Brandanschlag auf Rheinmetall-Baustelle: Kassel-Calden im Fokus linksextremistischer Ermittlungen
Nach dem Feuer auf einer Baustelle des Rüstungskonzerns Rheinmetall am Flughafen Kassel-Calden ermittelt die Polizei wegen mutmaßlicher vorsätzlicher Brandstiftung. In der Nacht zum Freitag brannten dort drei Baufahrzeuge aus. Ein Zeuge bemerkte das Feuer gegen 3:15 Uhr und alarmierte die Polizei. Weitere Baumaschinen wurden durch die Löscharbeiten beschädigt; zur Höhe des Sachschadens gibt es bislang keine Angaben.
Die Ermittler untersuchen ein Bekennerschreiben, das im Internet veröffentlicht wurde und der Polizei bekannt ist. Es erschien auf einer vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuften Plattform. Ob das Schreiben echt ist und welchen Inhalt es genau hat, wird noch geprüft. Der Staatsschutz ermittelt außerdem wegen eines möglichen politischen Motivs. Der Tatort wurde zur Spurensicherung abgesperrt, nach weiteren Zeugen wird gesucht.
Investitionen am alten Flugplatz
Auf dem Gelände am alten Flugplatz entsteht ein neues Gewerbegebiet. Rheinmetall plant dort Ansiedlungen in den Bereichen Logistik und Drohnen. Das Unternehmen will nach eigenen Angaben mehr als 260 Millionen Euro in Kassel und am Flughafen Calden investieren, das Land Hessen steuert 25 Millionen Euro bei. Wirtschaftsvertreter und die Landesregierung begrüßen den geplanten Bau eines Logistik- und Drohnen-Testzentrums. Kritiker lehnen den Ausbau des Flughafens hingegen als aus ihrer Sicht „militärische Drehscheibe für Rheinmetall“ ab.
Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) bezeichnete den Brand als „gezielten Angriff“. Er verwies auf eine laut Sicherheitsbehörden festgestellte Zunahme des Personenpotenzials sowie schwerer Straf- und Gewalttaten in der linksextremen Szene. Genannt wurden ein Anschlag auf ein CDU-Büro in Offenbach im September, das Inbrandsetzen von vier Bundeswehrfahrzeugen in Kassel und mehrere angezündete Transportfahrzeuge des Regierungspräsidiums Gießen.
Die Meldung wurde am 1. November 2026 im Deutschlandfunk ausgestrahlt. Für die Uni Kassel liegt der Fall damit nicht bloß irgendwo in der Nachrichtenferne: Kassel ist selbst in den genannten Ermittlungen präsent, während in Calden ein Projekt voranschreitet, das politisch und wirtschaftlich stark umstritten ist.
Wenn Infrastruktur zum Angriffsziel wird
Der Verfassungsschutz berichtet, dass linksextremistische Sachbeschädigungen und Brandanschläge gegen Kritische Infrastrukturen (KRITIS) und Unternehmen jährlich Schäden in mehrstelliger Millionenhöhe verursachen. Betroffen sind vor allem Energie, Informationstechnik und Telekommunikation, Transport und Verkehr sowie Staat und Verwaltung. Ein Brand an einem Fahrzeug bleibt dabei nicht immer auf den unmittelbaren Tatort begrenzt: Strom-, Internet-, Telekommunikations- und Bahnausfälle können große Teile der Bevölkerung treffen.
Wirtschaftsunternehmen gelten in der linksextremistischen Szene als Bestandteile des kapitalistischen Systems. Besonders häufig richten sich Angriffe gegen Energie-, Bau-, Immobilien-, Technologie- und Automobilunternehmen. Täter zielen oft auf Unternehmen und nehmen mögliche Folgen für die Grundversorgung in Kauf.
Wie weit solche Folgen reichen können, zeigte Berlin am 9. September 2025. Damals wurden zwei Strommasten in Brand gesetzt. Im Südosten der Stadt waren mehrere Zehntausend Haushalte und Gewerbebetriebe teilweise bis zum 11. September ohne Strom. In einem Pflegeheim musste die Beatmung von Patienten durch Verlegung in Krankenhäuser sichergestellt werden. Notrufnummern waren eingeschränkt erreichbar, Straßenbahnen und S-Bahnen fielen aus oder verspäteten sich. Straßenbeleuchtung und Ampeln funktionierten nicht; wegen des Ausfalls eines Heizkraftwerks fehlte in zahlreichen Haushalten warmes Wasser.
Eine auf „de.indymedia“ veröffentlichte Erklärung der Gruppe „Einige Anarchist:innen“ beanspruchte die Tat für sich. Als Ziele nannte sie den Technologiepark Berlin-Adlershof und dort ansässige Unternehmen. Die Erklärung bezeichnete KRITIS als Angriffsziel und rief zu weiteren Aktionen auf. Bedroht wurden außerdem Unternehmen aus der Rüstungsbranche und Firmen mit Bundeswehrkooperationen. Den Verfassern sei bewusst gewesen, dass Stromausfälle Menschenleben gefährden könnten; sie bezeichneten solche Folgen als vertretbar.
