Außerirdisches Leben neu denken: Münsters Ringvorlesung verbindet Astrobiologie und Wissenschaftstheorie
In Münster geht es im Wintersemester 2026/27 um die Frage, ob wir im All wirklich allein sind – und vor allem darum, was „Leben“ überhaupt heißen kann. Das Zentrum für Wissenschaftstheorie (ZfW) der Universität Münster veranstaltet eine öffentliche, interdisziplinäre Ringvorlesung für ein allgemeines Publikum. Der Titel: „Außerirdische: Wissenschaftstheoretische und interdisziplinäre Perspektiven“.
Ab dem 20. Oktober stehen sieben Vorträge auf dem Programm. Sie finden jeweils dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr statt, in hybrider Form also vor Ort und online live. Der erste und der letzte Termin werden im Hörsaal F5 des Fürstenberghauses, Domplatz 20–22, veranstaltet. Die fünf Termine von November bis Januar finden im Planetarium des LWL-Museums für Naturkunde statt.
Zwischen Exoplaneten und Philosophie
Im Mittelpunkt stehen Fragen, die schnell über die Astronomie hinausführen: Wie lassen sich Leben, Kultur und Intelligenz jenseits anthropozentrischer Vorstellungen erkennen? Wie kann wissenschaftlich untersucht werden, was bislang unbekannt ist? Und welche philosophischen, sozialen, rechtlichen und theologischen Folgen hätte die Entdeckung außerirdischen Lebens?
Den Auftakt bestreitet der Wissenschaftsphilosoph Prof. Dr. Claus Beisbart von der Universität Bern. Sein Vortrag trägt den Titel „Alles außer irdisch? Leben jenseits bekannter Begriffe“. Am 3. November spricht die Geowissenschaftlerin Prof. Dr. Lena Noack von der Freien Universität Berlin über „Bedingungen für Leben auf Exoplaneten – Paradigmenwechsel in unserer Wahrnehmung der vermeintlichen Einzigartigkeit der Erde“.
Am 17. November folgt Dr. Iva Vilović vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam. Unter dem Titel „Wie könnte Leben jenseits der Erde aussehen?“ verbindet der Vortrag Erkenntnisse aus Astrophysik und Astrobiologie. Weitere angekündigte Vortragende sind der Film- und Literaturwissenschaftler Matthias Hurst, Michael Bohlander von der Durham University, der Theologe Christian Weidemann sowie der Soziologe Andreas Anton vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg.
Wer im Planetarium dabei sein möchte, braucht eine kostenlose Eintrittskarte. Anmeldung und Zugangsdaten stehen auf der Website des ZfW. Die Onlineübertragung läuft unter dem Veranstaltungstitel der Reihe – praktisch für alle, die dienstags nicht rechtzeitig quer durch Münster kommen.
Ein Forschungsfeld mit langer Vorgeschichte
Astrobiologie verbindet Astronomie, Biologie, Chemie und Geologie. Sie fragt nach dem Ursprung, der Evolution und der Zukunft des Lebens auf der Erde, nach möglichen Lebensformen und Lebensprozessen im Universum sowie danach, ob und wie Leben außerhalb der Erde existiert oder existieren könnte. Auch die Anpassungsfähigkeit von Leben an extreme Bedingungen gehört dazu. Nukleinsäuren gelten dabei nicht als einzig mögliche Grundlage für lebendige Prozesse.
In der Frühzeit der Raumfahrt hieß das Fach noch „Exobiologie“; heute bezeichnet dieser Begriff nur noch einen Teilbereich. Die Bezeichnung „Astrobiologie“ wurde vermutlich in den 1930er-Jahren von Ary J. Sternfeld verwendet und 1941 von L. J. Lafleur in einer wissenschaftlichen Publikation genutzt. Der Astronom Otto von Struve gebrauchte sie in den 1950er-Jahren. Ursprünglich war das Gebiet vor allem astronomisch geprägt, nicht biologisch. Im englischsprachigen Raum setzte sich der Name anschließend weitgehend durch.
Die NASA startete 1959 ihr erstes Exobiologie-Projekt und richtete 1960 ein Exobiologie-Programm ein. 1995 übernahm sie die Bezeichnung für ihr astrobiologisches Institut, 1996 wurde das NASA-Astrobiology-Programm gegründet, 1998 folgte das NASA Astrobiology Institute. Ganz ohne Gegenwind ging das nicht ab: George Gaylord Simpson bezeichnete Astrobiologie 1964 als eine Wissenschaft, die erst noch zeigen müsse, dass ihr Forschungsobjekt existiert. Otto von Struve erklärte bereits 1955, die Zeit sei für Astrobiologie noch nicht reif.
1982 gründete die Internationale Astronomische Union die Forschungskommission „Bio-Astronomy“ (Division III, Commission 51). Der sowjetische Astrophysiker Gawriil Adrianowitsch Tichow (1875–1960) beschäftigte sich in den 1950er-Jahren mit astrobiologischen Fragen und leitete in Almaty das Institut für Astrobotanik, das bis 1960 bestand. 2016 entstand auf einem Kongress am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin die Deutsche Astrobiologische Gesellschaft (DAbG) als erste deutsche wissenschaftliche Fachgesellschaft auf diesem Gebiet.
Das ZfW und der Blick über den Tellerrand
Das Zentrum für Wissenschaftstheorie wurde 2006 als interdisziplinärer Forschungsverbund gegründet und ist seit 2020 eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Universität Münster. Es bündelt Forschungsinteressen, organisiert Veranstaltungen, fördert Forschung und Lehre sowie den Wissenstransfer in der Wissenschaftstheorie und beteiligt sich an aktuellen Debatten.
Gerade deshalb passt die Ringvorlesung ins Haus: Neben naturwissenschaftlichen Befunden geht es um Begriffe, Grenzen und Konsequenzen. In der Fachliteratur zur Astrobiologie finden sich unter anderem Bücher von Gerda Horneck, David Catling, Iain Gilmour, Steven J. Dick, Aleksandar Janjic und Kevin W. Plaxco. Im Planetarium bekommt diese lange Geschichte nun einen konkreten Ort – mit schwarzen Kuppeln, leuchtenden Punkten und der ziemlich unbequemen Frage, ob „außerirdisch“ vielleicht nur bedeutet, dass uns bisher die richtigen Worte fehlen.
