Hodentorsion als Zufallsdiagnose: Wittener Urologen entdecken seltenen Hodentumor
Heute, am 1. November 2026, führt eine Nachricht aus Witten in ein Fachgebiet, über das viele lieber schweigen: Der „stern“ hat Professor Dr. Andreas Wiedemann vom Evangelischen Krankenhaus (EvK) Witten erneut als einen der besten Ärzte seines Fachs ausgezeichnet. Der Urologe ist auf die Behandlung von Inkontinenz spezialisiert und arbeitet im EvK auch operativ.
Seine Patientinnen und Patienten sind dabei keineswegs nur ältere Menschen. Auch Extremsportler gehören dazu. Gerade beim Kraftsport kann hoher Druck auf den Beckenboden eine Rolle spielen und zu Blasenschwäche führen. Der Bericht der WAZ erschien am 1. November 2026.
Ein seltener Fall aus der Wittener Urologie
Wie breit die Arbeit einer urologischen Klinik reicht, zeigt ein Fall aus der Urologischen Klinik des EvK Witten. Dort wurde ein Patient mit einer Hodentorsion behandelt. Dabei verdreht sich der Hoden um die Samenstrangachse, die Blutversorgung wird gestört – im schlimmsten Fall stirbt der Hoden ab.
Üblicherweise legen Ärztinnen und Ärzte den Hoden in einem solchen Notfall operativ frei, drehen ihn zurück und befestigen ihn. Während des Eingriffs stellten die Wittener Urologen jedoch fest, dass der verdrehte Hoden krankhaft verändert war. Der Patient hatte davon vorher nichts bemerkt. Die Hodentorsion führte somit zu einer Diagnose, die sonst womöglich später gestellt worden wäre.
Die Untersuchung des Gewebes im pathologischen Institut ergab einen bösartigen Hodentumor. Durch den Zufallsbefund wurde der Tumor früh erkannt. Nach der Entfernung des Hodens und einer anschließenden Chemotherapie gilt der Patient als geheilt. Das gemeinsame Auftreten von Hodentorsion und Hodentumor war weltweit zuvor nur achtmal beschrieben worden.
Die Wittener Urologen gaben ihre Erkenntnisse, Ultraschallbilder, den Operationsbefund und Gewebeschnitte an Fachkollegen weiter. Den Fallbericht reichten sie bei „Der Urologe“ ein, dem Organ der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Die Fachzeitschrift bewertete den Artikel als publikationswürdig und veröffentlichte ihn. Urologen im deutschsprachigen Raum können daraus lernen.
Warum Hodentumoren vor allem junge Männer betreffen
Dieser Austausch gehört zum medizinischen Informationsaustausch: Dazu zählen Fachliteratur, Fachzeitschriften, persönliche Kommunikation sowie die Veröffentlichung besonderer Fälle und neuer Diagnose- oder Behandlungsmethoden. Der Wittener Fall ist selten, verweist aber auf eine Erkrankungsgruppe mit großer Bedeutung für junge Männer.
Keimzelltumoren sind die häufigsten bösartigen Tumoren junger Männer. Sie entstehen meist aus dem Keimepithel des Hodens, seltener aus versprengten embryonalen Keimzellen außerhalb der Keimdrüsen. Zwischen dem 20. und 44. Lebensjahr sind Hodentumoren die häufigste Krebserkrankung des Mannes; ihr Anteil liegt bei etwa 25 Prozent. An allen Tumorerkrankungen machen sie etwa ein bis zwei Prozent aus, das Lebenszeitrisiko beträgt ungefähr 0,4 Prozent.
In Deutschland liegt die Inzidenz bei etwa zehn Erkrankungen pro 100.000 Einwohner und nimmt langfristig zu. 2023 erkrankten 3.910 Männer, 187 starben an einem Keimzelltumor. Die Mortalität liegt bei 0,4 pro 100.000 Einwohner. Bei Kindern sind Hodentumoren dagegen selten: In Europa treten sie bei etwa 0,2 von 100.000 Einwohnern auf. Meist sind sie gutartig und stehen in der Regel nicht mit einer Keimzellneoplasie in situ, kurz GCNIS, in Zusammenhang.
Am Anfang steht eine fehlerhafte Reifung primordialer Keimzellen mit ungehemmter Zellteilung. Die veränderten Zellen liegen zunächst basal in den Samenkanälchen und verdrängen die Spermatogenese. Diese Vorläuferläsion heißt GCNIS; ältere Bezeichnungen sind Carcinoma in situ und testikuläre intraepitheliale Neoplasie. Zunächst bleibt sie meist inaktiv, typischerweise erst nach der Pubertät entstehen daraus Seminome oder Nichtseminome.
