Hamburgs Hochschulen warnen vor Studienplatzabbau und existenziellen Kürzungen
An der Universität Hamburg hat das Wintersemester begonnen, während im Hintergrund ein Streit über die Zukunft der Hamburger Hochschulen immer lauter wird. Zehntausende Studierende sind an den Hochschulen der Stadt eingeschrieben; allein an der Universität Hamburg lernen mehr als 43.000 Menschen. Gleichzeitig plant der Hamburger Senat Einsparungen im Wissenschaftsbereich.
Die Grundfinanzierung der Hochschulen soll von 2027 bis 2030 effektiv eingefroren werden. Die zuständige Behörde erklärt, auch die Wissenschaft müsse im kommenden Haushalt weniger ausgeben. Für die Hochschulen klingt das nach größeren Seminaren, zeitweise geschlossenen Bibliotheken und Laboren sowie dauerhaften Lücken beim Personal – in der Verwaltung ebenso wie in der Wissenschaft.
Weniger Plätze, weniger Personal
Ute Lohrentz, Vorsitzende der Landeshochschulkonferenz und Präsidentin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, hält den eingeschlagenen Weg für falsch. Gute Bedingungen für Studium und Forschung seien notwendig, um Fachkräfte auszubilden und wettbewerbsfähig zu bleiben. Nach der Sitzung des Hamburger Wissenschaftsausschusses am 28. August warnte die Landeshochschulkonferenz der neun staatlichen Hochschulen vor den Folgen des geplanten Doppelhaushalts 2027/2028.
Die LHK betont, finanzielle Rahmenbedingungen und Konsolidierungsdruck dürften Studium, Forschung und Innovation nicht beeinträchtigen. Die Hochschulen stünden zu den mit der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung, kurz BWFG, vereinbarten Zielen und Leistungen. Mit den vorgesehenen Mitteln seien diese Ziele allerdings nicht erfüllbar. Lohrentz fordert deshalb ein politisches Bekenntnis zur Wissenschaft und eine verlässliche Finanzierung.
Steigende Personal-, Energie- und Sachkosten führten bei unzureichender Gegenfinanzierung zu Einsparungen bei Studienangeboten und Personal, Forschung, internationalen Kooperationen, Digitalisierung und Wissenstransfer. Die LHK verlangt einen langfristig tragfähigen Finanzierungspfad, der die Kostenentwicklung berücksichtigt, vereinbarte Leistungen absichert und Planungssicherheit schafft.
An der Universität Hamburg sollen bis 2028 insgesamt 675 Studienanfängerplätze wegfallen. Die Zahl würde von knapp 9.500 auf gut 8.800 sinken. Als Grund nennt die Universität das geringere Lehrpersonal. Je nach Fachbereich könnten Lehrveranstaltungen voller und Tutorien seltener werden. Viele frei werdende Stellen in Wissenschaft und Verwaltung werden bereits nicht nachbesetzt.
Auch im Alltag ist der Sparkurs spürbar: Der Zugang zu den Fachbibliotheken für Sozial-, Wirtschafts- und Erziehungswissenschaften wurde aus Kostengründen reduziert. Beschaffungen, Dienstreisen, Fortbildungen und Lizenzen werden eingeschränkt. Der Hamburger Rechnungshof fordert laut Deutscher Presse-Agentur „harte Sparmaßnahmen“ und „spürbare Einschnitte“ unter anderem bei Bildung, Verkehr und Pensionen. Den tatsächlichen Konsolidierungsbedarf beziffert er auf eine Milliarde Euro – 400 Millionen Euro mehr als der Senat.
Die Studierendeninitiative „Bits gegen Cuts“ erklärt, die Bachelorstudiengänge Wirtschaftsinformatik und Software-System-Entwicklung sollten ab dem kommenden Jahr nicht mehr angeboten werden. UHH-Sprecher Alexander Lemonakis sagt dagegen, eine vollständige Einstellung der Wirtschaftsinformatik sei aktuell nicht geplant; über ihre künftige Ausgestaltung werde beraten. Für Software-System-Entwicklung liege kein Einstellungsbeschluss vor. Fest steht hingegen: Für den Lehramts-Aufbaustudiengang Pflege- und Therapiewissenschaft gibt es einen Zulassungsstopp, weil derzeit die Mittel zur Fortsetzung fehlen.
Bereits im Juni protestierten Beschäftigte und Studierende der Universität Hamburg. Am 11. Juni zogen nach Polizeiangaben rund 7.000 Menschen unter dem Motto „Wissen Schafft Zukunft“ vom Universitäts-Hauptgebäude zum Rathaus. Sie befürchteten Einschränkungen im Studienbetrieb, einen Rückgang der Studienplätze und den Verlust von bis zu 370 Vollzeitstellen.
Von der HAW bis zur HFBK
Die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg soll mindestens 660 Studienplätze verlieren. Ab 2028 sollen jährlich mindestens 220 Plätze abgebaut werden. Die HAW hat fast 17.000 Studierende und ist Hamburgs zweitgrößte Hochschule. Präsidentin Lohrentz warnt vor verzögerten Projekten und verschobenen Investitionen. Betroffen sein könnten Studiengänge und Kooperationen für die städtische Daseinsvorsorge, darunter Hebammen- und Pflegewissenschaften sowie Kooperationen mit der Feuerwehr Hamburg. Die konkreten Auswirkungen sollen noch bewertet werden.
