In Münster entscheidet sich gerade, wie viel Brustkrebs-Früherkennung das deutsche Gesundheitssystem künftig leisten kann. Das Mammografie-Screening wurde ausgeweitet, zugleich sollen im ambulanten Bereich rund drei Milliarden Euro eingespart werden. Die Sorge von Ärzteverbänden: mehr Frauen, aber nicht automatisch mehr Termine, Geräte oder Personal.

Seit Juli 2024 können Frauen bis 75 Jahre freiwillig alle zwei Jahre teilnehmen. Zuvor lag die Altersgrenze bei 69 Jahren. Frauen zwischen 50 und 75 Jahren haben derzeit Anspruch auf eine Röntgen-Mammografie; unter 50-Jährige mussten die Untersuchung bislang selbst bezahlen. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat nun beschlossen, die Teilnahmegrenze auf 45 Jahre zu senken. Die Rechtsaufsicht im Bundesgesundheitsministerium prüft die Neuregelung noch. Wenn es keine Beanstandungen gibt, soll sie am 1. August 2027 in Kraft treten.

Mehr Frauen, begrenzte Budgets

Voraussichtlich ab Sommer 2027 sollen auch Frauen zwischen 45 und 49 Jahren alle zwei Jahre eingeladen werden. Zunächst sollen sie sich direkt bei ihrer zuständigen zentralen Stelle für einen Termin anmelden können. Persönliche Einladungen sind für diese Altersgruppe voraussichtlich ab Januar 2028 vorgesehen. Der G-BA aktualisiert parallel seine Versicherteninformationen.

Für das Screening braucht es spezialisierte medizinische Zentren, einheitliche Qualitätsstandards und ordentlich Kapazität. Die fünf regionalen Referenzzentren rechnen allein durch die Aufnahme der 45- bis 49-Jährigen mit 2,3 bis 2,5 Millionen zusätzlichen Frauen. Benötigt werden zusätzliche Untersuchungstermine, Geräte, Fachpersonal und Ärztinnen und Ärzte für die Befundung.

Gleichzeitig sieht das Beitragsstabilisierungsgesetz der gesetzlichen Krankenversicherung Einsparungen von rund drei Milliarden Euro im ambulanten Bereich vor. Ab 1. Januar 2027 sollen Früherkennungsuntersuchungen durch feste Budgets begrenzt werden. Auch Radiologen und Mammografie-Zentren erhalten dann nur ein festgelegtes Budget. Ist es ausgeschöpft, müssen Ärztinnen und Ärzte weitere Untersuchungen möglicherweise selbst finanzieren.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte kritisieren die geplanten Begrenzungen. Der Berufsverband erwartet, dass bundesweit bis zu 3,5 Millionen zeitnahe frauenärztliche Termine pro Jahr wegfallen könnten. Das klingt nicht nach einer kleinen Verschiebung im Kalender, eher nach einem ziemlich vollen Wartezimmer.

Warum frühe Bilder zählen

Das Mammografie-Screening besteht seit mehr als 20 Jahren. Bei der Untersuchung wird die Brust mit Röntgenstrahlen durchleuchtet, um Tumoren möglichst früh zu erkennen – bevor sie tastbar sind oder Lymphknoten befallen. Frühe Tumoren verursachen häufig keine Beschwerden, sind teilweise weder tastbar noch schmerzhaft. Mammografien können kleine Veränderungen und Mikrokalk sichtbar machen, der auf eine Vorstufe von Brustkrebs hinweisen kann.

Brustkrebs ist mit rund 75.000 Neuerkrankungen jährlich die häufigste Krebsart bei Frauen ab 30. Für 2022 nennt das Bundesamt für Strahlenschutz rund 74.500 Neuerkrankungen; zusätzlich wurden etwa 6.000 In-situ-Tumoren diagnostiziert. Rund 18.500 Frauen starben in jenem Jahr an Brustkrebs, der damit auch die häufigste Krebstodesursache bei Frauen war.

Eine 2025 veröffentlichte Studie des Bundesamts für Strahlenschutz und der Universität Münster untersuchte erstmals den Effekt des deutschen Programms auf die Brustkrebssterblichkeit. Für die Jahre 2009 bis 2018 lag sie bei 50- bis 69-jährigen Teilnehmerinnen um 20 bis 30 Prozent niedriger als bei Nichtteilnehmerinnen. Nach den Ergebnissen konnte etwa jeder vierte Brustkrebstodesfall unter Teilnehmerinnen durch die frühzeitige Diagnose verhindert werden.

Die Studie kombinierte mehrere methodische Ansätze und Datenquellen. Verteilte Gesundheitsdaten, rechtliche Rahmenbedingungen und der fehlende Einsatz randomisierter Studien machten die Auswertung kompliziert. Auch der allgemeine Rückgang der Brustkrebssterblichkeit seit den 1990er-Jahren, unter anderem durch bessere Therapien, musste berücksichtigt werden. Mögliche Verzerrungen wurden statistisch korrigiert; der Effekt wurde konservativ, also eher zu niedrig als zu hoch, geschätzt. Die verschiedenen Analysen kamen trotz unterschiedlicher Daten und Methoden zu ähnlichen Ergebnissen. Hinsichtlich Umfang und Methodik zählt die Untersuchung international zu den größten zum Thema.

