Zukunft des Senckenbergischen Instituts bleibt nach Senatsdebatte offen
An der Goethe-Universität Frankfurt bleibt die Zukunft des Dr. Senckenbergischen Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin offen. Der Senat beschäftigte sich am 24.09.2026 mit einem möglichen Standortwechsel, einer denkbaren Auslagerung der Institutsbibliothek und der seit Jahren vakanten Professur. Beschlüsse wurden am Mittwoch allerdings nicht gefasst.
Die Demokratische Liste hatte die Beratung beantragt. Sie verlangt, den Senat und den kommissarischen Institutsleiter Prof. Dr. med. Michael Sachs stärker in die weiteren Planungen von Goethe-Universität, Universität Mainz und Dr. Senckenbergischer Stiftung einzubeziehen. Eine Schließung des Instituts war in der jüngsten Sitzung kein Thema. Bereits Ende Mai hatte sich eine große Mehrheit des Senats für seinen Erhalt ausgesprochen.
Bibliothek mit mehr als 75.000 Bänden
Für die mögliche Neuordnung liegen mehrere Pläne auf dem Tisch. Die Dr. Senckenbergische Stiftung erwägt laut Sachs, eine bislang nicht näher definierte Stiftungsprofessur für Geschichte und Ethik zu finanzieren. Zugleich laufen Gespräche mit Norbert Paul, dem Direktor des Mainzer Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, über eine Verlagerung der Professur.
Präsidium und Universitätsbibliothek bereiteten nach Angaben des Artikels außerdem die Verlagerung der Institutsbibliothek an noch unbekannte Standorte vor. Mehr als 75.000 Bände umfasst die Sammlung. Damit gehört sie zu den größten Spezialbibliotheken für Medizingeschichte und Medizinethik in Deutschland. Sachs warnte, eine Auslagerung würde die wissenschaftliche Arbeit des Instituts erschweren.
Der Prodekan des Fachbereichs erklärte, das Fach stärken zu wollen. Als möglicher neuer Standort wurde ein denkmalgeschütztes Gebäude auf dem Medizincampus vorgeschlagen. Für Sachs ist jedoch weniger die Adresse entscheidend als eine geeignete Forschungsprofessur in Frankfurt.
Lehre, Forschung und die Geschichte des Hauses
Das Institut bietet freie Seminare und Doktorandenkolloquien an. Zum Lehrangebot gehören außerdem Medizinische Terminologie für Human- und Zahnmediziner im 1. Semester, das Wahlpflichtfach „Ausgewählte Themen aus der Medizinethik“ im 3. Semester, das Wahlpflichtfach „Geschichte der Medizin“ sowie „Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens und Schreibens“. Hinzu kommen der Querschnittsbereich „Ethik und Geschichte der Medizin und Zahnmedizin“ im 9. Semester Zahnmedizin, der Querschnittsbereich „Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin“ für Medizinstudierende und die Ringvorlesung „Ethik in der Medizin“.
Geforscht wird unter anderem zur Medizin im Nationalsozialismus, zur Geschichte und Ethik der Euthanasie und Sterbehilfe sowie zur Ethik in der Altenpflege. Gerade diese Themen geben der Debatte in Frankfurt zusätzlich Gewicht.
Die Frankfurter Universität wurde 1914 gegründet. 1917 erhielt der Internist, Medizinhistoriker und Medizintheoretiker Richard Koch einen Lehrauftrag für Geschichte der Medizin; 1920 wurde er Privatdozent. Zwei Jahre später wurde sein Lehrauftrag auf „Geschichte und die philosophischen Grundlagen der Medizin“ erweitert, 1926 folgte die Ernennung zum außerplanmäßigen Professor für Geschichte der Medizin. 1927 entstand unter seiner Leitung ein „Seminar für Geschichte der Medizin“.
1933 wurde Koch aufgrund seiner jüdischen „Abstammung“ entlassen. Bis 1935 wurde das Seminar kommissarisch geleitet. Koch emigrierte 1936 und starb 1949 in der damaligen Sowjetunion. 1938 wurde das „Senckenbergische Institut für Geschichte der Medizin“ gegründet. Die Dr. Senckenbergische Stiftung übernahm damals die Kosten für einen besoldeten Lehrauftrag und bestimmte Sachmittel.
Seinen Namen trägt das heute zum Fachbereich Medizin der Universität gehörende Institut weiterhin. Namensgeber war der Frankfurter Arzt Johann Christian Senckenberg, der ab 1763 eine Stiftung gründete. Zu ihr gehörten unter anderem das Bürgerhospital, eine Bibliothek, naturwissenschaftliche Sammlungen, ein „Theatrum anatomicum“, ein chemisches Labor und ein botanischer Garten. Das „Senckenbergianum“ befand sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts am Eschenheimer Turm in der Stiftstraße.
Erinnerung an die NS-Medizin
Mehrere Senatsmitglieder verwiesen auf die besondere Verantwortung der Frankfurter Medizinischen Fakultät wegen ihrer NS-Vergangenheit. Das 1935 gegründete Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene wurde von Otmar von Verschuer geleitet. Josef Mengele war sein Assistent und beteiligte sich später als Auschwitz-Arzt an Zwillingsforschungen.
Richard Lowy aus Vancouver, der Sohn eines Überlebenden von Mengeles Zwillingsforschungen, wurde zur Sitzung zugeschaltet. In einem Leserbrief hatte er zuvor die Bedeutung des Instituts hervorgehoben. Auch Dieter Wesp, Vorsitzender des Fördervereins des Fritz-Bauer-Instituts, sprach sich gegen eine Auflösung aus.
Zu den weiteren Unterstützern zählen die Delegiertenversammlung der Landesärztekammer Hessen, der Fachverband Medizingeschichte, die Akademie für Ethik in der Medizin und Wolf-Dietrich von Verschuer, ein Cousin des Rassenideologen Otmar von Verschuer. Die Debatte reicht damit weit über eine Raumfrage hinaus.
Eine Leitung auf Zeit
Die Geschichte der Institutsleitungen liest sich inzwischen wie eine kleine Chronik: Walter Artelt leitete das Haus von 1938 bis 1971, Gunter Mann von 1971 bis 1974, Gert Preiser von 1974 bis 1993, Otto Winkelmann von 1993 bis 1995 und Helmut Siefert von 1995 bis 2004. Udo Benzenhöfer war ab Oktober 2004 geschäftsführender Direktor; er starb im März 2021 vor seiner Pensionierung. Seit September 2021 führt Michael Sachs das Institut kommissarisch.
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