Heute, am 15. Oktober 2026, sitzt Serhij K. in Untersuchungshaft in Hamburg. Einen Tag zuvor hat vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht der erste Prozess im Zusammenhang mit den Explosionen an den Nord-Stream-Pipelines begonnen. Der Ukrainer soll das Sabotageteam geleitet haben, das im September 2022 Nord Stream 1 und Nord Stream 2 in der Ostsee sprengte.

Die Bundesanwaltschaft wirft K. Angriffe auf zivile Energieinfrastruktur – nach dem Völkerstrafrecht ein mögliches Kriegsverbrechen –, das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und die Zerstörung von Bauwerken vor. Ermittler halten ihn für den Einsatzleiter an Bord der 15 Meter langen Segeljacht „Andromeda“. Von dort aus soll eine ukrainische Gruppe mit mehreren zivilen Tauchern den Anschlag vorbereitet und ausgeführt haben. K. wurde im August 2025 während einer Urlaubsreise in Italien festgenommen; seit dem 27. November 2025 sitzt er in Deutschland ein.

Vier Explosionen, drei zerstörte Stränge

Am 26. September 2022 beschädigten vier Explosionen die Pipelines. Beide Stränge von Nord Stream 1 wurden zerstört, Strang A von Nord Stream 2 an zwei Stellen. Strang B von Nord Stream 2 blieb als einziger der vier Stränge intakt. Nord Stream 1 hatte vor dem russischen Überfall auf die Ukraine mehr als die Hälfte des russischen Gases für den deutschen Markt geliefert. Nord Stream 2 war noch nicht in Betrieb, die Röhren waren aber mit Gas unter hohem Druck gefüllt.

In der Nacht wurde zunächst ein Druckverlust in Strang A von Nord Stream 2 festgestellt. Die erste Explosion ereignete sich um 2:03 Uhr MESZ rund 22 Kilometer südöstlich von Bornholm in der dänischen ausschließlichen Wirtschaftszone. Drei weitere Explosionen wurden am selben Tag um 19:03 Uhr zwischen Bornholm und Öland registriert: zwei an den Strängen von Nord Stream 1, eine weitere an Strang A von Nord Stream 2. Der Schaden an Nord Stream 2 wurde erst am 29. September bemerkt.

Seismologische Messungen zeichneten das Ereignis um 2:03 Uhr mit Stärke 2,3 auf, die drei Explosionen um 19:03 Uhr jeweils mit Stärke 2,1. Die Berststellen lagen in den ausschließlichen Wirtschaftszonen Dänemarks beziehungsweise Schwedens, knapp außerhalb der Hoheitsgewässer. Die zerstörten Abschnitte befanden sich in 70 bis 80 Metern Wassertiefe und waren 2 bis 74 Kilometer voneinander entfernt. Eine Nord-Stream-1-Röhre wurde auf rund 250 Metern Länge zerstört, Nord Stream 2 noch stärker. Deutsche Sicherheitsbehörden gingen von Sprengsätzen mit einer Sprengwirkung von etwa 500 Kilogramm TNT aus.

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Der Gasdruck im beschädigten Strang von Nord Stream 2 fiel von 105 auf 7 bar. In den ersten Tagen trat eine große Menge Methan aus, später drang Meerwasser in die Leitungen ein. Über den Lecks bildete sich tagelang eine großräumige Methanwolke. Nach Messungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt und der Technischen Universität Braunschweig gelangten schätzungsweise 445.000 bis 485.000 Tonnen Methan in die Atmosphäre – etwa 0,1 Prozent der menschengemachten Methanemissionen des Jahres 2022. Das Integrated Carbon Observation System verglich die Menge mit den Methanemissionen eines Jahres in einer Stadt von der Größe Paris’ oder in Dänemark. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen sprach von möglicherweise der größten jemals aufgezeichneten Freisetzung klimaschädlichen Methans.

Spuren, Sperrzonen und Schäden am Meeresboden

Wegen des aufsteigenden Methans, das die Dichte des Wassers und damit den Auftrieb von Schiffen verringerte, außerdem wegen der Entzündungsgefahr, verhängte Dänemark am 26. September drei Sperrzonen mit einem Radius von fünf Seemeilen um die Lecks. Der Flugverkehr unterhalb von 1.000 Metern wurde eingestellt. Am 29. September wurden die nördlichen Sperrzonen zu einem gemeinsamen Gebiet mit einem Radius von sieben Seemeilen zusammengeführt.