Eine frühere Diagnose kann weniger belastende Therapien ermöglichen – etwa eine brusterhaltende Operation oder in bestimmten Fällen den Verzicht auf eine Chemotherapie. Zusätzliche Wartezeiten wären deshalb vor allem dann heikel, wenn bei einer Tastuntersuchung oder einem Ultraschall bereits eine verdächtige Veränderung aufgefallen ist. Bei aggressiven Tumoren kann eine verspätete Diagnose die Heilungschancen verschlechtern und die Behandlungskosten erhöhen.

Wer warten kann – und wer nicht

Ärzteverbände warnen vor sozialer Ungleichheit. Menschen mit ausreichenden finanziellen Mitteln könnten auf Selbstzahler-Untersuchungen oder Privatpraxen ausweichen. Andere müssten womöglich länger auf einen Termin warten. Genau diese Schere dürfte sich öffnen, wenn die Nachfrage steigt, während Budgets und Kapazitäten gedeckelt bleiben.

Bundesweit können rund 14,5 Millionen Frauen zwischen 50 und 75 Jahren teilnehmen; jährlich nimmt etwa die Hälfte der Eingeladenen das Angebot wahr. Frauen ab 50 erhalten alle zwei Jahre eine persönliche Einladung über eine zentrale Stelle der Kassenärztlichen Vereinigung. Anspruchsberechtigte Frauen werden dafür von einer Zentralen Stelle eingeladen, die Meldedaten nutzt. Die Untersuchung ist freiwillig und richtet sich an beschwerdefreie Frauen.

Frauen mit Symptomen oder einer früheren Brustkrebserkrankung werden außerhalb des Screenings gezielt medizinisch versorgt. Auch Frauen mit familiär erhöhtem Brust- oder Eierstockkrebsrisiko können an speziellen Hochrisikoprogrammen teilnehmen. Nur etwa jeder zehnte bis zwanzigste Brustkrebsfall ist erblich bedingt. Den Meldestellen liegen keine Informationen zu Vorerkrankungen oder individuellen Risiken vor; deshalb liegt der Einladung ein Fragebogen zur medizinischen Vorgeschichte bei. Gibt es Hinweise auf einen erhöhten Betreuungsbedarf, werden die betroffenen Frauen informiert und weitergeleitet.

Die fünf regionalen Referenzzentren betreuen 95 Screening-Einheiten. Die 2003 gegründete Kooperationsgemeinschaft Mammographie zertifiziert und überwacht das Programm. Personal und Geräte müssen hohe Qualitätsanforderungen erfüllen, Beschäftigte werden speziell geschult und regelmäßig fort- und weitergebildet. Befundende Radiologinnen, Radiologen, Pathologinnen und Pathologen weisen ihre Qualifikation in Fallsammlungsprüfungen und durch vorgeschriebene Mindestfallzahlen nach.

Zwei radiologische Fachärztinnen oder Fachärzte beurteilen jede Mammografie unabhängig voneinander. Bei Auffälligkeiten folgt eine gemeinsame abschließende Beurteilung in einer Konsensuskonferenz, an der auch die oder der Programmverantwortliche beteiligt ist. Zunächst werden körperliche und bildgebende Untersuchungen vorgenommen. Bleibt der Verdacht bestehen, wird minimal-invasiv eine Gewebeprobe entnommen. Bei bestätigtem Krebs geht die Patientin in die reguläre Krankenversorgung; Befunde und Behandlungsmöglichkeiten werden in einer multidisziplinären Fallkonferenz besprochen.

Nutzen, Strahlen und die blinden Flecken

Das Strahlenschutzprinzip verlangt, dass der medizinische Nutzen das Strahlenrisiko deutlich überwiegt und die Dosis so niedrig wie möglich bleibt. Weil bei einem flächendeckenden Screening nicht vor jeder Untersuchung eine individuelle ärztliche Nutzen-Risiko-Prüfung stattfinden kann, gelten verbindliche Rahmenbedingungen und Qualitätssicherungsmaßnahmen. Sie sind in der Brustkrebsfrüherkennungsverordnung festgelegt und beruhen auf einer Nutzen-Risiko-Bewertung des Bundesamts für Strahlenschutz, die spätestens alle fünf Jahre überprüft wird.

Das Strahlenrisiko ist gering: Weniger als eine von 1.000 Frauen könnte im weiteren Leben aufgrund der Mammografie-Strahlung an Krebs erkranken. Die mittlere Organdosis der Brust liegt bei einer Untersuchung in zwei Ebenen bei etwa 2,7 Milligray. Bei regelmäßiger Teilnahme zwischen 50 und 75 Jahren beträgt das zusätzliche Lebenszeitrisiko für Brustkrebs etwa 0,03 Prozent; das normale Lebenszeitrisiko einer 50-jährigen Frau liegt bei ungefähr 11 Prozent. Der Untersuchung des Bundesamts für Strahlenschutz wurde ein größerer Nutzen als die damit verbundene Strahlenbelastung zugeschrieben.

Für Frauen von 50 bis 69 Jahren ist der Nutzen gegenüber dem Strahlenrisiko seit Längerem belegt. Diese Einschätzung wurde inzwischen auf Frauen von 45