Am 31. Oktober soll es in 23 deutschen Großstädten laut werden. Die Initiative „Gen Z regelt“ kündigt Proteste an, bis Mitte der Woche hatten sich auf der Plattform rund 150.000 Menschen als Interessierte gemeldet. Es geht um Bildung, soziale Sicherheit, Gesundheit, Klimaschutz und ein Leben, das man sich auch leisten kann. Dazu kommen die Wehrpflicht und steigende Lebenshaltungskosten.

Der Termin fällt auf Halloween. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) vermutet, dass die Organisatoren den Tag wegen der Masken gewählt haben. Politiker, Innenminister und Polizeipräsidenten warnen vor möglichen Ausschreitungen und davor, dass Linksextremisten die Demonstrationen ausnutzen könnten. Größere Ausschreitungen gelten allerdings als eher unwahrscheinlich. Mögliche Gewalt in einzelnen Stadtteilen wäre nach der Einschätzung des zugrunde liegenden Artikels eher sozial als politisch motiviert.

Zwischen Solidarität und Sorge vor Gewalt

In Frankreich haben Jugendliche Proteste für bessere Bildung aufmerksam verfolgt. Dort gingen erneut Hunderttausende für mehr Geld für Schulen auf die Straße; nach Einbruch der Dunkelheit kam es vielerorts zu Gewalt. Europaweit protestieren Schülerinnen, Schüler und Studierende für bessere Lern- und Studienbedingungen, unter anderem in Spanien, Frankreich, Italien, Albanien und Deutschland.

Der 18-jährige Steven Sedehi, der 2026 sein Abitur machte, organisierte in München gemeinsam mit der „Bayerischen Schüler*innen Bewegung“ eine Demonstration aus Solidarität mit französischen Schülerinnen und Schülern. Die Eskalationen kritisiert er. Proteste dürften nicht für andere Zwecke instrumentalisiert werden, sagt er, und müssten friedlich bleiben.

Auch in Frankfurt gehen die Meinungen auseinander. Giacomo Hupka (18) befürwortet Proteste für wichtige Anliegen, lehnt Gewalt und Plünderungen aber ab. Joel Klein (18) war angesichts der Bilder aus Frankreich in sozialen Medien erschrocken und nannte die Ereignisse „krass“. Stella Mohrig (18) findet es gut, dass junge Menschen für ihre Generation eintreten, und wünscht sich das auch in Deutschland – ohne Zerstörung.

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Joel Klein würde die deutschen Demonstrationen als deutliches Zeichen unterstützen. Stella Mohrig befürwortet friedliche Proteste, meinetwegen auch in Halloween-Kostümen. Larry Pinto (18) sieht dagegen keinen Grund für Proteste in Deutschland und war mit der Unterstützung während seiner Schulzeit zufrieden. Luisa (23) will aus Sorge vor einer Eskalation wie in Frankreich nicht teilnehmen.

Sedehi und seine Mitstreiter wollen am 31. Oktober dabei sein, waren zunächst aber unsicher, wer hinter „Gen Z regelt“ steht. Auf ihrer Website bezeichnet sich die Gruppe als überparteilich. Sie will auf Probleme im deutschen Bildungssystem aufmerksam machen: Unterrichtsgestaltung, Lehrmethoden, Prüfungen und eine zunehmende Stoffmenge. Dahinter steckt eine grundlegende Unzufriedenheit vieler Jugendlicher mit dem Eindruck, dass ihre Zukunft nicht ausreichend berücksichtigt wird.

Der stille Protest heißt Auswandern

Während in Frankreich und Deutschland über Demonstrationen gesprochen wird, spielt sich ein anderer, leiserer Vorgang ab: Junge Menschen verlassen das Land. Laut Statistischem Bundesamt sind seit 2000 netto rund 330.000 Deutsche im Alter von 18 bis 30 Jahren ausgewandert. Brutto verlassen jährlich mehr als 80.000 Menschen dieser Altersgruppe Deutschland. Bei den 30- bis 41-Jährigen liegen die Zahlen ähnlich hoch, rund 30.000 Menschen über 60 wandern jedes Jahr aus. Die wichtigsten Zielländer sind die Schweiz und Österreich.

