Bielefeld schafft mit R5 und R6 Platz für 300 neue Medizinstudierende jährlich
Auf dem Campus Süd der Universität Bielefeld ist am 27.10.2026 ein wichtiger Schritt für die Medizinerausbildung sichtbar geworden: Gemeinsam mit NRW-Wissenschaftsministerin Ina Brandes hat die Universität die neuen Gebäude R5 und R6 eröffnet. Rund 100 Gäste aus Universität, Bau und Planung sowie Politik waren dabei.
Die beiden Häuser schaffen die Voraussetzungen dafür, künftig jährlich 300 Medizin-Studienplätze anzubieten. Zum Wintersemester 2026/2027 haben erstmals seit Gründung der Medizinischen Fakultät OWL 300 Studienanfängerinnen ihr Medizinstudium in Bielefeld aufgenommen. Damit erreicht die noch im Aufbau befindliche Fakultät die mit dem Land Nordrhein-Westfalen vereinbarte endgültige Ausbildungskapazität. Bielefeld gehört nun zu den größeren Standorten der Hochschulmedizin in NRW.
R5: Skills Lab, Seminarräume und viel Platz
Das Gebäude R5 steht südlich der Straße Konsequenz auf dem Campus Süd, direkt neben R6. Von 2022 bis 2026 wurde es gebaut, zum Wintersemester 2026/2027 ging es in Betrieb. Bauherrin ist die Universität Bielefeld.
Auf fünf Etagen verteilen sich rund 5.700 Quadratmeter. Genutzt wird R5 von der Medizinischen Fakultät OWL und der Fakultät für Biologie. Im Mittelpunkt steht ein Skills Lab, in dem medizinische Fertigkeiten praktisch trainiert werden können. Dazu kommen Praktikums- und Seminarräume. Ein gastronomisches Angebot im Erdgeschoss ist künftig geplant – für lange Lerntage wäre das vermutlich keine schlechte Idee.
Dachbegrünung, teilweise begrünte Fassaden und eine Photovoltaikanlage gehören ebenfalls zum Gebäude. Die Generalplanung übernahm die Firma Telluride. Die Baukosten liegen bei rund 67 Millionen Euro.
Im R6 geht es um Anatomie
R6 ist das Anatomiegebäude der Medizinischen Fakultät OWL und umfasst rund 2.800 Quadratmeter. Ein Hörsaal bietet 300 Plätze, außerdem gibt es Praktikums- und Seminarräume sowie Räume für Prosektur, Präparation und Histologie.
Etwa die Hälfte des Hauses besteht aus öffentlichen, die andere Hälfte aus zugangsbeschränkten Bereichen. Eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung und eine Photovoltaikanlage gehören zur technischen Ausstattung. Die Generalplanung lag bei der Firma agn, die Baukosten betragen rund 54 Millionen Euro.
Der Ausbau der Fakultät verlief in Etappen: Im Wintersemester 2021/2022 startete der Studiengang mit 60 Medizinstudierenden. Zum Wintersemester 2025/2026 wurde auf 120 Studienanfängerinnen erhöht. Nun sind es 300 neue Medizinstudierende pro Jahr. Die Fakultät soll zur Sicherung der medizinischen Versorgung in der Region beitragen und dem Ärztinnenmangel entgegenwirken.
R7 und R8 stehen schon auf der nächsten Liste
Auf dem Campus Süd wird bereits das Gebäude R7 für die Fakultät für Biologie und die Medizinische Fakultät errichtet. Mit R8 ist ein weiteres zentrales Forschungsgebäude in Planung. Durch Um- und Neubauten wurden bisher rund 20.000 Quadratmeter zusätzliche Nutzfläche geschaffen. Nach der Fertigstellung von R7 und R8 sollen es voraussichtlich rund 30.000 Quadratmeter sein.
Der Bedarf an Ärztinnen wächst, während die Ausbildung knapp bleibt. Deutschland droht ein Ärztinnenmangel, obwohl jährlich rund 20.000 Studieninteressierte keinen Medizin-Studienplatz erhalten. Im Wintersemester 2023/24 studierten rund 113.000 Menschen Medizin; etwa zwei Drittel der Studienanfängerinnen waren Frauen.
Wie eng der Flaschenhals ist, zeigen die Zahlen von Hochschulstart: Für das Wintersemester 2024/25 gingen 32.966 Bewerbungen für 10.219 Plätze ein – ungefähr drei Bewerbungen pro Platz. Mehr als 20.000 Bewerberinnen gingen leer aus. 2015/16 wurden 9.068 von Hochschulstart vergebene Plätze gezählt, aktuell sind es rund 1.000 mehr. Die 2023 geforderte Erhöhung um 5.000 Plätze wurde damit deutlich nicht erreicht.
