Schleswig-Holstein setzt auf Linux: Schritt für Schritt zu digitaler Souveränität
Schleswig-Holstein wagt den Abschied von Windows – nicht mit einem großen Knall, sondern Arbeitsplatz für Arbeitsplatz. Seit dem 19. September 2026 arbeitet die Kieler Staatskanzlei weitgehend ohne Microsofts Betriebssystem. Mehr als 200 Beschäftigte nutzen Linux, rund 20 Arbeitsplätze laufen wegen spezieller Fachverfahren vorerst weiter mit Microsoft. Bekannt gegeben wurde die Umstellung von Digitalisierungsminister Dirk Schrödter bei den Kieler Open Source und Linux Tagen.
Der Schritt kommt nicht aus dem Nichts. Im Oktober 2025 stellte das Land mehr als 40.000 Postfächer von Exchange und Outlook auf Open-Xchange und Thunderbird um. Auch die Bürosoftware wechselte zu LibreOffice. Justiz und Polizei wurden in den Mailumzug einbezogen; Gerichtspräsidenten und die Generalstaatsanwaltschaft warnten damals vor möglichen Beeinträchtigungen. Der laufende Betrieb einer Verwaltung lässt sich eben nicht einfach per Mausklick auf eine neue Welt umstellen.
Warum das Land offene Software will
Schleswig-Holstein will in den kommenden Jahren verstärkt freie und quelloffene Software einsetzen, um die Abhängigkeit von Anbietern proprietärer Programme zu verringern. Proprietäre Software ist durch Urheberrecht und Lizenzbedingungen bei Nutzung und Weiterverarbeitung eingeschränkt. Oft hängen zusätzlich Betriebs- und Rechenzentrumsleistungen am Anbieter – und damit auch die Datenhoheit.
Das Land möchte deshalb ein Gegenangebot aufbauen: Eigene und anvertraute Daten sollen unter eigener Kontrolle bleiben, IT-Systeme selbstbestimmt gestaltet und genutzt werden. Digitale Souveränität lautet das große Ziel. Im November 2024 veröffentlichte die Landesregierung dafür ihre „Open Innovation und Open Source Strategie“. Sie betrachtet digitale Souveränität ganzheitlich und bezieht neben der Verwaltung auch Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft ein.
„Frei“ meint dabei ursprünglich nicht kostenlos. Gemeint sind bestimmte Nutzungsfreiheiten, für die ein öffentlich zugänglicher Quellcode Voraussetzung ist. Freie Software ist daher grundsätzlich quelloffen. Die international anerkannte Open Source Initiative beschreibt Open-Source-Software anhand von zehn Kriterien und zertifiziert Lizenzen auf Antrag.
Das Land nennt mehrere Gründe für den Einsatz: bessere IT-Sicherheit, Wirtschaftlichkeit, Bedienbarkeit, reibungslosere Zusammenarbeit verschiedener Systeme, leichtere Anpassungen an die Bedürfnisse von Verwaltungsmitarbeitenden und eine höhere Innovationsfähigkeit. Open-Source-Komponenten laufen bereits in Rechenzentren und bei einzelnen Arbeitsplatzkomponenten. Künftige eigene Entwicklungsergebnisse sollen außerdem unter freien Lizenzen veröffentlicht werden.
Ein Landtagsbeschluss von 2018 sieht vor, bei wesentlichen Änderungen möglichst viele Verfahren auf Open-Source-Software umzustellen. Auch bei neuer Software sollen offene Produkte vorrangig berücksichtigt werden. Die aktuelle Landesregierung vereinbarte per Koalitionsbeschluss eine stärkere Nutzung quelloffener Software – nicht nur in Verwaltungsverfahren, sondern auch an den IT-Arbeitsplätzen.
Linux im Büro, Windows bei den Fachverfahren
Mit dem aktuellen Standardarbeitsplatz hat Schleswig-Holstein eine einheitliche Infrastruktur für Landes- und Kommunalverwaltungen geschaffen, für Bürokommunikation ebenso wie für zentrale Dienste. Datenschutz und IT-Sicherheit haben dabei besonderes Gewicht. Das Programm „Digital Souveräner Arbeitsplatz“ soll die Entwicklung des IT-Arbeitsplatzes samt Schnittstellen und Abhängigkeiten bis zur Betriebseinführung innerhalb des vorgesehenen Zeit- und Finanzrahmens koordinieren.
Der digital souveräne Verwaltungsarbeitsplatz basiert auf einem Open-Source-Betriebssystem und wird in eine Infrastruktur eingebettet, die unter anderem in diesem Programm entsteht. Vorgesehen sind ein Open-Source-basierter Verzeichnisdienst und die Integration eines webbasierten Kollaborationsdienstes. Weitere quelloffene Bausteine laufen im Rechenzentrum bereits, darunter LibreOffice und Telefonsysteme.
Der Haken steckt in den Fachverfahren. Sie sind derzeit überwiegend Windows-basiert und unter Linux nicht lauffähig. Genau deshalb bleiben die rund 20 Kieler Arbeitsplätze zunächst bei Microsoft. Ob sie langfristig ohne Windows auskommen, ist offen. Anwendungen ohne verfügbare Open-Source-Alternative waren auch in München ein Grund für die spätere Rückkehr zu Windows.
Nach der Staatskanzlei sollen die übrigen Ministerien und Landesbehörden folgen. Den Support übernehmen sollen der öffentliche IT-Dienstleister Dataport und der Open-Source-Spezialist Gonicus. Als nächste Vorhaben stehen die Kollaborationsplattform Nextcloud, ein neuer Verzeichnisdienst und eine quelloffene Telefonielösung auf dem Plan.
