Gen Z regelt: Vom Uni-Blockadeprotest zur bundesweiten Demonstration gegen Wehrpflicht und Bildungskürzungen
Am Mittwoch haben Studierende das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin blockiert. Organisiert wurde die Aktion vom Aktionskomitee „Gen Z regelt FU Berlin“. Der Protest richtete sich unter anderem gegen Kürzungen im Bildungsbereich und gegen eine mögliche Wehrpflicht.
Zwischendurch tanzten einige Teilnehmende zum Lied „Stop the Genocide“ des Künstlers Dahabflex. Der Song enthält unter anderem die Zeile „Death to the IDF“ („Tod der israelischen Armee“). Bereits nach einem Auftritt des Rappers bei einer Wahlkampfveranstaltung der Linken Neukölln hatte das Lied für Kontroversen gesorgt. Die Initiative mobilisierte außerdem für die bundesweite „Gen Z regelt“-Demonstration am Samstag.
Protest vor dem Brandenburger Tor
Berliner Jugendliche und junge Erwachsene der Generation Z wollen am Samstag gegen Bildungskürzungen, Sozialabbau und die Wehrpflicht protestieren. Die Initiative „Gen Z regelt“ ruft für 14 Uhr vor dem Brandenburger Tor auf. Nach Angaben auf ihrer Website haben sich bislang mehr als 8.000 Menschen angemeldet. Bundesweit sind Aktionen in mehr als 20 Städten angekündigt.
Unter den Slogans „Gen Z regelt“ und „Gen Z steht auf“ ist für Samstag, den 31. Oktober 2026, ein bundesweiter Protesttag geplant. Jugendliche wollen in 21 bis 23 deutschen Großstädten demonstrieren. Die Mobilisierung begann in sozialen Netzwerken und läuft vor allem über den Hashtag #genzregelt. Beteiligt sind Schülerinnen, Schüler und Studierende, dazu reichweitenstarke Social-Media-Accounts. Als Erkennungszeichen dient ein Eichhörnchen-Symbol.
In Berlin liegt der Polizei nach anfänglicher Unklarheit und dem Rückzug einer ersten Anmeldung seit Dienstag wieder eine Anmeldung für eine Kundgebung vor. Unter dem Motto „Mehr Geld für Klima, Schulen, bezahlbares Leben für alle“ werden 10.000 Teilnehmer erwartet. Rund 1.000 Einsatzkräfte sollen vor Ort sein. Die Berliner Gewerkschaft der Polizei bezeichnete die Veranstaltung als mögliche „Großdemolage“.
Viele Gruppen, offene Rollenverteilung
„Gen Z regelt“ entstand erst kürzlich aus Einzelpersonen, die sich über soziale Medien vernetzten. An der Mobilisierung beteiligen sich aber auch bereits bestehende Gruppen aus dem linksradikalen und antiimperialistischen Spektrum, darunter Sozialismus von unten, Kommunistischer Aufbau und Young Struggle. Diese Gruppen treiben seit Monaten Proteste gegen die Wehrpflicht voran. Welche Kräfte den Protest am Samstag organisatorisch maßgeblich bestimmen werden, ist bislang unklar.
Linke politische Gruppen verbreiten Mobilisierungsbeiträge, die teilweise auch von offiziellen Kanälen von „Gen Z regelt“ übernommen werden. Der Berliner Influencer und erste offizielle Sprecher Gianni Matheja erklärte am Montag seinen Rückzug. Er begründete ihn damit, dass unter dem Label „unterschiedliche Gruppen“ zusammenkämen und ein gemeinsamer friedlicher Rahmen dadurch nicht ausreichend gesichert sei.
Die Polizei registriert Aufrufe aus dem linken politischen Spektrum, sieht derzeit aber keine belastbaren Hinweise auf eine gezielte extremistische Steuerung der Initiative. GdP-Landeschef Stephan Weh warnte dennoch vor einer Vereinnahmung durch radikale Kräfte, vor Gewalt und einem Missbrauch der Versammlungsfreiheit. Als zusätzliche Herausforderung nannte er den Termin in der Halloweennacht, in der häufig Pyrotechnik eingesetzt werde.
