322 Impfungen in sechs Tagen: Münchens Wiesn-Sanitätswache bietet Schutz vor Grippe und Covid-19
Wer auf der Münchner Wiesn zwischen Blasmusik, gebrannten Mandeln und dichtem Gedränge noch schnell eine Impfung möchte, kann das seit 2026 direkt vor Ort erledigen. In den ersten sechs Festtagen nutzten 322 Menschen den neuen Impfservice in der Wiesn-Sanitätswache der Aicher-Ambulanz. Sie ließen sich gegen Influenza, Covid-19 oder gegen beide Krankheiten impfen.
Viele kamen dafür ausschließlich zur Impfung und gingen anschließend wieder, statt noch ins Oktoberfest einzutauchen. Das ist auch vernünftig: Nach dem Piks sollen Alkohol und körperliche Anstrengung vermieden werden, vom anschließenden Bierzeltbesuch wird abgeraten. In den Beratungsgesprächen weisen die Impfwilligen ausdrücklich darauf hin.
Impfen ohne Termin – aber mit Ausweis
Das Angebot richtet sich an Wiesn-Besucher und Beschäftigte. Ein Termin ist nicht nötig; benötigt werden lediglich Impfausweis und Krankenkassenkarte. Die Stadt empfiehlt, beides mitzubringen. Geöffnet ist die Wiesn-Sanitätswache montags bis freitags von 10:00 bis 14:00 Uhr sowie samstags und sonntags von 9:00 bis 14:00 Uhr. Der Impfservice läuft bis zum 4. Oktober.
Eine abweichende Zeitangabe nennt die Stadt für die Wochenenden: Nach diesen Angaben sind Impfungen samstags und sonntags von 10 bis 12 Uhr möglich. Die Impfungen sind freiwillig und orientieren sich an den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission, kurz STIKO.
Durchgeführt werden sie von Chefarzt Dr. Kampmann und seinem Team der Aicher Ambulanz Union im Auftrag des Gesundheitsreferats. Der Service ist Teil der stadtweiten Initiative „München impft“, getragen von der Stadt München, dem LMU Klinikum und dem TUM Klinikum. Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek zog nach knapp einer Woche eine positive Bilanz und bezeichnete die Nachfrage als sehr hoch.
Wenn die Wiesn-Grippe nicht nur ein Spruch ist
Mit dem Herbst beginnt neben der Volksfest- auch die Impfsaison. Die Erkältungszeit startet, während in den Zelten viele Menschen auf engem Raum zusammensitzen, singen, anstoßen und sich zwangsläufig näherkommen, als ihnen vielleicht lieb ist. Das Covid-19-Infektionsrisiko ist dort erhöht. Anders als die Grippe zirkuliert Covid-19 ganzjährig und ist weniger an die kalte Jahreszeit gebunden.
Auch andere Erkältungsviren können sich leicht verbreiten. In München heißt das dann gern „Wiesn-Grippe“. Für gesunde Menschen verlaufen Atemwegserkrankungen laut Stadt meist unkompliziert; bei Risikogruppen können sie jedoch schwere Verläufe und Folgeschäden verursachen. Das Ziel der Kampagne ist deshalb, schwere Erkrankungen und mögliche Komplikationen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle im Zusammenhang mit Atemwegsinfektionen zu verhindern und die Impfquoten nach den STIKO-Empfehlungen zu erhöhen.
Christoph Spinner, Leiter der Infektiologie am TUM-Klinikum Rechts der Isar, verweist auf eine deutliche Lücke: Nicht einmal jeder Dritte, dem eine Grippeimpfung empfohlen wird, ist dagegen geimpft. Für diese Menschen steigt das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs. Deutschland liegt bei den Impfquoten gefährdeter Gruppen im europäischen Vergleich niedrig: Bei der Grippe ist es etwa ein Drittel, bei Corona weniger als ein Fünftel. In skandinavischen Ländern sind es bei den von STIKO-Empfehlungen betroffenen Menschen mehr als zwei Drittel.
Der vollständige Impfschutz baut sich innerhalb von etwa ein bis zwei Wochen auf. Wer nicht auf der Wiesn vorbeischauen möchte, kann sich auch in Münchner Arztpraxen und Apotheken impfen lassen.
Wem die STIKO zur Auffrischung rät
Das Robert Koch-Institut empfiehlt laut Stand 9. Juli 2026 eine jährliche COVID-19-Auffrischimpfung im Spätsommer oder Frühherbst für Personen ab 75 Jahren, für Menschen ab sechs Monaten mit Grunderkrankungen und dadurch erhöhtem Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf sowie für Bewohnende von Pflegeeinrichtungen.
Zur Zielgruppe gehören außerdem Personen in Einrichtungen der Eingliederungshilfe mit erhöhtem Risiko für einen schweren Verlauf, Schwangere ab dem zweiten Trimester, wenn eine Grunderkrankung oder schwangerschaftsbedingte Komplikationen wie Gestationsdiabetes oder Hypertonie vorliegen, sowie Personal in Pflegeeinrichtungen mit direktem Kontakt zu Bewohnenden.
Empfohlen wird die Auffrischung auch medizinischem Personal mit erhöhtem beruflichem SARS-CoV-2-Infektionsrisiko, etwa in Notaufnahmen oder auf Intensivstationen, und medizinischem Personal, das Risikopatienten betreut. Hinzu kommen Familienangehörige und enge Kontaktpersonen ab sechs Monaten von Menschen, bei denen nach einer COVID-19-Impfung keine ausreichende Immunantwort zu erwarten ist.
Die Entscheidung soll individuell und nach ärztlicher Beratung getroffen werden. Dabei werden das Risiko eines schweren Verlaufs, der erwartete Impfnutzen und mögliche Nebenwirkungen gegeneinander abgewogen. Immungesunde Personen aus den genannten Risikogruppen können auf die Auffrischimpfung verzichten, wenn sie sich im Laufe des Jahres mit SARS-CoV-2 infiziert haben.
Empfohlen werden alle zugelassenen mRNA- und proteinbasierten Impfstoffe mit einer von der WHO oder EMA empfohlenen Variantenanpassung. Zu den relevanten Grunderkrankungen zählen beispielsweise chronische Erkrankungen der Atemwege wie COPD, chronische Herz-Kreislauf-, Leber- oder Nierenerkrankungen, Diabetes mellitus und andere Stoffwechselerkrankungen sowie Adipositas.
Ebenfalls genannt werden Erkrankungen des zentralen Nervensystems, darunter chronische neurologische Erkrankungen, Demenz, geistige Behinderungen, psychiatrische oder zerebrovaskuläre Erkrankungen, außerdem Trisomie 21, angeborene oder erworbene Immundefizienz – etwa eine HIV-Infektion, chronisch-entzündliche Erkrankungen unter relevanter immunsuppressiver Therapie oder ein Zustand nach Organtransplantation – sowie aktive Krebserkrankungen.
Zwischen zwei Zelten, irgendwo hinter dem Lärm der Fahrgeschäfte, wirkt eine Impfampulle erst einmal wie ein ziemlich nüchterner Gegenstand. Trotzdem standen dort in sechs Tagen 322 Menschen an. Der Bierzeltbesuch musste danach warten.
