An der Universität Tübingen geht es auch 2026 um eine Sprache, die selten im Seminarraum beginnt: Dialekt. Am 30.09.2026 zeigt sich, warum Schwäbisch, Hohenlohisch und Kurpfälzisch in Baden-Württemberg noch lange nicht verschwinden dürften. Sie klingen nicht überall gleich, manchmal nicht einmal von Dorf zu Dorf. Gerade darin liegt ihr Reiz.

Sprachforscher Hubert Klausmann gilt als Kenner der Dialekte im Südwesten. Er war an Projekten wie dem „Sprachatlas von Nordbaden-Württemberg“ und dem „Kleinen Sprachatlas für Baden-Württemberg“ beteiligt. Viele traditionelle Begriffe sind allerdings verschwunden, wenn sie zu weit von der Standardsprache entfernt waren oder die Verständigung erschwerten. Heute ist deshalb häufiger von „Regiolekten“ die Rede – regional gefärbten Sprachformen, die sich von den früher stark ausgeprägten Dialekten unterscheiden.

Auf der Ostalb klingt es noch deutlich anders

Wie viel Mundart übrig bleibt, hängt stark vom Ort ab. Auf der Ostalb sprechen noch viele Menschen regional gefärbt, in Großstädten ist Dialekt laut Klausmann dagegen kaum vorhanden. Die schwäbischen Dialekträume seien stabiler als alemannische und fränkische Regionen. Ostalb und Oberschwaben liegen weiter von den Metropolen entfernt, außerdem ist das Schwäbische stärker im regionalen Bewusstsein verankert. Viele Menschen identifizieren sich mit ihrem Dialektraum.

Eine Untersuchung mit 13.000 Grundschülern passt dazu: Unter den zehn Landkreisen mit besonders starker Mundart lagen neun schwäbische Kreise. Als relativ stabil gelten die Dialekträume im Ab-Donau-Kreis, im Neckar-Alb-Raum, in Hohenlohe, Schwäbisch Hall sowie in Aalen und Göppingen. Auch Hohenlohisch und Kurpfälzisch haben laut Klausmann gute Chancen, weil es klare Vorstellungen von den jeweiligen Sprachräumen gibt.

Beim Alemannischen fehlt ein vergleichbarer einheitlicher Raumbegriff. „Badischer Dialekt“ sei deshalb keine korrekte Bezeichnung, sagt Klausmann. In Südbaden beobachtet er zudem weniger politische Verankerung des Mundartthemas als an der Universität Tübingen, deren Dialektarbeit politisch stark unterstützt worden sei.

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Für das Schwäbische ist Klausmann dennoch zuversichtlich. Auf der Ostalb sprechen noch 30 bis 40 Prozent der Kinder eine regionale Sprache. Winfried Kretschmann unterstützte die Dialektförderung politisch; sein Nachfolger Cem Özdemir wolle diese Initiative voraussichtlich fortsetzen. Einen ausgeprägten lokalen Dialekt sprechen weder Özdemir noch Kretschmann. Ihre Sprache ist süddeutsche Standardsprache, mit einzelnen süddeutschen Lautungen – etwa „Minischterpräsident“.

Mehrsprachigkeit beginnt nicht erst im Fremdsprachenunterricht

Eine Dialektstrategie sollte nach Klausmann grundsätzlich als Förderung von Mehrsprachigkeit verstanden werden. Standardsprache bleibt wichtig, aber Deutsch ist kein einheitlicher, homogener Sprachblock. Der Alltag ist sprachlich vielfältig. Dialektsprecher werden trotzdem weiterhin unterschwellig diskriminiert. Das Vorurteil, Dialekt sei geistig einfach oder minderwertig, kann sich sogar bei der Beurteilung von Referendaren auswirken.

Das Webportal „dialektunddu.de“ stellt Lehrkräften kostenlose Unterrichtsmaterialien zur Verfügung und soll helfen, dieser Diskriminierung entgegenzuwirken. Auch Dialektkolumnen und die Dokumentation regionaler Ausdrucksweisen können das Bewusstsein für Mundarten stärken. Klausmanns Lieblingswort ist „Modwerfel“ für Maulwurf. Darin steckt das alte Wort „Molt“ für Erde – ein kleines Stück Sprachgeschichte, das sonst leicht unter die Räder käme.

Die Landesregierung Baden-Württemberg initiierte 2018 eine Dialektinitiative, um die Dialektstruktur des Landes zu bewahren und möglicherweise zu stärken. Schulen sollen das öffentliche Bild der Dialekte verbessern und Jugendliche stärker mit dem Thema vertraut machen. Dialekte werden dabei als Teil des Kulturguts und ihrer Entstehungsgeschichte behandelt.

