim gemeinsamen Musizieren kommt zusätzlich soziale Bindung durch Oxytocin ins Spiel. Das klingt nach Labor, fühlt sich im Alltag aber oft ganz schlicht an: ein Lied läuft, jemand summt mit, die Schultern sinken ein wenig.
Rezeptive Musiktherapie kann biografische Musik aus der Jugend, ruhige Stücke gegen Unruhe, gezielte Klangimpulse zur Aufmerksamkeitsförderung oder Musik als Auslöser biografischer Erinnerungen einsetzen. Aktive Musiktherapie umfasst Singen zur Aktivierung von Sprache, Atmung und sozialer Teilhabe, Trommeln und Rhythmusübungen für Motorik, Koordination und Aufmerksamkeit, Instrumentalspiel auch ohne Vorkenntnisse sowie Klatschen, Schunkeln und einfache Tanzbewegungen.
Bei der rhythmisch-auditorischen Stimulation strukturiert ein gleichmäßiger Rhythmus Bewegungsabläufe. Dadurch können sich Schrittlänge und Gangstabilität verbessern. Bei Agitiertheit und Sundowning kann Musik möglicherweise Cortisol und Herzfrequenz senken, durch vertraute Klänge Sicherheit geben, Struktur und Vorhersagbarkeit schaffen oder von Angstauslösern ablenken.
Bei Sundowning sollte etwa eine Stunde vor dem üblichen Beginn der Unruhe ruhige, vertraute Musik gestartet werden. Plötzliche Lautstärkewechsel und unbekannte Stücke sind eher keine gute Idee. Für eine persönliche Playlist lohnt sich zunächst ein Blick auf die musikalische Biografie: Musik aus Kindheit und Jugend, Lieder von Familienfeiern, Stücke zu Hochzeit, Jugend oder besonderen Erlebnissen, früher gespielte Instrumente – und ausdrücklich nicht gemochte Musik. Die musikalische Prägungsphase wird zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr eingeordnet.
Playlist statt Zufallsbeschallung
Eine mögliche Playlist beginnt mit einem besonders vertrauten, positiv besetzten Lied, führt über aktivierende und ruhigere Stücke und endet mit einer beruhigenden Nummer. Mehrere Listen können sinnvoll sein: eine Aktivierungs-Playlist für den Morgen, eine Beruhigungs-Playlist bei Unruhe und am Abend sowie eine Erinnerungs-Playlist für gemeinsame Momente.
Empfohlen werden Lautsprecher im Raum statt Kopfhörer, eine Lautstärke auf normalem Gesprächsniveau und 20 bis 30 Minuten Musik, anschließend eine Pause. Dabei sollten Mimik, Körperhaltung und Atmung beobachtet werden. Geeignete Zeitpunkte im Alltag sind der Morgen zur Orientierung, die Körperpflege zur Entspannung, das Essen mit ruhiger Hintergrundmusik, der frühe Beginn von Unruhe und Sundowning sowie das Einschlafen als wiederkehrendes Ritual.
Im Frühstadium können gemeinsames Singen, das Spielen oder Wiederaufnehmen eines Instruments, Tanzgruppen und eine gemeinsam erstellte Lieblingslied-Playlist passen. Im mittleren Stadium helfen feste musikalische Tagesroutinen, Singen als Ergänzung, wenn das Sprechen schwieriger wird, Trommeln und einfache Rhythmusinstrumente sowie gezielte Playlists gegen Sundowning. Im Spätstadium können vertraute Melodien auch ohne sichtbare Reaktion laufen, jemand kann am Bett summen oder leise singen; Musik kann bei Pflegemaßnahmen möglicherweise Schmerzen lindern und im Rahmen der Palliativbegleitung eingesetzt werden.
Als geeignet gelten Lieder aus der musikalischen Prägungsphase, Volks- und Kirchenlieder, Schlager der jeweiligen Generation, Klassik mit klarer Melodieführung und Wiegenlieder. Weniger geeignet sind unbekannte Musik, häufige oder schnelle Tempowechsel, aggressive oder sehr laute Stücke, komplex instrumentierte Werke und traurige Musik mit belastenden Erinnerungen.
Für die Pflege ist Regelmäßigkeit wichtiger als eine lange, seltene Musikeinheit. Täglich 15 Minuten werden einer wöchentlichen einstündigen Einheit vorgezogen. Angehörige und Pflegekräfte sollten mitsingen statt vorsingen; entscheidend ist die Teilhabe, nicht die musikalische Qualität. Klatschen oder Klopfen kann Rhythmus einbeziehen. Positive Reaktionen auf einzelne Lieder sollten dokumentiert werden – auch ruhigere Atmung oder entspannte Gesichtsmuskeln können solche Reaktionen sein. Bleibt eine sichtbare Reaktion aus, ist das kein Grund, Musik sofort aufzugeben.
Professionelle Musiktherapie kann über Entlastungsleistungen aus dem Pflegegrad-Budget finanziert werden: Dafür stehen 125 Euro pro Monat zur Verfügung. Angebote gibt es in Tagespflege und Pflegeheimen
