Devrimsel Deniz Nergiz übernimmt Leitung der Bremer Landesantidiskriminierungsstelle
Devrimsel Deniz Nergiz soll Anfang November die Leitung der neuen Landesantidiskriminierungsstelle (LADS) in Bremen übernehmen. Am 28. Oktober soll sie zunächst ihre Ernennungsurkunde erhalten. Heute, am 15. Oktober 2026, bereitet sie den Start bereits vor: Sie knüpft Kontakte zu bestehenden Netzwerken in Bremen und führt Gespräche in Bremen und Bremerhaven.
Die Bremische Bürgerschaft hatte Nergiz am 23. September zur Antidiskriminierungsbeauftragten gewählt. Ein erster Wahlgang am 26. August war gescheitert. Vier Abweichler aus der Koalition stimmten damals nicht mit, am Ende stand es 40 zu 40 Stimmen bei einer Enthaltung. Bürgerschaftspräsidentin Antje Grotheer (SPD) stellte daraufhin fest, dass Nergiz nicht gewählt sei. Als persönliche Niederlage empfand sie diesen Ausgang nach eigenen Angaben trotzdem nicht.
Ein Amt mit eigener Erfahrung
Nergiz ist Anfang 40 und wurde in der Türkei geboren. Anfang der 1990er-Jahre kam sie im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland. In Mannheim besuchte sie die Schule bis zum Abschluss der sechsten Gymnasialklasse, dann kehrte die Familie in die Türkei zurück. Dort studierte sie mit Stipendien an der Bilgi-Universität und an der privaten Koç-Universität.
Ihre preisgekrönte Dissertation an der Universität Bielefeld beschäftigte sich mit migrantischen Politikerinnen und Politikern in Deutschland. Finanziert wurde die Arbeit durch die Exzellenzförderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Heute, am 15. Oktober 2026, ist die Universität Bielefeld der Ort, an dem diese wissenschaftliche Station ihrer Laufbahn besonders deutlich zum Hintergrund der neuen Bremer Beauftragten gehört.
Nergiz ist Migrationssoziologin, war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hildesheim und lehrte an mehreren Universitäten in Deutschland und der Türkei. Außerdem forschte sie umfangreich zu Diskriminierung und sammelte praktische Erfahrung in der Bürgerberatung. Mustafa Güngör, Vorsitzender der SPD-Bürgerschaftsfraktion im Land Bremen, begründete ihre Auswahl mit dieser Erfahrung. Nergiz berücksichtige verschiedene Diskriminierungsformen gemeinsam und aus unterschiedlichen Perspektiven, sagte Güngör.
Im Bundestag arbeitete Nergiz zunächst für den Grünen-Abgeordneten Memet Kılıç aus Heidelberg, später im Team der CDU-Abgeordneten Cemile Giousouf aus Hagen. Giousouf war die erste muslimische CDU-Abgeordnete im Bundestag und ist seit Juni Vizepräsidentin der Deutschen Unesco-Kommission. Anschließend wurde Nergiz die erste hauptamtliche Geschäftsführerin des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrats und baute dessen Geschäftsstelle auf.
Beratung, Aufklärung und Sichtbarkeit
Die Koalition beschloss die Einrichtung der Landesantidiskriminierungsstelle. Sie soll Menschen unterstützen, die wegen ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Sexualität oder einer Behinderung diskriminiert werden. Geplant sind rechtliche Beratung und Aufklärung, außerdem sollen Diskriminierungsvorfälle dokumentiert und sichtbar gemacht werden.
Nergiz versteht das Amt als überparteiliche Aufgabe und sich selbst als Fachexpertin. Sie ist parteilos. „Ich stehe auf der Seite der Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind“, sagt sie. Antidiskriminierungsrecht sei für sie kein abstrakter Normentext.
Schon als Kind musste sie sich gegen Benachteiligung wehren. Ihre Einschulung in eine Regelklasse trotz körperlicher Behinderung erforderte einen langen Kampf ihrer Eltern mit dem Schulamt. Vielleicht erklärt das, warum sie bei dem Thema nicht nur in Paragrafen denkt, sondern auch an die langen Wege, die Familien vor Behörden zurücklegen müssen. Manchmal dauert so ein Kampf schlicht zu lange.
Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit soll deshalb sein, das Recht auf Diskriminierungsschutz bekannter zu machen. Gerade Menschen, die besonders stark betroffen sind, wissen oft nicht, wie sie sich gegen unfaire staatliche Behandlung wehren können und an wen sie sich wenden müssen. Diskriminierung kann im Alltag viele treffen – wegen des Geschlechts, von Krankheiten, der Sprache oder der sozialen Lage.
Bremen als Prüfstein
Für Bremen ist die soziale Lage ein wichtiger Hintergrund. Das Land hat mit einer Armutsquote von 27,5 Prozent die höchste bundesweit. Wenn die LADS ihre Arbeit aufnimmt, geht es daher nicht nur um einzelne Beratungsfälle, sondern auch um die Frage, ob Menschen ihre Rechte überhaupt kennen und praktisch nutzen können.
Die neue Stelle soll dabei nicht im luftleeren Raum starten. Im Oktober führte Nergiz in Bremen und Bremerhaven Gespräche und suchte den Kontakt zu bereits bestehenden Netzwerken. Anfang November soll sie ihre Stelle als Leiterin der LADS antreten. Bis dahin bleibt noch einiges zu sortieren – Unterlagen, Kontakte, Zuständigkeiten. Und vermutlich auch die eine oder andere Tasse Kaffee.
