Am Samstag, dem 31. Oktober 2026, soll in knapp 30 deutschen Städten demonstriert werden. Aufgerufen haben die Gruppierungen „Gen Z regelt“ beziehungsweise „Gen Z steht auf“. Mobilisiert wird bundesweit und lokal über eine Website, TikTok, Instagram und Telegram. Auch an der FU Berlin dürfte der Protest deshalb Thema sein: Viele Studierende kennen die kurzen Videos und Aufrufe längst aus ihren Feeds.

Wer hinter der Bewegung steht, ist bislang nicht eindeutig geklärt. Das Impressum der Website wurde innerhalb einer Woche zweimal geändert, zuletzt war dort eine Schweizer Anschrift angegeben. Der Protestforscher Jannis Julien Grimm hält diese lose Organisationsstruktur für typisch für entstehende Protestbewegungen. Sie bildeten sich häufig zunächst über informelle Netzwerke, persönliche Kontakte und digitale Kommunikationsstrukturen. Klare Zuständigkeiten, Sprecherrollen und ein ausgearbeitetes Programm entstünden – wenn überhaupt – oft erst später. Als Beispiel nennt Grimm Fridays for Future.

Eine Generation, mehrere Definitionen

„Gen Z“ ist keine einheitlich definierte Altersgruppe. Das Pew Research Center zählt Menschen dazu, die nach 1996 geboren wurden. Die Bundeszentrale für politische Bildung fasst darunter die Jahrgänge 1995 bis 2010. Gemeinsam ist ihnen zumindest, dass sie mit digitalen Medien und Smartphones aufgewachsen sind.

„Gen Z regelt“ erklärt sich solidarisch mit Schülerprotesten in Frankreich. Auf der eigenen Website nennt die Gruppierung sechs Forderungen: mehr Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie statt Kürzungen; ein bezahlbares Leben und eine stärkere politische Berücksichtigung der Sorgen der Bevölkerung; eine gerechte Verteilung der Lasten statt Einsparungen bei der jungen Generation; die Ablehnung der Wehrpflicht und eine Beteiligung junger Menschen an Entscheidungen über ihre Zukunft; den Schutz der Grundrechte statt einer weiteren Ausweitung der Überwachung sowie konsequenten Klimaschutz.

Grimm erkennt darin Themen, die derzeit in mehreren europäischen Ländern auftauchen: politische Ohnmacht und wachsende Zukunftsunsicherheit, zunehmende soziale Ungleichheit und steigende Lebenshaltungskosten, unterfinanzierte Bildungssysteme, die Klimakrise und ihre langfristigen Folgen für jüngere Generationen. Dazu kommen Militarisierung, Debatten über Wehrpflicht und Aufrüstung – und die Frage, wer dafür bezahlen soll.

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In alternden Gesellschaften könne daraus ein Generationenkonflikt entstehen, sagt Grimm. Junge Menschen seien von langfristigen Folgen besonders betroffen, hätten aber vergleichsweise wenig politisches Gewicht. Protest ist für noch nicht wahlberechtigte Schülerinnen und Schüler eine Möglichkeit, ihre Interessen öffentlich sichtbar zu machen. Das klingt nüchtern, ist aber für viele ziemlich konkret: Es geht um Miete, Schule, Therapieplätze, Klima und die eigene Zukunft.

Zwischen Friedenssignal und Gewaltdebatte

Nach den Ausschreitungen in Frankreich wird in Deutschland über mögliche Gewalt bei den Demonstrationen diskutiert. Das Bundesinnenministerium erklärte, es gebe bislang keine konkreten Aufrufe zu Gewalt und keine weitergehenden Erkenntnisse über geplante gewalttätige Ausschreitungen.

Gleichzeitig hätten Teile der linksextremistischen Szene sowie einzelne Gruppierungen aus dem auslandsbezogenen Extremismus die Aufrufe aufgegriffen und sich an der Mobilisierung beteiligt. Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel bestätigte Aufrufe, die an die Proteste in Frankreich anknüpfen wollten. Diese fänden derzeit jedoch wenig Resonanz. Konkrete Hinweise auf geplante Plünderungen wie in Frankreich lägen nicht vor.

Grimm hält Ausschreitungen in vergleichbarem Ausmaß für unwahrscheinlich. Er verweist unter anderem auf das härtere Vorgehen der französischen Polizei und die geringere gesellschaftliche Akzeptanz konfrontativer Protestformen in Deutschland. Die Protestforscherin Nina-Kathrin Wienkoop warnt allerdings davor, dass die erwartete Eskalation die polizeiliche Einsatzplanung beeinflusse. Maßgeblich sollten Teilnehmerzahlen und Erkenntnisse vor Ort sein – nicht nur Schlagzeilen im Vorfeld.

Die hohe Aufmerksamkeit für den Protesttag hängt laut Wienkoop vor allem mit den Ausschreitungen im Nachbarland Frankreich zusammen. Ohne diese Ereignisse würde mögliche Gewalt in Deutschland vermutlich weniger stark in Medien und Politik thematisiert. Dazu kommen Äußerungen von Politikern und Polizeivertretern.

Der GdP-Bundesvorsitzende Jochen Kopelke sagte der „Bild“, es gebe Personen, die die Proteste für Gewalt gegen die Polizei nutzen wollten. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) verwies auf Aufrufe aus der linksradikalen Szene. Er kritisierte, dass Halloween wegen der Möglichkeit zur Maskierung ausgewählt worden sei, und warnte vor Körperverletzungen und Sachbeschädigungen. Redmann sprach von einem Versuch, französische Verhältnisse nach Deutschland zu übertragen.

Was die Organisatoren selbst sagen

Auf ihrer Website betont „Gen Z regelt“, der Protest sei ausnahmslos friedlich. Gewalt gegen Menschen oder Sachen widerspreche den Zielen der Bewegung. Ein Instagram-Post des Kontos „genzregelt“, dem mehr als 9.000 Menschen folgen, formulierte diese Haltung allerdings weniger eindeutig.

Dort wurde unter anderem eine mögliche „Enteignung“ eines Gucci-Ladens thematisiert. Außerdem warnte der Beitrag davor, zwischen friedlichen und gewaltbereiten Demonstrierenden zu unterscheiden. Das steht sichtbar neben dem Friedensbekenntnis der Website – und dürfte die Debatte bis Samstag weiter anheizen.

Demonstrationen waren zuletzt in knapp 30 deutschen Städten angekündigt. In Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt und München will „Gen Z“ nach eigenen Angaben Inhalte und Ablauf selbst organisieren. Wie viele Menschen tatsächlich kommen, welche Gruppen sich anschließen und ob die lose Struktur den Tag trägt, wird sich erst auf der Straße zeigen. Bis dahin bleibt vieles digital: ein Post, ein neuer Aufruf, ein Chat, der plötzlich überquillt.

Für den 29. Oktober 2026, zwei Tage vor dem angekündigten Protest, liegt der entscheidende Punkt damit weniger in einer klaren Organisationszentrale als in der Geschwindigkeit, mit der sich Inhalte verbreiten. Zwischen berechtigten sozialen Forderungen, Solidarität mit französischen Schülerprotesten und Warnungen vor Gewalt ist die Bewegung schwer zu vermessen. Gerade das macht sie für Sicherheitsbehörden, Politik und die Öffentlichkeit so unübersichtlich.

Quelle: t-online.de