Medizin auf dem Land: Wie Lausitz und Brandenburg dem Ärztemangel begegnen
Heute, am 28. September 2026, richtet sich der Blick von der Universität Potsdam nach Cottbus: An der neuen Medizinischen Universität Lausitz – Carl-Thiem (MUL-CT) sollen am 11. Oktober die ersten 36 Studierenden immatrikuliert werden. Zehn von ihnen stammen aus Brandenburg. Vielleicht bleiben einige später in der Region und helfen dort, wo Ärztinnen und Ärzte schon heute dringend gesucht werden.
Wie groß der Druck ist, zeigt ein Beispiel aus dem Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum. Die Suche nach einem Chefarzt für die Dermatologie blieb mehrere Jahre erfolglos. Die Abteilung konnte deshalb nur mit einer kommissarischen Leitung aufrechterhalten werden. MUL-CT-Vorstandsvorsitzender Professor Eckhard Nagel nannte diesen Zustand am Montag bei der Brandenburger Landespressekonferenz „frustran“.
Wenn die Diagnose lange auf sich warten lässt
Am CTK geht es nicht nur um fehlende Ärztinnen und Ärzte. Seit 2020 stehen beim Förderverein des Carl-Thiem-Klinikums seltene Krankheiten im Mittelpunkt. Für Betroffene beginnt oft eine lange, schwierige Suche bis zur Diagnose. Und selbst danach bleibt für die Familien vieles offen, organisatorisch wie emotional.
Der Förderverein will deshalb die Versorgung und Behandlung von Patientinnen und Patienten mit seltenen und chronischen Erkrankungen fördern und verbessern. Eine Anlaufstelle ist das Sozialpädiatrische Zentrum des CTK, das sich an betroffene Kinder und ihre Familien richtet. Für Diagnostik und Therapie müssen mehrere Fachbereiche zusammenarbeiten; die fachübergreifende Recherche und Abstimmung kostet Zeit.
Viele Familien schließen sich Selbsthilfegruppen an. Dort tauschen sie Erfahrungen aus und suchen nach möglichen neuen Therapieansätzen für ihre Kinder. Der CTK-Förderverein unterstützt sowohl die betroffenen Familien als auch diese Gruppen.
Pflegekräfte fahren dorthin, wo die Praxis weit weg ist
Wie Versorgung auf dem Land trotz knapper ärztlicher Ressourcen funktionieren kann, zeigt das Modellprojekt „Erwin“ – die Abkürzung steht für „Erweiterte Übertragung von arztentlastenden Tätigkeiten in ArztNetzen“. In Gröditz an der Grenze zwischen Sachsen und Brandenburg betreut Krankenpfleger Dirk Becker immobile Patientinnen und Patienten zu Hause.
Speziell weitergebildete Pflegefachkräfte übernehmen dabei Aufgaben, die normalerweise Ärztinnen und Ärzten vorbehalten sind. Das vom Bund und zwei Krankenkassen geförderte Projekt endete nach zwei Jahren im Februar 2026. Ob „Erwin“ in einen dauerhaften Regelbetrieb überführt wird, wird derzeit geprüft. Bis dahin finanziert das Ärztenetzwerk Medis Becker und eine Kollegin vorübergehend selbst.
Zu Beckers Patienten gehört der 85-jährige Bernd Hantusch. Nach rund 20 Operationen ist er stark eingeschränkt mobil und sagt, er habe in den vergangenen Jahren mehr Zeit im Krankenhaus als zu Hause verbracht. Becker misst seinen Blutdruck, hört ihm zu und unterstützt ihn auch emotional. Früher arbeitete der Krankenpfleger im Krankenhaus. Wegen des hohen Zeitdrucks für die Patienten wechselte er in die aufsuchende Versorgung.
Als Bindeglied zwischen Hausärzten und abgelegen lebenden Patienten passt Becker Medikamente an und schätzt Krankheitsverläufe ein – jeweils in Abstimmung mit den Ärzten. Die Hausbesuche ersparen den Patientinnen und Patienten den Weg in die Praxis; gleichzeitig müssen Ärzte nicht für jeden Termin lange Strecken über Land fahren. Ein Ziel des Projekts ist es, gesundheitliche Probleme früh zu erkennen und dadurch Krankenhauseinweisungen zu vermeiden.
Hausarzt Andreas Hagenow aus Elsterwerda berichtet von einem spürbaren Rückgang der Einweisungen. Teamarbeit zwischen Ärzten und speziell qualifizierten Pflegekräften werde künftig unverzichtbar sein, sagt er. Dass der Nutzen trotz der Pilotphase erneut umfassend untersucht werden soll, kritisiert Hagenow.
Erstkontakt mit „Anna“
Im Medizinischen Versorgungszentrum „Alte Poliklinik“ in Lauchhammer erprobt ein vierköpfiges Ärzteteam weitere Modelle. Wer dort anruft, landet zunächst bei einer künstlichen Intelligenz namens „Anna“. Sie fragt Beschwerden ab, gibt Hinweise und vermittelt Patienten anhand des Krankheitsbilds an den passenden Arzt.
Die Gespräche werden in Echtzeit protokolliert. Bei akuten oder unklaren Fällen wird ein Mensch hinzugezogen – zum Glück, möchte man sagen. MVZ-Leiter Tobias Kroggel übernahm die Poliklinik vor mehr als zwei Jahren und baute sie gemeinsam mit seiner Frau um.
Das Zentrum hat einen eigenen Server zur Verwaltung der Patientendaten, eine eigene App, eine elektronische Patientenakte und KI-gestützte Anwendungen. Alle vier Ärzte können auf die Patientendaten zugreifen, sich über Behandlungen abstimmen und sich gegenseitig vertreten. Geöffnet ist das MVZ 50 Stunden pro Woche.
Zusätzlich gibt es Präventionsberatung, unter anderem zur Ernährung, sowie Unterstützung bei der Suche nach Fachärzten. Seit der Gründung wächst der Patientenstamm; in einzelnen Quartalen kommen laut Kroggel bis zu 800 neue Patienten hinzu.
Das Ärzteteam erwartet, dass kompetente Erstanlaufstellen angesichts des Ärztemangels und des demografischen Wandels an Bedeutung gewinnen. Ambulante Behandlung, stationäre Einweisung oder Facharzttermin sollen gezielter unterschieden werden. Auf dem Land ist das keine Nebensache, sondern entscheidet mitunter darüber, ob jemand rechtzeitig Hilfe bekommt oder erst einmal stundenlang wartet.
Die rbb24-Reportage „Krank auf dem Land – Ideen gegen den Ärztemangel“ wurde für den 28. April 2026 um 20:15 Uhr im rbb-Fernsehen und in der ARD-Mediathek angekündigt.
