An der Universität Bielefeld geht es um eine App, die im Alltag einer an Multipler Sklerose erkrankten Frau Ordnung schaffen soll. Susanne, heute 42 Jahre alt und Pädagogin aus Bielefeld, entwickelte 2023 zunächst Taubheitsgefühle an Händen und Füßen, Gangunsicherheit und Konzentrationsprobleme. Nach umfangreichen Untersuchungen bekam sie die Diagnose Multiple Sklerose, kurz MS.

Neurologinnen und Neurologen stellten sie medikamentös ein: mit einer Prophylaxe, die weitere Schübe verhindern soll, und mit Medikamenten gegen Krankheitssymptome. Zusätzlich nimmt Susanne Nahrungsergänzungsmittel und komplementärmedizinische Präparate, die sie selbst bezahlt. Weil sie die Prophylaxe nicht vertrug, misst sie diesen Mitteln größere Bedeutung bei. Ihr Partner Cedric Conday ist überzeugt, dass hoch dosiertes Vitamin D3 und Magnesium ihren „Brain Fog“ sowie depressive Verstimmungen lindern.

Ein Stundenplan für Medikamente

Im Alltag muss Susanne zahlreiche Mittel zu festen Zeiten einnehmen, manche vor, andere nach den Mahlzeiten. Das kann schnell unübersichtlich werden. Conday entwickelte deshalb die App „Protocol Tracker“. Sie soll die Reihenfolge der Medikamente, Einnahmezeiten und Dosierungen organisieren.

Seine Kenntnisse in Kognitionswissenschaften halfen ihm dabei, die Anwendung zu konzipieren; die nötigen KI-Kenntnisse brachte er sich selbst bei. Für Susanne bereitete er das sogenannte Coimbra-Protokoll in der App auf und kombinierte es mit ihrer Standardtherapie gegen MS. Die mehrsprachige Tabelle enthält Einnahmedaten und -zeiten. Außerdem lassen sich Berichte und Befunde speichern.

Ein digitales Tagebuch gehört ebenfalls dazu. Susanne kann darin ihr tägliches Befinden und ihre Symptome festhalten, Veränderungen beobachten und mögliche Wirkeffekte dokumentieren. Laut Conday lässt sich die App auch bei anderen Autoimmunerkrankungen einsetzen.

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Vom Au-pair zum App-Entwickler

Conday stammt aus einer Kleinstadt in Louisiana und kam 2010 als Au-pair nach Deutschland. Zunächst studierte er „Engineering Physics“ an der Universität Oldenburg, 2015 wechselte er an die Universität Osnabrück und belegte Cognitive Science. Susanne lernte er 2020 während der Covid-19-Pandemie kennen.

Das Paar hat einen fünfjährigen Sohn. Conday arbeitete in verschiedenen Jobs, um die Familie finanziell zu unterstützen. Susanne versucht derzeit, wieder ein Studium an der Universität Bielefeld aufzunehmen; ihr Sohn besucht eine Uni-Kita. Zwischen Familienorganisation, Krankheit und App-Entwicklung bleibt dabei vermutlich wenig Platz für Leerlauf.

Conday bewirbt „Protocol Tracker“ über Facebook und möchte die Anwendung MS-Betroffenen zunächst kostenlos anbieten. Die Android-Version soll außerdem auch ohne den Google Play Store heruntergeladen werden können. Eine zusätzliche Version für Ärztinnen und Ärzte ist geplant, dafür braucht er Sponsoring. Kontakt und weitere Informationen bietet seine Website condaydigital.com.

Das Coimbra-Protokoll und die Studienlage

Auf der Website zum Coimbra-Protokoll wird auf eine internationale Veröffentlichung zur Sicherheit einer Behandlung mit hohen Dosen Vitamin D3 nach dem „Coimbra-Protokoll“ verwiesen. Genannt wird außerdem eine Studie zu der Frage, ob Vitamin D die Krankheitsaktivität bei Multipler Sklerose im Frühstadium verlangsamt.

Eine weitere aufgeführte Untersuchung befasst sich mit den Serum-Vitamin-D-Spiegeln von Patientinnen und Patienten mit autoimmuner Uveitis sowie mit einem möglichen Zusammenhang zwischen diesen Spiegeln und der Krankheitsaktivität. Als Autoren werden Karine Koller, Kimble Matos Teixeira Fonseca, Kelsy N. Areco, Yuslay Fernández-Zamora, Luci Meire Pereira Silva, Ricardo Pedro Casaroli-Marano, Cicero Galli Coimbra und Cristina Muccioli genannt.

Eine Studie stellt Vitamin-D-Resistenz als mögliche Ursache von Autoimmunerkrankungen dar und untersucht ein therapeutisches Hochdosis-Vitamin-D-Protokoll. Weitere Veröffentlichungen auf der Seite behandeln Vitamin D und Multiple Sklerose in einem umfassenden Review von 2018, die Rolle von Genpolymorphismen im Vitamin-D-Stoffwechsel und bei MS sowie einen möglichen Einfluss von Vitamin D auf die Remyelinisierung.

Aufgelistet sind zudem Arbeiten zur Vitamin-D-Supplementierung bei Multipler Sklerose, zur Wirkung von 1,25-(OH)₂D₃ und dem Vitamin-D-Rezeptor bei systemischem Lupus erythematodes, zu immunmodulatorischen und immunsuppressiven Funktionen von 1α,25(OH)₂D₃ bei Autoimmunerkrankungen sowie zu modulierenden Effekten von 1,25-Dihydroxyvitamin D₃ auf die Differenzierung menschlicher B-Zellen. Hinzu kommt die Nutrigenomik von Vitamin D nach C. Carlberg aus dem Jahr 2019. Für die genannten Veröffentlichungen werden Links zu den jeweiligen Studien oder Downloads in deutscher beziehungsweise englischer Sprache angeboten.

Susanne und Conday versuchen, möglichst lange einen weiteren MS-Schub zu vermeiden. Die App soll dabei helfen, dass zwischen Tabletten, Nahrungsergänzungsmitteln, Befunden und dem eigenen Tagesgefühl nichts verloren geht.