Andreas Timm-Giel, stellvertretender Sprecher der Landeshochschulkonferenz und Präsident der Technischen Universität Hamburg, warnt, eine unzureichende Finanzierung gefährde neben der Leistungsfähigkeit der Hochschulen auch Hamburgs Zukunftsfähigkeit. Gerade die TU bildet Fachkräfte für die Stadt aus.
Für das Haushaltsjahr 2027 beschreibt die TU Hamburg ihre finanzielle Lage als stabil. Die Finanzierung einzelner Maßnahmen und Programme läuft jedoch im kommenden Jahr aus. Der Senat hat der TUHH eine Liste von Leistungen übermittelt, die künftig nicht mehr finanziert werden sollen. Dazu gehören Einschnitte bei der Gründungsförderung. Forschenden, die Start-ups gründen wollen, könnten dadurch weniger subventionierte Flächen zur Verfügung stehen. Ohne Ausgleich für Kostensteigerungen und höhere Gehälter könne die Leistungsfähigkeit der Universität sinken.
Die HafenCity Universität Hamburg trifft es nach den vorliegenden Plänen besonders hart. Der Senat will ihre Grundfinanzierung 2028 um 12 Millionen Euro kürzen. Begründet wird das mit hohen Rücklagen, die für den laufenden Betrieb eingesetzt werden sollen. Die HCU müsste als einzige Hamburger Hochschule 2028 mit einer Kürzung ihres Globalbudgets um nahezu 50 Prozent rechnen.
Die HCU weist diese Darstellung zurück. Ein Sprecher erklärt, es handle sich um zweckgebundene Mittel, die auf Wunsch der Behörde angelegt worden seien. Präsident Müller-Lietzkow sagt, die Hochschule habe der BWFG seit Mai mehrfach Kompromissvorschläge unterbreitet, von denen keiner aufgegriffen worden sei. Seit mehreren Jahren müsse die HCU wegen nicht ausgezahlter anderer Mittel auf zweckgebundene Rücklagen zurückgreifen. Mittel, die der HCU eigentlich zustünden, würden nach seinen Angaben zur Deckung von Lücken im Hamburger Haushalt verwendet. Ab 2028 entstehe dadurch ein strukturelles Defizit, das die Hochschule nicht mehr aus eigenen Mitteln decken könne.
In einem Brandbrief protestierten Hochschulmitglieder gegen die Pläne. Der Akademische Senat, der Hochschulrat und der Personalrat der HCU hatten bereits am 27. August an die Mitglieder des Wissenschaftsausschusses geschrieben. Eine unverhältnismäßige Kürzung bedrohe die HCU existenziell und werfe Fragen zur Gleichbehandlung, Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie auf.
Die Folgen wären unmittelbar: Etwa ein Fünftel aller Stellen soll wegfallen, betroffen wären rund 65 Beschäftigte in Wissenschaft und Verwaltung. Frei werdende Professuren würden vorläufig nicht besetzt, bestehende und geplante Studiengänge könnten entfallen. Laufende und geplante Berufungsverfahren mussten dem Brandbrief zufolge sofort abgebrochen werden; bis zur abschließenden Klärung der Finanzierung will die HCU sämtliche Berufungsangebote aussetzen.
Der bundesweit einzigartige Studiengang „Technische Gebäudeausrüstung mit digitaler Infrastruktur“ soll eingestellt werden. Dadurch gingen 60 Studienplätze und vier Professuren verloren. Hochschulmitglieder erwarten außerdem einen erheblichen Reputationsschaden. Der Studiengang wird in den Berichten teils verkürzt als „Technische Gebäudeausrüstung“ bezeichnet.
Auch an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg fallen zusätzlich zu den Senatskürzungen Sondermittel für spezifische Projekte weg. Das bedeutet weniger Planungssicherheit und weniger Spielraum für neue Vorhaben. Frei werdende Stellen könnten möglicherweise nicht gleichwertig nachbesetzt werden, sondern in geringerem Umfang oder in kostengünstigeren Personalkategorien. Kurzfristig könnte darunter die Qualität von Lehre und Ausbildung leiden; mittelfristig sieht die HfMT ihre internationale Reputation und nationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet.
An der Hochschule für bildende Künste Hamburg ist ein Einstellungsstopp bereits umgesetzt. Frei werdende oder auslaufende Stellen dürfen grundsätzlich nicht nachbesetzt werden. Die Zahl der Bachelorstudienplätze im Studiengang Bildende Künste soll von 106 auf 84 im Jahr 2029 sinken. Nach Angaben der HFBK wirken sich die Einsparungen unmittelbar auf Lehre und Forschung aus.
Internationale Austauschmöglichkeiten und Kooperationen würden geschwächt, ebenso die internationale Sichtbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit der HFBK. Strategische Vorhaben müssten zurückgenommen oder aufgegeben werden – darunter der Ausbau der Promotionsstrukturen, die künstlerische Forschung und die Entwicklung des Studienbereichs Literarisches Schreiben.
Streit um Rücklagen und politische Prioritäten
Die Helmut-Schmidt-Universität beziehungsweise Universität der Bundeswehr Hamburg