Das Angebot „Sprachreise Baden-Württemberg“ umfasst Unterrichtssequenzen von ein bis zwei Unterrichtsstunden zu einzelnen Dialektregionen. Die Materialien richten sich an die Mittelstufe weiterführender Schulen. Jede Einheit ist abgeschlossen und kann unabhängig von den anderen eingesetzt werden. Im Mittelpunkt stehen dialektale Kleinstregionen und ihre jeweiligen Besonderheiten; regionale Quellen vermitteln grundlegendes linguistisches und sprachhistorisches Wissen.

Auf der Website finden sich Bildungsstandards und Kompetenzen, eine landesgeschichtliche Einordnung, Literatur- und Linkhinweise, Unterrichtsmodule wie „Schwäbisch – ein Dialekt stiftet Identität“, alemannische, fränkische und schwäbische Lyrik, eine geografische Karte mit Unterrichtssequenzen sowie ein Dialektnewsletter. Ergänzend aufgeführt werden „Mundart und Schule“ sowie Texte von Hellmut G. Haasis, Reinhold Hittinger, Markus Manfred Jung, Hanno Kluge, Wolfgang Miessmer und Wolfgang Wulz.

Fachredaktion ist das Kompetenzzentrum für Geschichtliche Landeskunde im Unterricht, Herausgeber der Landesbildungsserver Baden-Württemberg. Der Seitentext steht unter der Lizenz CC BY 4.0 International; für eingebundene Bilder und andere Dateien können abweichende Lizenzangaben gelten.

Was ein Dialekt leisten kann

Dialekte werden überwiegend gesprochen und selten oder gar nicht geschrieben. Meist fehlen ihnen Standardisierung, schulische Vermittlung und offizieller Gebrauch in Verwaltung, Kultur und Wissenschaft. Ihre Verbreitung ist in der Regel regional begrenzt. Aussprache, Grammatik und Wortschatz können sich von Dorf zu Dorf unterscheiden. Gemeinsame Merkmale führen dazu, dass einzelne Formen zu Regionaldialekten zusammengefasst werden, etwa Ostfränkisch, Bairisch oder Niederdeutsch.

Für viele Menschen weltweit ist der Dialekt die eigentliche Muttersprache. Die Standardsprache wird häufig erst im Verlauf der Sozialisation für schriftliche, überregionale und offizielle Kommunikation erlernt. Dialektsprecher sind dadurch dauerhaft zwei- oder mehrsprachig. Die funktionale Aufteilung dieser Sprachen wird als Diglossie bezeichnet.

Neben Dialekten gibt es Soziolekte, sprachliche Register und historische Dialekte. Die Variationslinguistik untersucht diese unterschiedlichen gesellschaftlichen und funktionalen Stellungen: deutsche Dialekte und ihre Übergänge zur Standardsprache, also Umgangssprachen, ebenso wie historische Dialekte. Aus den althochdeutschen Dialekten des frühen Mittelalters entwickelte sich später eine Standardsprache.

Auch germanische Dialekte in Nordfriesland und romanische Dialekte in den Alpen gehören in diesen größeren Zusammenhang. Sie besitzen keine eigene überdachende Standardsprache, bilden aber eigene Sprachgruppen wie Friesisch oder Rätoromanisch. Kreolsprachen entstanden durch den Kontakt kolonialer Sprachen – insbesondere Französisch, Portugiesisch und Englisch – mit einheimischen Sprachen. Arabische Dialekte haben teilweise den Status inoffizieller Landes- oder Regionalsprachen und werden in der mündlichen Alltagskommunikation häufig der Hochsprache vorgezogen. Daneben gibt es schriftsprachliche Formen bestimmter sozialer Milieus, etwa bildungsferner Schichten, oder bestimmter Situationen wie Bittschreiben.

Hubert Klausmann, 1955 in Freiburg im Breisgau geboren, hat über die Breisgauer Mundarten promoviert. Er arbeitete als Deutsch- und Französischlehrer in Ellwangen sowie am „Vorarlberger Sprachatlas“, habilitierte sich 2000 an der Universität Bayreuth und ist seit 2009 an der Universität Tübingen tätig. Von 2015 bis 2024 leitete er die Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland“. Anfang 2026 wurde er mit der Staufer-Medaille in Gold ausgezeichnet.

Sein neues Buch „Sprachgenüsse“, gemeinsam mit dem Namensforscher Konrad Kunze verfasst, widmet sich unter anderem essens- und trinkbezogenen Familiennamen, Gasthausnamen und regionalen Bezeichnungen für Speisen. Man kann darin blättern, über ein Wort stolpern – und plötzlich klingt die eigene Gegend wieder ein wenig anders.