An der Universität Konstanz zeigt sich, wie ungleich die KI-Revolution im Arbeitsalltag ankommt. Manche Beschäftigte lassen sich längst Texte zusammenfassen, Tabellen prüfen oder Routineaufgaben abnehmen. Andere haben weder Zugang zu passenden Anwendungen noch Zeit, sie auszuprobieren. Und dann gibt es jene, die zwar neugierig wären, aber nicht recht wissen, wo sie anfangen sollen.

Eine Studie der Universität Konstanz und des Marktforschungsinstituts Bilendi untersucht seit Frühjahr 2024 jährlich die Wahrnehmung und Nutzung von KI am Arbeitsplatz in Deutschland. Im März 2024 wurden 2.019 Personen mit einem Durchschnittsalter von 44,28 Jahren befragt, im Mai 2025 waren es 1.024 Personen mit durchschnittlich 48,12 Jahren. Im Mai 2026 nahmen 1.105 Menschen teil; ihr Durchschnittsalter lag bei 46,19 Jahren.

Der Anteil der Befragten, die KI bei der Arbeit nutzen, stieg von 24 Prozent im Jahr 2024 auf 38 Prozent im Jahr 2026. Gegenüber 2025 fiel der Zuwachs allerdings überschaubar aus: drei Prozentpunkte. Gleichzeitig bewerteten 2026 weniger Befragte den Einfluss von KI auf die eigene Arbeit positiv. Auch die Motivation, sich in diesem Bereich weiterzubilden, sank deutlich. Der Fortschritt läuft also nicht überall mit offenem Visier voran, eher Schritt für Schritt und manchmal ziemlich leise.

Wer KI nutzt – und wer außen vor bleibt

Entscheidend sind vor allem Tätigkeitsprofil, Bildungsniveau und Unternehmensgröße. Büro- und Wissensbeschäftigte nutzten KI 2026 zu 49 Prozent. Bei Beschäftigten in körperlichen oder produzierenden Tätigkeiten lag der Anteil bei 25 Prozent. In beiden Gruppen stieg die Nutzung gegenüber dem Vorjahr um jeweils vier Prozentpunkte.

Beim Bildungsabschluss öffnet sich die Schere noch weiter: Personen mit hohem Bildungsabschluss nutzten KI zu 56 Prozent, bei Personen mit niedrigem Bildungsabschluss waren es 21 Prozent. Auch der Betrieb, in dem jemand arbeitet, macht einen Unterschied. Kleine Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten stellen interne KI-Tools für knapp zehn Prozent ihrer Beschäftigten bereit. In mittelgroßen Unternehmen mit 50 bis 249 Beschäftigten sind es etwa 20 Prozent, in Unternehmen mit 250 bis 1.000 Beschäftigten 29 Prozent und in Konzernen mit mehr als 1.000 Beschäftigten 36 Prozent.

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Größere Unternehmen verfügen außerdem häufiger über Weiterbildungsangebote, Nutzungsregeln und Kommunikationsstrukturen zur KI. Kleinere Betriebe brauchen deshalb zusätzliche Unterstützung bei der Transformation. Beschäftigte sollten konkrete Anwendungsfälle kennenlernen und Zeit zum Lernen und Üben bekommen. Bei Unsicherheiten helfen klare Regeln zur KI-Nutzung und ansprechbare Führungskräfte. HR-Abteilungen sollten besonders mit jenen Beschäftigten sprechen, die KI bislang wenig verwenden, und den konkreten Nutzen für deren Aufgaben erklären.

Die Studie beschreibt die KI-Transformation als schrittweise, ungleich verteilte und häufig informelle Integration in den Arbeitsalltag. Transparente Kommunikation und zielgruppengerechte Qualifizierung gelten als zentrale Maßnahmen. Eine offene Kommunikationsstruktur kann Wissen sichtbar machen, gegenseitiges Lernen fördern und Risiken frühzeitig erkennen. Nur Geräte hinzustellen – bitte schön, hier ist der digitale Werkzeugkoffer – reicht nicht.

Der Gender-AI-Gap beginnt früh

Eine gemeinsame Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Initiative D21 widmet sich den geschlechtsspezifischen Unterschieden. Grundlage sind repräsentative D21-Digital-Index-Daten aus Juli 2024. Ausgewertet wurden 4.806 Personen im erwerbsfähigen Alter von 14 bis 69 Jahren.

Frauen nutzen KI seltener und weniger intensiv als Männer. Der unbereinigte Unterschied beträgt insgesamt 16 Prozentpunkte. Werden Alter, Bildung und Haushaltseinkommen berücksichtigt, bleiben 13 Prozentpunkte. Bezieht man zusätzlich berufliche Position, Einstellungen und Kompetenzen ein, liegt der Gender AI Gap noch bei acht Prozentpunkten.

Besonders groß ist die Lücke bei jungen Erwerbstätigen der Generation Z+, also den Jahrgängen 1996 bis 2010. Rund die Hälfte der Männer nutzt KI intensiv, bei den Frauen derselben Altersgruppe ist es weniger als ein Drittel. Der Abstand beträgt fast 20 Prozentpunkte. Junge Männer bewegen sich laut Studie häufiger in technikaffinen Freundeskreisen und Communitys, während Frauen seltener Zugang zu solchen informellen Netzwerken haben. Formale Lernangebote sind in dieser Altersgruppe bislang wenig verbreitet. So können frühe Nutzungsvorsprünge entstehen, die sich später festsetzen.

