HMU Erfurt überschreitet die 1.000er-Marke und baut Human- und Zahnmedizin aus
Am 9. Oktober 2026 ist die private Health and Medical University (HMU) in Erfurt endgültig aus dem Schatten kleinerer Hochschulgründungen herausgetreten: Zum Herbstsemester studieren dort erstmals mehr als 1.000 Menschen Humanmedizin. Seit dem Start im April 2023 hat sich die Zahl damit ungefähr verzehnfacht. Die HMU ist eine eigenständige private Hochschule und wurde am 23. August 2021 durch das Thüringer Wissenschaftsministerium staatlich anerkannt.
Der Weg dorthin ist allerdings kein günstiger. Im ersten und zweiten Studienabschnitt kostet Humanmedizin 1.500 Euro im Monat, im Praktischen Jahr 300 Euro. Dazu kommen eine einmalige Einschreibegebühr von 100 Euro sowie 500 Euro Bewerbungsgebühr je Verfahren. Bei zwölf Semestern plus drei Monaten Regelstudienzeit landet die Gesamtsumme im sechsstelligen Bereich. Die vergleichsweise niedrigen Lebenshaltungskosten in Erfurt fangen davon nur einen Teil ab.
Lehre zwischen OP und Hörsaal
Am Helios-Klinikum Erfurt in der Nordhäuser Straße hat die HMU einen neuen Hörsaal auf einer Lehrstation eröffnet. Für Dozentinnen und Dozenten, meist Klinikärzte, werden die Wege kürzer: schneller aus dem OP in die Lehrveranstaltung und wieder zurück. Bereits 2025 wurde für Studierende im klinischen Abschnitt eine eigene Lehrstation eingerichtet. Das Helios-Klinikum ist das größte Krankenhaus der Region, ein Haus der Maximalversorgung und akademisches Lehrkrankenhaus. Weitere klinische Rotationen finden an kooperierenden Häusern in Thüringen statt.
In den Skill-Labs üben die Studierenden EKG-Auswertung, Blutabnahmen sowie Seh- und Reflextests. Im klinischen Unterricht am Krankenbett untersuchen sie mit Zustimmung Patientinnen und Patienten und begleiten Operationen. Das ist der Teil des Studiums, bei dem aus Lernstoff plötzlich ein Mensch mit kalten Händen, Fragen und echter Krankengeschichte wird.
Annemarie Ernst gehört zum ersten Jahrgang der HMU. Sie schätzt Seminargruppen mit höchstens 20 Personen, die intensive Betreuung und den engen Kontakt zu den Dozentinnen und Dozenten. Ihre Eltern übernehmen die Studiengebühren. Neben dem Studium arbeitet Ernst im Rettungsdienst, auch in Nacht- und Wochenendschichten – ein straffer Kalender, bei dem der Kaffee vermutlich nicht nur Dekoration ist.
Aaron Lange aus Leipzig hat sein Abitur mit 1,6 abgeschlossen und möchte Herzchirurg werden. Als Tutor hilft er Mitstudierenden bei der Prüfungsvorbereitung und verdient damit zusätzlich Geld. Ein Wechsel an eine staatliche Universität ist insbesondere nach dem Physikum möglich. Nach Angaben der HMU liegt die Abbrecher- oder Wechselquote unter fünf Prozent. Gründungsrektor Thomas Steiner erwartet zugleich, dass künftig häufiger Studierende von staatlichen zu privaten Hochschulen wechseln.
Kein NC, aber ein hoher Preis
Die Bewerbung an der HMU läuft ohne Abiturnotengrenze und direkt bei der Hochschule, nicht über Hochschulstart. Nach der schriftlichen Bewerbung folgt ein persönliches Auswahlverfahren mit einem hochschulinternen Medizinertest. Im Gespräch werden neben dem Testergebnis Motivation und Eignung geprüft. Bewerbungen sind laufend und ohne feste Fristen möglich; eine Bewerbungsgebühr fällt an. Private Medical Schools verzichten grundsätzlich auf den NC, der an staatlichen Universitäten laut dem Vergleichsartikel für Humanmedizin etwa zwischen 1,0 und 1,2 liegt. Selbst mit sehr guter Abiturnote können dort Wartezeiten entstehen.
Als Auswahlkriterien privater Hochschulen kommen außerdem naturwissenschaftliche Vorkenntnisse, Pflegepraktikum, FSJ, BFD oder eine Ausbildung im Gesundheitswesen infrage. Die Abiturnote ist nicht allein entscheidend; laut dem Vergleich sind auch mit einem Schnitt von 2,0 bis 3,0 Chancen möglich. Bewerbungen an mehreren privaten Hochschulen parallel sind möglich. An staatlichen Hochschulen werden Studienplätze laut dem Artikel zu 30 Prozent nach Abiturnote, zu 10 Prozent über die Zusätzliche Eignungsquote und zu 60 Prozent im Auswahlverfahren der Hochschulen vergeben.