Bekennerschreiben, Kampagnen und „Momente des Stillstands“
Nach Angriffen auf Fahrzeuge, Kabelschächte, Mobilfunkmasten, Tagebauinfrastruktur und Unternehmensgebäude tauchen häufig anonyme Bekennerschreiben auf. Als Begründungen werden Klimaschutz, Antimilitarismus, Antirepression und Antigentrifizierung genannt. Gewaltorientierte Linksextremisten versuchen laut Verfassungsschutz, Klimaproteste zu radikalisieren und militante Aktionen als legitime Protestform darzustellen.
Rüstungsunternehmen, Zulieferer und Logistikunternehmen wie die Deutsche Bahn werden mit antimilitaristischen Motiven angegriffen. Bau- und Immobilienunternehmen geraten unter dem Schlagwort „Antigentrifizierung“ ins Visier. Firmen, die am Bau oder Unterhalt von Justizvollzugsanstalten beteiligt sind, werden als „Knastprofiteure“ bezeichnet. Bei Immobilienprojekten können Miet- und Nutzungsvertragsenden, Eigentümerwechsel, Umstrukturierungen oder drohende Räumungen von Szeneobjekten Anlass für Straftaten sein.
Die Deutsche Bahn ist seit Jahren besonders häufig betroffen. Kabelschächte an Gleisen werden beschädigt oder in Brand gesetzt, mitunter auch Datenkabel anderer Dienstleister. Neben Sachschäden entstehen dann Verspätungen, Zugausfälle sowie Strom-, Internet- und Telekommunikationsausfälle. Bekennerschreiben werfen der Bahn unter anderem Profitstreben, Beteiligung an Rüstungsexporten und „ausbeuterische“ Projekte wie das mexikanische Bahnprojekt „Tren Maya“ vor. Die Täter wollen alltägliche Abläufe stören, „Momente des Stillstands“ erzeugen und das Ansehen der betroffenen Unternehmen schädigen. Zugleich sollen solche Texte andere Linksextremisten zu weiteren Taten anregen und den demokratischen Rechtsstaat schwächen.
Das „Kommando Angry Birds“ bekannte sich in den vergangenen Jahren mehrfach zu Anschlägen auf KRITIS, überwiegend im Bahnverkehr. Ende Juli 2025 verübte die Gruppe einen Brandanschlag auf einer wichtigen Bahnverbindung zwischen Düsseldorf und Duisburg. Der Regional- und Fernverkehr wurde erheblich gestört. Die Gruppe begründete die Tat mit antikapitalistischen und ökologischen Motiven, bezeichnete die Industrie als „Tumor“, nahm Bezug auf die Kampagne „Switch off“ und veröffentlichte Anleitungen zum Bau von Brandsätzen. Nach eigener Darstellung sollte damit Wissen für weitere Brandanschläge verbreitet werden.
Die Kampagne „Switch off – the system of destruction“ besteht seit Anfang 2023. Sie verbindet antikapitalistische Positionen mit klimapolitischen Themen und lehnt staatliche Maßnahmen zur Lösung der Klimakrise ab. Aufgerufen wird dazu, kapitalistische Infrastruktur zu hinterfragen, zu sabotieren und anzugreifen. Die Kampagne soll zur Begehung von Straftaten animieren und unterschiedliche Aktionen ideologisch verbinden. Seit 2023 wurde in zahlreichen Bekennerschreiben auf „Switch off“ verwiesen; auf der Kampagnenwebsite werden mehr als 100 Straftaten in Deutschland aufgeführt.
Dazu zählen der Brandanschlag vom 15. März 2024 auf Baufahrzeuge eines Berliner Zementwerks und der Angriff vom 24. Januar 2025 auf Stromkabel der Deutschen Bahn in Düsseldorf. Die Tat führte auf einer Güterverkehrsstrecke zu Störungen, Verspätungen und Zugausfällen. Weitere aufgeführte Ziele waren Funk- und Sendemasten, Baufahrzeuge, Autohäuser, Forstmaschinen und Kabelschächte. Die Gesamtschäden werden mit einer mehrstelligen Millionensumme angegeben.
Von Berlin bis München
In Berlin und Brandenburg werden seit 2011 wiederholt Brandanschläge auf neuralgische Punkte der öffentlichen Infrastruktur verübt. Anonyme Verfasser treten in Bekennerschreiben als „Vulkangruppen“ auf. Die Anschläge führten wiederholt zu Strom- und Telekommunikationsausfällen sowie Beeinträchtigungen des öffentlichen Nahverkehrs. Hinter dem Namen wird ein Netzwerk unterschiedlicher Strukturen vermutet, die ein gemeinsames Label verwenden; die Gruppen werden dem gewaltorientierten anarchistischen Spektrum zugeordnet.
Am 26. März 2018 wurden an der Berliner Mörschbrücke Versorgungsleitungen in Brand gesetzt. Die Hitze beschädigte die Brücke so stark, dass zeitweise Einsturzgefahr bestand. Tausende Privathaushalte und hunderte Gewerbebetriebe waren stundenlang ohne Strom. Die Gruppe „Vulkangruppe NetzHerrschaft zerreißen“ erklärte, Netzbetreiber, Informationsdienstleister sowie Verwaltungs-, Regierungs- und weitere zivile und militärische Betreiber lahmlegen zu wollen.
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