Ein Grund für das langsame Wachstum sind die hohen Bau-, Betriebs- und Ausbildungskosten. Die laufenden Hochschulausgaben für Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften lagen bei 25.430 Euro pro Studentin; Miet-, Bau- und sonstige Investitionskosten kommen noch dazu. Private Hochschulen übernehmen einen Teil der Ausbildung. Dort tragen Studierende oder spätere Arbeitgeberinnen die Kosten, insgesamt nehmen private Hochschulen knapp 1.500 Studienanfängerinnen pro Jahr auf.
Zwischen Landarztquote und Klebeeffekt
Die Bundesländer verteilen staatliche Medizin-Studienplätze sehr unterschiedlich. Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland weisen bezogen auf Studienanfängerinnen beziehungsweise Einwohnerinnen besonders hohe Quoten auf, Sachsen-Anhalt folgt ebenfalls mit hohen Quoten. Nordrhein-Westfalen bietet zwar absolut die meisten Plätze, bezogen auf Bevölkerung und Studienanfängerinnen aber keine überdurchschnittlich hohe Zahl. Bremen und Brandenburg hatten zum Erhebungszeitpunkt keine staatlichen Medizin-Studienplätze. In Brandenburg soll die Medizinische Universität Lausitz in Cottbus zum Wintersemester 2026/27 starten.
Die zugrunde liegenden Daten wurden nachträglich korrigiert: Für Bayern wurden 110, für Baden-Württemberg 179 zusätzliche Plätze berücksichtigt. Dadurch stiegen die jeweiligen Quoten. In Osnabrück wird außerdem ein kommunal getragener Medizinstudiengang diskutiert.
Spannend ist die Frage, ob Absolventinnen dort bleiben, wo sie ausgebildet wurden. Die Auswertung untersucht diesen möglichen regionalen „Klebeeffekt“. Regionen mit medizinischen Ausbildungsstätten weisen tendenziell eine höhere vertragsärztliche Ärztedichte auf. Hohe Ärztedichten zeigen unter anderem Berlin, Hamburg, Köln/Bonn und München, außerdem die Region Unterer Neckar mit der Universität Heidelberg, der Südliche Oberrhein mit der Universität Freiburg sowie Schleswig-Holstein Ost mit der Medizinischen Universität Lübeck.
Für Bielefeld gab es zum Untersuchungszeitpunkt noch keine Medizin-Absolventinnen, deren spätere Tätigkeit die regionale Ärztedichte hätte beeinflussen können. Bremen könnte trotz fehlender eigener Studienplätze von der Nähe zu Oldenburg und Hamburg profitieren. Andere Länder liegen bezogen auf Bevölkerung oder Studienanfängerinnen deutlich hinter Ländern wie dem Saarland und Mecklenburg-Vorpommern.
Der demografische Wandel macht die Lage nicht gemütlicher: Die älter werdende Babyboomer-Generation benötigt mehr medizinische Leistungen, gleichzeitig scheiden viele Ärztinnen dieser Generation aus dem Berufsleben aus. Neue Studienplätze und Gebäude aufzubauen und anschließend Studium und Facharztausbildung zu durchlaufen, dauert viele Jahre. Bei der Bedarfsplanung sollen deshalb der hohe Frauenanteil im Medizinstudium, höhere Teilzeitquoten weiblicher Beschäftigter und längere Elternzeiten berücksichtigt werden.
Mindestens 8.800 Deutsche studieren Medizin im Ausland. Sie finanzieren ihre Ausbildung teilweise selbst über Studiengebühren oder werden vom jeweiligen Aufnahmestaat ausgebildet. Einige Bundesländer vergeben Plätze über eine Landarztquote – verbunden mit der Verpflichtung, später mehrere Jahre in unterversorgten Regionen zu arbeiten. Wer diese Verpflichtung nicht erfüllt, muss unter Umständen Ausbildungskosten zurückzahlen.
Die Debatte über Anzahl, Finanzierung und Trägerschaft von Medizin-Studienplätzen soll wieder aufgenommen werden. Länder und gegebenenfalls der Bund sollen gemeinsame Lösungen entwickeln. Gerade Regionen ohne bisherige medizinische Ausbildungsstätte bieten laut Auswertung Potenzial für neue Fakultäten, weil ein Zusammenhang zwischen Ausbildungsstandorten und höherer regionaler Ärztedichte erkennbar ist. In Bielefeld stehen dafür jetzt R5 und R6 – und in den Seminarräumen dürfte es spätestens mit 300 Studienanfängerinnen pro Jahr ziemlich lebendig werden.