Der HMU-Studiengang führt zum Staatsexamen nach deutscher Approbationsordnung. Anschließend kann die Approbation bei der zuständigen Landesbehörde beantragt werden. Das Staatsexamen privater Hochschulen ist dem staatlicher Universitäten gleichgestellt und führt zur gleichen Approbation. Der Humanmedizinstudiengang durchlief ein Konzeptprüfungsverfahren beim Wissenschaftsrat; die HMU verweist auf einen entsprechenden Bescheid vom 6. Dezember 2018. Eine gesonderte Programmakkreditierung mit dem Siegel des Akkreditierungsrates ist für Staatsexamensstudiengänge gesetzlich nicht vorgesehen. Wegen der sechsjährigen Studienbindung wird vor Vertragsabschluss empfohlen, den aktuellen Anerkennungsstatus schriftlich bestätigen zu lassen.
Der Vergleich privater Humanmedizinstudiengänge nennt Gesamtkosten von etwa 62.880 bis 125.000 Euro. Für die HMU Erfurt werden 90.000 Euro bei 13 Semestern und einer Selbstzahlung von etwa 1.500 Euro monatlich genannt. In einer weiteren Studiengangsliste tauchen teilweise andere Beträge auf: Für die Universität Witten/Herdecke etwa 76.800 statt 62.880 Euro, für die Medizinische Hochschule Brandenburg 118.000 statt 125.000 Euro. Die Liste führt außerdem Witten/Herdecke mit Staatsexamen, zwölf Semestern und ab 76.800 Euro, die MHB mit zwölf Semestern und ab 118.000 Euro, die Medical School Hamburg mit zwölf Semestern, 1.500 Euro monatlich und insgesamt 93.600 Euro sowie die Medical School Berlin mit zwölf Semestern und ab 93.000 Euro.
Zum Vergleich: Die Universität Witten/Herdecke nennt 62.880 Euro, zwölf Semester und einen umgekehrten Generationenvertrag. Die HMU Potsdam und die Medical School Hamburg werden mit jeweils 94.500 Euro und zwölf Semestern aufgeführt, die MHB mit 125.000 Euro. Bei ihr kann ein Klinik-Stipendium oder eine nachgelagerte Finanzierung greifen. Bei Witten/Herdecke werden während des Studiums keine Gebühren gezahlt; zurückgezahlt wird nach dem Berufseinstieg einkommensabhängig über zehn Jahre. Partnerkliniken der MHB können bis zu 80.000 Euro übernehmen, dafür besteht eine mehrjährige Arbeitsbindung, häufig in ländlichen Regionen.
Für Selbstzahlung oder Kredit liegen die monatlichen Gebühren je nach Hochschule ungefähr bei 1.500 bis 2.190 Euro. Genannt werden der KfW-Studienkredit, Bildungsfonds wie Brain Capital oder Deutsche Bildung und Eigenmittel. Der KfW-Studienkredit deckt laut Vergleich maximal 650 Euro im Monat, BAföG maximal 992 Euro. Die Gebühren könnten sich je nach Hochschule in etwa drei bis acht Jahren amortisieren; für Witten/Herdecke wird eine Amortisation in unter vier Jahren genannt.
Zahnmedizin kehrt zurück
Seit 2026 wird in Erfurt wieder Zahnmedizin angeboten – mehr als 30 Jahre nach der Abwicklung der früheren Zahnklinik. 118 Studierende sind erstmals eingeschrieben. Damit hat die HMU pro Jahr mehr Zahnmedizinstudierende als die Universität Jena. Bis zum Frühjahr entstehen im Forschungscampus Bindersleben 60 Übungsarbeitsplätze und 24 Zahnarztplätze. Zu den Kosten macht die HMU keine Angaben.
Der Vergleich privater Zahnmedizin nennt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde an der Universität Witten/Herdecke 101.280 Euro bei zehn Semestern und einen Generationenvertrag. Die MHB wird mit 132.000 Euro bei elf Semestern aufgeführt, die HMU Erfurt mit 144.540 Euro bei elf Semestern und etwa 2.190 Euro im Monat. In der Studiengangsliste stehen für Witten/Herdecke 110.400 Euro.
Derzeit nutzt die HMU knapp 9.000 Quadratmeter; 2026 kommen fast 2.000 Quadratmeter hinzu. In einigen Jahren könnte die Hochschule bis zu 2.000 Studierende haben. Neben Human- und Zahnmedizin bietet sie Psychotherapie und Medizinpädagogik an. Biomedizin ist geplant, ein Studiengang im Hebammenwesen wird diskutiert.
Der Hochschulverbund IRO umfasst neben Hamburg, Potsdam und Erfurt inzwischen auch Standorte in Düsseldorf und München. Dadurch kommen weniger Bewerberinnen und Bewerber aus Nordrhein-Westfalen, aber weiterhin deutlich mehr als 200 Studienanfänger pro Jahr. Die neuen Studierenden stammen zunehmend aus Mitteldeutschland und Bayern. Die HMU hofft, dass dadurch mehr Absolventinnen und Absolventen als Ärztinnen und Ärzte in Thüringen, Sachsen oder Sachsen-Anhalt bleiben.
Vom Staatsexamen bis Digital Health
Der Fachbereich Medizin umfasst laut Anbieter 56 Studiengänge, zunächst werden 20 dargestellt. Neben Humanmedizin und Zahnmedizin finden sich etwa Molekulare Biomedizin, Medizinök
