Auf Kampnagel in Hamburg hat die Generalsanierung begonnen. Zum symbolischen Spatenstich ließ der Musiktheaterregisseur und Komponist Daniel Dominguez Teruel einen Bagger mit einer schwarz-weißen Start-Ziel-Fahne auftreten. Der erste Baggerbiss war keine nüchterne Baustellenszene, sondern Teil einer Choreografie über Erinnerungen, Bestand und Zukunft.

Die ehemalige Maschinenfabrik wird seit 1982 als Veranstaltungsort genutzt. Inzwischen ist Kampnagel ein internationaler Veranstaltungs- und Produktionsort für Tanz, Theater, Performance und freie Künste. Nun soll das Gelände in Hamburg über drei Jahre hinweg grundlegend erneuert und seine Fläche um 50 Prozent erweitert werden.

Ein Bagger als Teil des Programms

Mit dem Baustart begann zugleich die „Performative Baustelle“. Der Umbau selbst wird damit Bestandteil des Kampnagel-Programms. Künstlerische Formate, Gespräche und Interventionen sollen den Prozess laufend begleiten. Die Transformation wird als öffentlicher Vorgang zwischen Architektur, Stadt und Kunst gestaltet – nicht bloß als Absperrung mit Bauzaun.

Der Spielbetrieb soll während der gesamten Sanierung weiterlaufen, wenn auch in angepasster Form. Kampnagel bleibt zugänglich. In den kommenden Jahren soll hier ein zukunftsfähiger Produktions- und Aufführungsort für die internationalen Freien Darstellenden Künste entstehen.

Das Konzept stammt vom französischen Architekturbüro Lacaton & Vassal, das 2021 mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde. Für Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal ist es das erste Bauprojekt in Deutschland. Bekannt ist das Büro für einen pragmatischen und sozialen Umgang mit Bestandsbauten – und für den Leitgedanken „Never demolish“, auf Deutsch: „Niemals abreißen“.

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Weiterbauen statt Wegwischen

Die Entscheidung fiel nach einer europaweiten Ausschreibung. Vorgestellt wurde sie von Kulturstaatsministerin Claudia Roth, Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda und Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard. Den Auftrag erhält eine Arbeitsgemeinschaft aus Lacaton & Vassal und der LV Baumanagement AG. Die Sprinkenhof GmbH führte die Ausschreibung im Mieter-Vermieter-Modell durch; sie trägt auch die Gesamtverantwortung und steuert die Neubau- und Sanierungsmaßnahmen.

Eine erste Konzeptstudie des Architekturbüros bildete die Grundlage der Ausschreibung, jetzt beginnt die Detailplanung. Die Umsetzung soll in mehreren Bauabschnitten erfolgen, damit der Spielbetrieb durchgehend weiterlaufen kann. Das ist bei einem solchen Haus kein kleines Versprechen.

Kampnagel entstand Anfang der 1980er Jahre auf dem Gelände einer ehemaligen, heute denkmalgeschützten Kranfabrik. Die historische Industriearchitektur und die industrielle Identität des Ortes sollen erhalten, denkmalgerecht weiterentwickelt und zugleich nachhaltig sowie energieeffizient ergänzt werden. Das architektonische Prinzip lautet „Keep. Repair. Add.“ Bestehende Strukturen bleiben, werden repariert und weiterentwickelt; zwei Neubauten ergänzen das historische Gelände.

Geplant sind zusätzliche Produktions-, Proben- und Aufführungsflächen sowie neue Räume für Künstler:innen, Publikum und Nachbarschaft. Die historischen Kampnagel-Hallen sollen sich stärker öffnen und flexibler nutzbar werden. Probenmöglichkeiten werden deutlich verbessert und erweitert. Für Künstlerinnengruppen verschiedener Sparten sind Unterkünfte für kurz- und längerfristige Aufenthalte vorgesehen.

Auch Kassen, Foyers, Sanitäreinrichtungen und Restaurant sollen überarbeitet oder neu platziert werden. Das Verwaltungsgebäude wird saniert und neu geordnet, die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeitenden sollen besser werden. Bühnen- und Haustechnik sollen auf internationalen Standard gebracht werden. Gleichzeitig ist eine stärkere Verbindung von Hallen, Garten und Osterbekkanal geplant – das Gelände soll sich für Besucherinnen und den Stadtteil weiter öffnen.

Die offene, raue und freie Atmosphäre Kampnagels soll dabei erhalten und gestärkt werden. Lacaton & Vassal berücksichtigen nach eigener architektonischer Haltung ökonomische und ökologische Bedingungen des Bauens. Zu ihren Projekten zählen das Palais de Tokyo in Paris und die Sanierung eines Wohnblocks mit 500 Wohnungen in Bordeaux. Dort wurde jede Wohnung um 20 Quadratmeter erweitert, ohne dass die Bewohner*innen ausziehen mussten. Ein ziemlich konkretes Beispiel für „Niemals abreißen“.

168 Millionen Euro für Hamburgs Kulturfabrik

Die Gesamtkosten werden mit 168 Millionen Euro veranschlagt. 108 Millionen Euro trägt die Freie und Hansestadt Hamburg, 60 Millionen Euro übernimmt der Bund. Bund und Stadt stellen damit jeweils bis zu 60 Millionen Euro für die Sanierung bereit; der Bund hatte seine Unterstützung bereits Ende 2019 beschlossen.

Die Bauarbeiten sollen weitgehend bei laufendem Betrieb stattfinden. Kampnagel wurde nach mehrjähriger Beteiligung der Abteilungen und den Planungen von Lacaton & Vassal als startbereit bezeichnet. Der Spielbetrieb soll während der gesamten Sanierung weiterlaufen, während die Baustelle selbst immer wieder zum Schauplatz wird.

Langfristig soll Kampnagel als international bedeutender Produktionsort gestärkt werden. Der Charakter des ehemaligen Fabrikgeländes bleibt dabei sichtbar: in den Hallen, im Garten, am Osterbekkanal – und vermutlich auch dort, wo der nächste Bagger schon wartet.

Die Nachricht über den Beginn der dreijährigen Sanierung wurde am 1. November 2026 im Deutschlandfunk gesendet. Dieser Artikel entstand am 1.11.2026 am Ort Uni Hamburg.