ODER-Tagung in Frankfurt (Oder) vernetzt Notfallmedizin, Luftrettung und Rettungsdienst
Am 10.10.2026 ist am Klinikum Frankfurt (Oder) erstmals der „Ostbrandenburger Dialog Emergency & Rescue“ – kurz ODER – über die Bühne gegangen. Eröffnet wurde die Veranstaltung von den Chefärzten der Zentralen Notaufnahme, Dr. Ronny Enk und Dr. Dominik Treffer, gemeinsam mit Frankfurts Oberbürgermeister Dr. Axel Strasser.
Im Mittelpunkt stand ein Fachprogramm, das Universitätsmedizin, Luftrettung, Bundeswehr und Rettungsdienst zusammenbrachte. Es ging um Situationen, in denen Sekunden zählen und Zusammenarbeit nicht bloß gut klingt, sondern funktionieren muss: von der interdisziplinären Notfallversorgung und der Behandlung Schwerverletzter bis zur Luftrettung, zu Drogenintoxikationen und Hochrisiko-EKGs.
Viele Fachrichtungen, ein Notfall
Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz in der Akutmedizin, professionelle Notfallpflege, neue Entwicklungen in der Schlaganfallversorgung sowie die Vorbereitung auf radiologische und nukleare Notfalllagen standen auf dem Programm. Ein weiterer Schwerpunkt war die Neugeborenen-Reanimation. Neben der Wissensvermittlung ging es ausdrücklich um den interdisziplinären Austausch zwischen den beteiligten Berufsgruppen und Organisationen.
Auf dem Podium und in den Fachbeiträgen waren Dr. Ronny Enk und Dr. Dominik Treffer, Chefärzte der Klinik für Akut- und Notfallmedizin am Klinikum Frankfurt (Oder), ebenso vertreten wie Oberstabsarzt Dr. F. Fulisch vom Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz und Regionalen Strahlenschutzzentrum Koblenz sowie Prof. Dr. C. Hanshans von der Hochschule München/Universitätsklinikum Würzburg.
Aus dem Klinikum Frankfurt (Oder) kamen außerdem Dr. D. Koppe, Chefarzt der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, Dr. F. Nestler, Leitender Oberarzt für Anästhesie, Prof. Dr. A. Wutzler, Chefarzt der Medizinischen Klinik II – Kardiologie, PD Dr. A. Hartmann, Chefarzt der Klinik für Neurologie, Dr. A. Schilling, Chefarzt des Instituts für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie, sowie PD Dr. M. Cremer, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin.
Weitere Referierende waren Dr. F. Reifferscheid von der DRF Stiftung Luftrettung, Dr. C. Hüser vom Giftnotruf der Charité Berlin sowie von ToxDocs.de und ToxInfo.de, Dr. O. Eckermann, Ärztlicher Leiter der ADAC-Luftrettungsstation Senftenberg, und M. Stanley, Notfallsanitäter bei Northern Helicopter und stellvertretender Vorsitzender des DBRD.
Hinzu kamen Dr. J. Wortha, Koordinatorin Pflegemanagement im Asklepios-Konzernbereich Pflege, sowie Prof. Dr. H. Dormann, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Klinikum Fürth und Vizepräsident der DGINA. Das Klinikum bewertete die Resonanz als Grundlage für eine Fortführung des fachlichen Austauschs im Rahmen des ODER.
Der Rettungsdienst steht unter Druck
Wie dringend solche Gespräche sind, zeigt auch ein Positionspapier der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Am 17. Januar 2025 veröffentlichte sie „Rettungsdienst 2030: Strategien für eine nachhaltige präklinische Notfallversorgung“. Das frei zugängliche Papier erschien in der Fachzeitschrift Notfall + Rettungsmedizin bei Springer Medizin.
Die DIVI beschreibt Reformbedarf angesichts des Fachkräftemangels, des demografischen Wandels und einer abnehmenden Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung. Ziel ist ein effizienterer und wirksamerer Rettungsdienst: mit klareren Einsatzindikationen, weniger Fehleinsätzen, optimierter Personalausstattung und einer einheitlichen, standardisierten digitalen Dokumentation in interoperablem Format.
Vier Reformbausteine stellt das Papier heraus. Leitstellen sollen eine stärkere Rolle bekommen und Ressourcen gezielter steuern können, einschließlich erweiterter Reaktionsmöglichkeiten. Notfallsanitäter:innen sollen weiterentwickelt werden, unter anderem durch Akademisierung, damit Versorgungslücken geschlossen und der Beruf attraktiver wird.
Außerdem geht es um angepasste Kompetenzen im Notarztdienst und die Integration von Telenotärzt:innen. Effiziente Strukturen, interprofessionelle Zusammenarbeit und standardisierte digitale Dokumentation gehören ebenfalls dazu. Die DIVI fordert übergreifende Qualitätsstandards sowie telemedizinische Lösungen zur Unterstützung der Leitstellen.
Notfallsanitäter:innen sollen künftig verstärkt Aufgaben übernehmen, für die keine ärztliche Anwesenheit erforderlich ist. Präsenznotärzt:innen könnten dadurch häufiger bei komplexen Notfällen eingesetzt werden; ihre Rolle bleibt laut DIVI unverzichtbar. Das klingt auf dem Papier nüchtern. Im Einsatzalltag hängen daran allerdings Entscheidungen, Wege und manchmal sehr knappe Minuten.
Reformvorschläge liegen auf dem Tisch
Hauptautorin des DIVI-Papiers ist Dr. Janina Bathe, Sprecherin der DIVI-Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin. Mitautor Dr. David Häske ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Zentrums für öffentliches Gesundheitswesen und Versorgungsforschung der Universität Tübingen.
DIVI-Präsident Prof. Florian Hoffmann erklärt, die Notfallversorgung sei seit mehr als 20 Jahren erkennbar ineffizient, nicht bedarfsgerecht, teilweise schlecht erreichbar und durch Ressourcenverschwendung teuer. Trotz dieser lange bekannten Entwicklung gebe es bislang keine zukunftssichere Strategie.
Hoffmann fordert die neue Bundesregierung auf, den Gesetzentwurf zur Notfall- und Rettungsdienstreform schnell wieder aufzugreifen und umzusetzen. Jede politische Verzögerung verlängere den Reformprozess und verschärfe die bestehenden Probleme. Die DIVI hatte ihre Reformvorschläge und den Reformbedarf bereits Anfang Dezember auf einer Pressekonferenz in Hamburg vorgestellt.
In Frankfurt (Oder) bekam der Austausch derweil einen konkreten Rahmen: ein Tag, viele Professionen, ziemlich unterschiedliche Blickwinkel – und die gemeinsame Suche nach Lösungen für den Moment, in dem der Alarm losgeht.