Eine Allensbach-Befragung nennt als wichtigste Gründe, dass 51 Prozent der Auswanderer andere Länder besser gefielen. 49 Prozent verwiesen auf die Politik der Bundesregierung; Mehrfachnennungen waren möglich. Auffällig ist die Ausbildung der Wegziehenden: 75 Prozent haben einen Hochschulabschluss. In der erwachsenen Gesamtbevölkerung Deutschlands liegt dieser Anteil bei etwa 25 Prozent.

Der deutsche Arbeitsmarkt wirkt dabei nicht wie ein völlig chancenloser Ort. Deutschlands Jugendarbeitslosenquote beträgt laut Eurostat 7,2 Prozent, gegenüber 20,7 Prozent in Frankreich und 18,9 Prozent in Italien bei den unter 25-Jährigen. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt laut Artikel 23 Prozent über dem französischen und 40 Prozent über dem italienischen.

Und trotzdem knirscht es. Armutsrisiko und Wohnkostenbelastung seien ähnlich hoch wie in Frankreich und Italien. Schulen und Universitäten seien nur durchschnittlich ausgestattet, das Bildungsniveau liege laut Pisa-Studien niedrig. Die Steuer- und Abgabenbelastung sei international sehr hoch; laut OECD liegt nur Belgien darüber. Für junge Leute klingt das weniger nach Standortvorteil als nach einer Rechnung, die jeden Monat neu auf dem Küchentisch liegt.

Mehr Geld im Ausland, weniger Zuversicht daheim

Eine Studie der Universität Duisburg-Essen und des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung befragte 10.000 in Deutschland geborene Auswanderer. Das Ergebnis ist für den hiesigen Arbeitsmarkt ziemlich unbequem: Im Ausland lebende Deutsche verdienen durchschnittlich 12.000 Euro pro Jahr mehr als in Deutschland. Mit höherer Bildung steigt laut Studie der Einkommensvorteil.

Vom Ort der Berichterstattung, der Uni Duisburg Essen, führt die Spur damit direkt zu einer politischen Frage. Der Ökonom Wido Geis-Thöne vom Institut der deutschen Wirtschaft fordert, Deutschland müsse seine Attraktivität als Wohn- und Arbeitsort für Fachkräfte stärken oder erhalten. Wanderten mehr hochqualifizierte Fachkräfte ab, könnten sich Arbeitskräfteengpässe verschärfen; zugleich könnten Innovations- und Entwicklungskraft der Wirtschaft leiden.

Der Artikel beschreibt Frankreich als mögliches sozioökonomisches Zukunftsszenario für Deutschland – mit hohen Ausgaben, Schulden, Steuern und Beiträgen. Wirtschaftsweise wie Veronika Grimm forderten demnach bereits seit 2018 eine Trendwende bei staatlichen Einnahmen und Ausgaben. Kritisiert wird außerdem eine Politik, die Rentner begünstige, während für die jüngere Generation weniger getan werde.

Als Beispiele nennt der Artikel einen fünfmonatigen Tankrabatt, der mehr als fünf Milliarden Euro kostete, sowie eine geplante Frühstartrente. Sie soll nur für ab 2020 Geborene gelten und auch wohlhabenden Kindern zugutekommen. Gleichzeitig könnte ausgerechnet die GenZ von einer erneuten Wehrpflicht betroffen sein – eine Kombination, bei der man schon zweimal hinschaut.

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ liefert dazu eine klare Zahl: 41 Prozent der 14- bis 29-Jährigen können sich vorstellen auszuwandern, 21 Prozent haben bereits konkrete Pläne. Dabei sind die Möglichkeiten ungleich verteilt. Gut ausgebildete, international mobile junge Menschen können vergleichsweise leicht gehen. Jugendliche mit geringeren Bildungs- und Berufschancen müssten eher in Deutschland bleiben, selbst wenn sie sich hier nicht gut aufgehoben fühlen.

Am 27.10.2026 ist also noch offen, wie voll die Straßen am 31. Oktober tatsächlich werden. Sicher ist nur: Hinter den Plakaten, Kostümen und Debatten über mögliche Randale steckt mehr als ein einzelner Protesttag. Manche Jugendliche wollen ihre Schule verändern. Andere schauen bereits nach Zürich oder Wien. Und wieder andere bleiben – nicht unbedingt, weil sie überzeugt sind, sondern weil Weggehen für sie keine echte Option ist.