Open Source ist nicht automatisch gratis
Unternehmen beschäftigen sich ebenfalls intensiver mit offenen Lösungen. Stefan Fauser vom Münchner IT-Dienstleister SpaceNet beobachtet seit etwa drei Jahren ein wachsendes Interesse – quer durch alle Unternehmensgrößen.
Informatikprofessor Dirk Riehle unterscheidet zunächst zwischen gemeinschaftsgetriebener Community-Open-Source und kommerziell motivierten Lösungen. Bei der Community-Variante veröffentlicht eine Entwicklergemeinschaft Software unter einer offenen Lizenz. Viele klassische Projekte wurden ursprünglich von technisch versierten Menschen für technisch versierte Nutzer entwickelt. Werden sie wichtiger, helfen oft rechtlich unabhängige Foundations. Sie können ein Projekt tragen und zugleich die Benutzerfreundlichkeit verbessern. Ein bekanntes Beispiel ist die Apache Software Foundation.
Daneben gibt es Branchen-Konsortien, in denen Unternehmen gemeinsam Software entwickeln. Die Open Logistics Foundation etwa entwickelte unter anderem eine Lösung für elektronische Frachtbriefe, die sogenannten eCMR.
Bei kommerzieller Open Source sieht Riehle zwei Varianten. Unternehmen können Support und Sicherheitsupdates für Community-Software verkaufen, wie Suse und Red Hat bei Linux-Distributionen. Oder sie veröffentlichen proprietäre Software zusätzlich in einer Open-Source-Version – etwa, um bei Entwicklerinnen und Entwicklern bekannter zu werden oder Vertrauen aufzubauen. Nutzungsbedingungen, Lizenztyp und Preis lassen sich jeweils frei festlegen. Open Source bedeutet also weder automatisch vollständige digitale Souveränität noch kostenlose Nutzung.
Laut Dirk Gernhardt, Open-Source-Beauftragter der Stadt München, hat offene Software den Wettbewerb belebt und vielfach zu niedrigeren Preisen geführt. Bei der Auswahl sollte aber geprüft werden, ob hinter einem Projekt eine aktive Entwicklergemeinschaft steht. Sonst liegt irgendwann eine veraltete Software im digitalen Regal, und niemand fühlt sich zuständig.
München als Warnung und Lernkurve
München beschloss laut einem Stadtratsantrag von 2020, Open-Source-Lösungen zu priorisieren, wenn sie wirtschaftlich sowie technologisch oder strategisch sinnvoll sind. Zwischen 2006 und 2017 wurden dort rund 80 Prozent von 24.000 Arbeitsplätzen auf Linux umgestellt. Laut Gernhardt wurde Linux erfolgreich betrieben.
2017 beschloss die Stadt dennoch die Rückkehr zu Windows. Die Ablösung von Linux war für 2021 und 2022 geplant. Grundlage war ein Gutachten, das Oberbürgermeister Dieter Reiter bei Accenture in Auftrag gegeben hatte. In der IT-Community wurde kontrovers diskutiert, ob politische oder technische Gründe den Kurswechsel bestimmten. Der damalige „Ganz-oder-gar-nicht“-Ansatz der Stadt lieferte Accenture laut Artikel jedenfalls Argumente für die Bewertung.
Heute verfolgt München eine modulare und hybride Open-Source-Strategie. Neue Komponenten werden zunächst in Pilotbereichen getestet, danach schrittweise in der Gesamtorganisation ausgerollt. Linux und Windows werden dabei parallel berücksichtigt. Kein Alles-oder-nichts, eher vorsichtiges Vorwärtstasten – weniger spektakulär, aber im Verwaltungsalltag vermutlich nervenschonender.
Vom Einzelprojekt zur digitalen Souveränität
Der Bund unterstützt Open Source inzwischen aktiv. Mit dem ZenDiS wurde ein Service- und Kompetenzzentrum für digitale Souveränität in der öffentlichen Verwaltung gegründet. Es soll den Einsatz von Open-Source-Software in der öffentlichen IT systematisch stärken. Über die Plattform openCode können Behörden verschiedener Verwaltungsebenen freie Software gemeinsam entwickeln, bereitstellen und beziehen.
Auch die Beschaffung wurde erleichtert. EVB-IT sind standardisierte Vertragsbedingungen für die öffentliche Beschaffung von Software, Hardware und IT-Leistungen. Open Source war darin zunächst nicht berücksichtigt. Seit der am 20. März 2026 veröffentlichten Überarbeitung ist Open-Source-Software Bestandteil von acht EVB-IT-Vertragstypen. Angeleitet wurde die Überarbeitung vom Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, Bitkom und dem IT-Planungsrat.
Gernhardt begrüßt ZenDiS, kritisiert aber eine aus seiner Sicht fehlende ganzheitliche Digitalisierungsstrategie im öffentlichen Dienst. Stattdessen gebe es viele einzelne Initiativen und technische Teillösungen. Die bloße Bereitstellung von Software reiche wegen der heterogenen Verwaltungslandschaft nicht aus. Der Bund sollte Vorgaben für Schnittstellen und Standards schaffen, damit Datenaustausch und Betrieb von Fachanwendungen einfacher werden. So könnte die digitale Souveränität der Verwaltung stärker steigen.
Die Abhängigkeit von einzelnen Technologieanbietern ist schließlich nicht