Beschrieben sind unter anderem eine p53-Überexpression, zusätzliche Kopien des Isochromosoms i(12p), der Verlust der c-Kit-Expression und eine Störung des Zellzyklus am G1/S-Kontrollpunkt. GCNIS ist im gesamten Hoden verbreitet. Für den Nachweis genügt eine kleine Gewebeprobe von etwa drei Millimetern oder eine Nadelbiopsie. Wird GCNIS festgestellt, entwickelt sich innerhalb von fünf Jahren bei etwa 50 Prozent ein invasiver Keimzelltumor. Im tumorfreien Gegenhoden erhöhen Hodenatrophie, Kryptorchismus und ein Alter unter 30 Jahren das Risiko.
Von Kryptorchismus bis familiärer Belastung
Ein nicht abgestiegener Hoden, medizinisch Kryptorchismus, steigert das Tumorrisiko um das Zehn- bis Zwanzigfache. Je höher der Hoden liegt, desto größer ist die Gefahr. Eine frühe Orchidopexie senkt das Risiko und ermöglicht Kontrollen.
Auch die Familie spielt hinein: Ist der Vater erkrankt, ist das Risiko etwa doppelt so hoch, bei einem erkrankten Bruder ungefähr vierfach. Bei einem Zwillingsbruder kann es bis zum 20-Fachen steigen. Die Daten sprechen für eine polygenetische Ursache mit mehreren Genen geringer Penetranz. Nach einem Hodentumor entwickelt innerhalb von 15 Jahren etwa jeder 50. Betroffene einen Tumor des anderen Hodens – rund zwei Prozent, also ein etwa zwölffach erhöhtes Risiko.
Bei weißen Männern in den USA treten Hodentumoren etwa viermal häufiger auf als bei schwarzen Männern. Als mögliche Umweltfaktoren werden endokrine Disruptoren in Kunststoffen und Pestiziden diskutiert. Im Gespräch sind dabei auch Zusammenhänge mit Infertilität, Kryptorchismus, Hypospadie und Frühgeburten. Weitere mögliche Risikofaktoren sind testikuläre Mikrolithiasis und Infertilität; bei Cannabiskonsum und Mumpsorchitis ist der Zusammenhang umstritten.
Die WHO unterscheidet Tumoren mit und ohne Bezug zu GCNIS. Zu den GCNIS-assoziierten Tumoren zählen Seminome und Nichtseminome: embryonales Karzinom, Dottersacktumor vom postpubertären Typ, Teratom, Teratom mit maligner somatischer Transformation, trophoblastische Tumoren wie das Chorionkarzinom sowie Keimzellmischtumoren.
Ohne Bezug zu GCNIS treten spermatozytische Tumoren, Teratome vom präpubertären Typ – etwa Dermoid- und Epidermoidzysten –, Dottersacktumoren vom präpubertären Typ, testikuläre neuroendokrine Tumoren vom präpubertären Typ sowie Keimstrang- und Stromatumoren auf. Dazu gehören Leydigzell-, Sertolizell- und Granulosazelltumoren. Ebenfalls genannt werden gemischte oder entdifferenzierte Formen wie das Androblastom und das Gonadoblastom mit Keimzell- und Keimstranganteilen.
Seminom, Nichtseminom und die Wege der Ausbreitung
Seminome machen etwa 40 bis 55 Prozent der Hodentumoren aus. Im Kindesalter sind sie sehr selten; typisch ist ein Erkrankungsalter zwischen 30 und 50 Jahren, möglich ist die Erkrankung auch über 60. Makroskopisch sind Seminome meist homogen, grau-weiß bis weißlich und gut begrenzt, aber nicht kapsuliert. Einblutungen und Nekrosen können vorkommen.
Unter dem Mikroskop zeigen sich gleichförmige Tumorzellen mit hellem, glykogenreichem Zytoplasma, deutlichen Zellgrenzen und rundlichen Zellkernen mit prominenten Nukleolen. Häufig finden sich bindegewebige Septen mit lymphozytären Infiltraten. Synzytiotrophoblastäre Riesenzellen können HCG produzieren. Eine erhöhte AFP-Konzentration schließt ein reines Seminom aus und spricht für nichtseminomatöse Anteile. Seminome wachsen meist langsamer als Nichtseminome und metastasieren bevorzugt über die Lymphbahnen in retroperitoneale Lymphknoten.
Spermatozytische Tumoren machen etwa ein Prozent der Keimzelltumoren aus und betreffen überwiegend Männer über 50 Jahre. Sie gelten inzwischen als eigene Tumorentität, nicht mehr als Seminom-Variante. Die Tumorzellen ähneln reifenden Spermatogonien, ein Bezug zu GCNIS besteht nicht. Das Metastasierungspotenzial ist sehr gering, die Prognose meist ausgezeichnet. Selten kommen sarkomatöse