Die Organisatoren betonen, der Protest sei ausnahmslos friedlich. Gewalt gegen Menschen oder Sachen widerspreche den Grundsätzen der Initiative. Auch die bisherigen Schulstreiks gegen die Wehrpflicht verliefen nach Angaben des Artikels friedlich. Die Polizei bereitet sich auf die Demonstrationen vor und setzt laut Einsatzkonzept vor allem auf Kommunikation und Deeskalation.
Von Schulblockaden bis zum Bundesprotest
Wie schnell die Bewegung gewachsen ist, zeigte sich bereits bei einem Treffen Mitte Oktober in den Räumen der Zeitung „Junge Welt“. Rund 150 Schüler und Studierende kamen zusammen – zwei Tage nach der ersten Berliner Schulblockade am Französischen Gymnasium in Tiergarten. Eingeladen hatten „Gen Z regelt“ und die Neuköllner Jugendorganisation der Linkspartei.
Ursprünglich war das Treffen von der Initiative „Schulstreik gegen die Wehrpflicht“ organisiert worden. Sie hatte seit Dezember des Vorjahres vier Protesttage veranstaltet. Eine Schülerin aus Paris erläuterte den Ablauf von Schulblockaden; Flyer erklärten unter dem Titel „Der Funke aus Frankreich ist übergesprungen“ den Aufbau solcher Aktionen.
Am 16. Oktober blockierten Berliner Jugendliche außerdem das Andreas-Gymnasium in Friedrichshain. 100 bis 200 Schüler und Unterstützer aus linken Organisationen versperrten von 7 bis 13 Uhr die Eingänge. Zu sehen waren unter anderem Transparente mit politischen Slogans und eine Gen-Z-Fahne mit orangefarbenem Eichhörnchen.
Auch in Hamburg gab es am Mittwoch eine Blockade: Etwa 50 Demonstrierende versperrten ein Gebäude der Hochschule für Angewandte Wissenschaften mit Müllcontainern und Baustellenabsperrungen und riefen zur Teilnahme an der Samstagsdemonstration auf.
Forderungen und offene Fragen
In ihrem Positionspapier verlangt die Bewegung mehr politische Beteiligung junger Menschen und Generationengerechtigkeit. Zu den Bildungsforderungen gehören höhere Investitionen in Schulen, moderne Infrastruktur, kleinere Klassen, mehr Lehrkräfte und Bildungsgerechtigkeit unabhängig von der sozialen Herkunft. Die Initiative lehnt Pläne zur Wiedereinführung der Wehrpflicht und verpflichtende Dienstmodelle ab.
Daneben geht es um Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten, ein Ende von Kürzungen im Sozialbereich und ambitionierten Klimaschutz. Demonstrationen sind unter anderem in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, München, Leipzig, Dresden und Magdeburg sowie in Städten in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg geplant. In Hamburg soll die Demonstration um 14 Uhr am Jungfernstieg beginnen.
Wie viele bislang nicht organisierte Jugendliche am Samstag tatsächlich kommen und welchen Charakter die Proteste annehmen, bleibt offen. Die Zahl der Zusagen in sozialen Netzwerken liegt teilweise deutlich über den Teilnehmerzahlen, die bei Behörden offiziell angemeldet wurden. Als Vorbild gelten Schülerdemonstrationen in Frankreich, bei denen es Ende September zu gewaltsamen Ausschreitungen kam.
Innenpolitiker von Union und SPD warnen deshalb vor einer möglichen Instrumentalisierung der Bewegung durch extremistische Kräfte. Grünen-Co-Chef Felix Banaszak und andere politische Stimmen fordern dagegen, die Anliegen der Jugendlichen ernst zu nehmen und die Bewegung nicht vorab zu diskreditieren. Die Bundesschülerkonferenz distanzierte sich nach anfänglicher Unterstützung von der Initiative; die Landesschüler*innenvertretung Nordrhein-Westfalen unterstützt weiterhin deren Kernforderungen.
Ob am Samstag am Ende vor allem Schüler, Studierende, organisierte politische Gruppen oder eine Mischung aus allen auf der Straße stehen, wird sich erst am Brandenburger Tor zeigen. Bis dahin laufen die Aufrufe weiter – online, in Gruppen-Chats und mit einem orangefarbenen Eichhörnchen als kleinem, ziemlich auffälligem Zeichen.