Höhere Bildung und höheres Einkommen lösen das Problem nicht automatisch. Männer profitieren stärker von höheren Bildungsabschlüssen, weil sie häufiger in KI-affinen Berufen arbeiten. Hochqualifizierte Frauen sind dagegen öfter in Tätigkeiten beschäftigt, in denen KI weniger sichtbar oder strategisch eingesetzt wird. Mit steigendem Einkommen nimmt die Wahrscheinlichkeit der KI-Nutzung bei Männern stärker zu als bei Frauen; technikbezogene Peer-Netzwerke verstärken die Unterschiede auch bei hohen Ressourcen.

Arbeitsplatz, Lernwege und konkrete Vorteile

Das Tätigkeitsfeld spielt ebenfalls hinein. Im Handwerk wird KI vergleichsweise selten genutzt, weil viele Aufgaben körperliche Geschicklichkeit, Mobilität und situative Anpassung erfordern. In digitalen, kontrollierten Bereichen – etwa bei Planung, Steuerung, Dokumentation sowie der Bearbeitung von Texten, Bildern und Code – gibt es mehr Einsatzmöglichkeiten.

Die berufliche Tätigkeit erklärt die Geschlechterunterschiede aber nicht vollständig. Bei Analysetätigkeiten nutzen Frauen KI häufiger als Männer. Lehrkräfte beider Geschlechter verwenden sie nahezu gleich häufig und intensiv. Bei Planungstätigkeiten liegen Männer dagegen deutlich vorn.

Unternehmen, die KI aktiv einsetzen, digitale Anwendungen erproben und Weiterbildungen anbieten, erreichen eine deutlich höhere Nutzung unter Beschäftigten. In solchen Betrieben verliert der Gender AI Gap statistisch an Bedeutung; bei aktiver Einführung und Weiterbildung verschwindet er laut Studie. Die bloße Bereitstellung digitaler Geräte und Infrastruktur genügt hingegen nicht. Berufliche Internetnutzung und digitale Anforderungen erhöhen zwar die KI-Nutzung insgesamt, verringern die Lücke jedoch nicht – Männer profitieren davon häufig stärker.

Auch der Lernweg zählt. Selbst initiierter und arbeitgeberfinanzierter Kompetenzerwerb steigern die Wahrscheinlichkeit der KI-Nutzung. Frauen profitieren besonders stark vom selbst initiierten Lernen: Ihre Nutzung steigt dadurch um 15 Prozentpunkte, bei Männern um acht Prozentpunkte. Arbeitgeberfinanzierte Weiterbildungen reduzieren den Unterschied bei intensiver KI-Nutzung auf einen Prozentpunkt. Informelles soziales Lernen durch Kolleginnen und Kollegen, Familie oder Freunde vergrößert die Lücke dagegen: Männer profitieren signifikant davon, bei Frauen zeigt sich kein entsprechender Effekt.

Am stärksten treibt der erwartete persönliche Nutzen an. Wer glaubt, dass KI einfache und monotone Aufgaben übernimmt, nutzt sie mit einer um 30 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit – bei Frauen und Männern gleichermaßen. In diesem Fall ist der Gender AI Gap statistisch nicht mehr signifikant. Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes wirkt hingegen unterschiedlich: Bei Männern erhöht sie die KI-Nutzung signifikant, bei Frauen zeigt sich kein vergleichbarer Effekt. Konkrete Entlastungsszenarien sind damit hilfreicher als Angstnarrative.

Was Betriebe jetzt verändern können

Die Autorinnen bewerten den Gender AI Gap als strukturelles Muster, das sich ohne gezielte Maßnahmen voraussichtlich nicht selbst schließt. KI wird zunehmend zu einer wichtigen Arbeitsressource. Routiniere Nutzung kann Produktivität, Handlungsspielräume, Aufstiegschancen und Einkommen beeinflussen. Wer KI gar nicht nutzt, könnte im Leistungsvergleich zurückfallen – und zwar nicht erst irgendwann in ferner Zukunft.

Die Geschlechterlücke ist besonders groß bei intensiver, strategischer, kreativer und wirtschaftlich relevanter KI-Nutzung. Wenn Frauen seltener an KI-Prozessen beteiligt sind, fließen ihre Perspektiven auch seltener in die Gestaltung KI-gestützter Arbeitsumgebungen ein. Unterschiede bei Karriere- und Einkommenschancen können sich dadurch verfestigen, während Technologien einseitiger gestaltet werden.

Betriebe sollten klare Regeln für die Gestaltung von KI-Systemen sowie für den Umgang mit Unternehmens- und Kundendaten formulieren, grundlegende KI-Schulungen anbieten und unterschiedliche Ausgangslagen gendersensibel berücksichtigen. Schulungen gehören in die Arbeitszeit, nicht als Abendveranstaltung hinten an den Tag geklebt. Beschäftigte sollten konkrete Aufgaben mit KI erproben und die Qualität der Ergebnisse verbessern können. Ebenso wichtig sind Austauschmöglichkeiten zwischen Frauen im gleichen Tätigkeitsfeld und Lernangebote, die Nachvollziehbarkeit und Reproduzierbarkeit von KI-Ergebnissen behandeln.

Als besonders geeignet gelten anwendungsbezogene Lernangebote. In kleinen Betrieben kann schon die Anerkennung von KI-gestützter Büroarbeit durch die Betriebsleitung die Wertschätzung überwiegend von Frauen ausgeführter Tätigkeiten erhöhen. Der konkrete Nutzen muss greifbar sein. Eine Studienautorin berichtet