Die dänische Polizei, der Nachrichtendienst PET und die Streitkräfte kamen ebenso wie schwedische und deutsche Behörden zu dem Ergebnis, dass massive, vorsätzlich herbeigeführte Explosionen die Leitungen beschädigt hatten. Die Regierungen Schwedens, Dänemarks, Polens und Deutschlands sowie die EU-Kommission gingen von Sabotage aus; der NATO-Rat erklärte, alle verfügbaren Informationen deuteten auf absichtliche Sabotageakte hin. Schwedische Ermittler stellten fest, dass Sprengstoff die Ursache der Lecks war. Die verwendete Sprengstoffart deutete ihrer Einschätzung nach auf einen staatlichen Akteur hin, die Identität blieb zunächst ungeklärt. Auch das Bundeskriminalamt vermutete früh staatliche Sabotage. Aufnahmen von Greenpeace-Tauchrobotern deuteten darauf hin, dass die Sprengsätze von außen auf die Pipelines einwirkten.

Eingedrungenes Meerwasser konnte die Innenbeschichtung der Röhren schnell korrodieren. Nach einer Einschätzung waren die drei beschädigten Stränge wahrscheinlich irreparabel zerstört, andere hielten Reparaturen des inneren Korrosionsschutzes für grundsätzlich möglich, aber zeitaufwändig. Russlands Energieminister erklärte am 5. Oktober 2022, Nord Stream 2 sei nach vorläufiger Einschätzung technisch noch in geeignetem Zustand. Eine Reparatur und Wiederinbetriebnahme sei wegen der Sanktionen gegen Russland jedoch nicht möglich. Die Betreibergesellschaft Nord Stream AG prüfte Reparaturmöglichkeiten für Nord Stream 1; die Kosten wurden auf mindestens 500 Millionen US-Dollar geschätzt.

Auch für die Ostsee selbst war der Knall nicht erledigt, als die Wasseroberfläche wieder ruhiger wurde. Modellrechnungen der Universität Aarhus schätzten Explosionsverletzungen bei Schweinswalen und Robben bis zu vier Kilometer entfernt an der Oberfläche und bis zu 20 Kilometer am Meeresboden. Mögliche Hörschäden konnten bei Schweinswalen bis zu zwölf Kilometer und bei Robben etwa einen Kilometer entfernt auftreten; messbare Hörschwellenverschiebungen wurden bei Schweinswalen bis zu 50 Kilometer und bei Robben bis zu sechs Kilometer entfernt erwartet.

Rund 250.000 Tonnen Sediment könnten bis in 30 Metern Tiefe aufgewirbelt worden sein. In der Nähe der Explosionsstellen lag eine historische Deponie chemischer Kampfstoffe, darunter Senfgas und Arsenverbindungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Zusätzlich wurden Schwermetalle und Tributylzinn aus Schiffsanstrichen freigesetzt. Nach der Nord-Stream-1-Explosion überschritten Schadstoffkonzentrationen 15 Tage lang Grenzwerte in Tiefen von 95 bis 53 Metern, nach der Nord-Stream-2-Explosion 34 Tage lang in Tiefen von 78 bis 42 Metern. Insgesamt könnten die Explosionen mehr als einen Monat lang rund 11 Kubikkilometer Meerwasser kontaminiert haben. Eine akute Vergiftungsgefahr bestand laut Experten nicht, da Methan ungiftig ist und sich teilweise im Wasser löst. Die freigesetzten Treibhausgase trugen dennoch zur Erderwärmung bei.

Die Spur führt zur „Andromeda“

Seit Ende 2022 untersuchten deutsche Ermittler mögliche ukrainische Täter. Im Mittelpunkt stand die „Andromeda“, die von einer polnischen Firma in Rostock gechartert worden war. Die Bundesanwaltschaft vermutete, dass auf dem Boot Sprengstoff transportiert wurde. Bundeskriminalamt und Bundespolizei fanden Spuren der militärischen Sprengstoffe Hexogen und Oktogen, außerdem DNA und Fingerabdrücke. Nach Informationen von ARD, Süddeutscher Zeitung und „Zeit“ belastete sich K. in Telefonaten aus der italienischen Auslieferungshaft mit Verwandten und Bekannten selbst; auf seinem Mobiltelefon fanden Ermittler demnach ebenfalls Hinweise auf seine Beteiligung. K.s Anwälte äußerten sich auf eine aktuelle Anfrage zunächst nicht.

Nach der Ermittlungsthese bestand das Team aus einem Skipper, vier Tauchern und einem Sprengstoffexperten. Mindestens vier Sprengsätze aus jeweils 14 bis 27 Kilogramm eines Hexogen-Oktogen-Gemischs sollen an Verbindungsnähten der Röhren angebracht worden sein, weil die Ummantelung dort weniger widerstandsfähig ist. Eine ukrainische Gruppe soll selbstgebaute, mit Zeitzündern versehene Sprengsätze am Meeresgrund platziert haben.

Insgesamt identifizierten die Ermittler sieben Tatverdächtige, darunter vier professionelle Taucher. Ein siebter Verdächtiger,