Stephanie Riehemann erforscht inklusive Bildung für Kinder mit Sprach- und Kommunikationsstörungen an der UDE
Am 9. Oktober 2026 richtet sich der Blick von Köln nach Duisburg-Essen: Dr. Stephanie Riehemann ist seit September 2026 Professorin für „Inklusive Bildung bei komplexen Beeinträchtigungen der sprachlich-kommunikativen Entwicklung“ an der Universität Duisburg-Essen (UDE). Am Institut für Sonderpädagogik geht es für sie um eine Frage, die im Schulalltag schnell untergeht: Wie können Kinder mit Sprach- und Kommunikationsstörungen so unterstützt werden, dass Lernen und Dazugehören nicht an Worten scheitern?
Riehemann vergleicht die Lage betroffener Kinder mit dem Besuch einer Vorlesung in einer kaum beherrschten Sprache. Man sitzt da, hört zu, versucht einzelne Begriffe aufzufangen – und verliert trotzdem immer wieder den Faden. Sprachliche und kommunikative Schwierigkeiten können in der Schule Frustration, sozialen Rückzug oder aggressives Verhalten auslösen.
Sprachbarrieren im Klassenzimmer abbauen
Am Institut entwickelt Riehemann Sprachförderkonzepte für verschiedene Klassenstufen und Schulformen. Dazu kommen Ansätze, die Sprachlernbarrieren im Unterricht abbauen sollen, sowie evidenzbasierte und alltagstaugliche Unterstützung für Kinder mit Sprach- und Kommunikationsstörungen. Angehende Lehrkräfte bildet sie darin aus, Kinder mit sprachlichen Entwicklungsstörungen gezielt zu begleiten.
Ihr Forschungsziel reicht dabei über einzelne Förderstunden hinaus: Kinder sollen in allen Klassenstufen und Schulformen erfolgreich lernen und sozial teilhaben können. Ein Schwerpunkt ist die „kommunikative Resilienz“ – also die innere Widerstandskraft nach gescheiterten Gesprächen, der Umgang mit Missverständnissen und die Bewältigung komplexer Erklärungen. Das klingt sperrig, betrifft aber sehr konkrete Momente: eine falsch verstandene Aufgabe, eine Erklärung, die zu schnell war, ein Gespräch, in dem man irgendwann einfach aussteigt.
Sprachentwicklungsstörungen (SES) haben laut Artikel eine Prävalenz von etwa 10 Prozent und sind damit das häufigste Störungsbild im Kindesalter. In jeder Grundschulklasse gibt es demnach durchschnittlich zwei bis drei Kinder mit SES. In der Öffentlichkeit sind SES dennoch weniger bekannt als etwa Stottern oder Autismus. Riehemanns Arbeit umfasst deshalb auch Aufklärung und Vernetzung über die sonderpädagogische Fachcommunity hinaus.
Forschung mit denen, die Schule erleben
Für ihre Arbeit an der UDE bringt Riehemann Erfahrung und ein großes Kooperationsnetzwerk mit. Sie verfolgt einen partizipativen Forschungsansatz: Schüler:innen, Eltern und Lehrkräfte werden aktiv einbezogen. Nicht nur über sie sprechen, sondern mit ihnen – im Schulbetrieb ist das freilich oft leichter gesagt als getan.
Langfristig soll neben der bestehenden Sprachambulanz eine Beratungsstelle für multiprofessionelle Teamarbeit eingerichtet werden. Dahinter steht der Bedarf an Lehrkräften, die für die Zusammenarbeit mit verschiedenen Berufsgruppen in einem inklusiven Bildungssystem qualifiziert sind. Denn wenn sprachliche Entwicklung, Unterricht, Beratung und weitere Unterstützung nebeneinanderherlaufen, bleibt bei Kindern schnell genau jene Lücke bestehen, die eigentlich geschlossen werden sollte.
Von der Förderschule an die Universität
Riehemanns beruflicher Weg führte über Schule und Hochschulen. Von August 2010 bis Januar 2016 arbeitete sie als Lehrerin an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Sprache in Wuppertal. Anschließend war sie von Februar 2016 bis August 2026 Studienrätin im Hochschuldienst für Pädagogik und Didaktik bei Beeinträchtigungen der Sprache und Kommunikation an der Universität zu Köln.
Zwischen September 2021 und August 2022 leitete sie dort kommissarisch den Bereich „Sprachbehindertenpädagogik in schulischen und außerschulischen Bereichen“. Von April bis August 2018 war sie Vertretungsprofessorin für Sprachbehindertenpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit September 2026 ist sie nun Professorin an der UDE.
Die wissenschaftliche Grundlage legte sie ebenfalls in Köln: Von 1998 bis 2003 studierte Riehemann Lehramt für Sonderpädagogik an der Universität zu Köln und legte 2003 das Erste Staatsexamen ab. 2009 promovierte sie, 2010 folgte das Zweite Staatsexamen.
Für Lehrkräfte, die sich weiter in inklusiver Sprachbildung informieren möchten, bietet die Website „Praxis Sprache inklusiv“ Materialien und Texte an. Für Beiträge und Textteile der Website sowie ihrer Unterseiten wird folgende Zitierweise vorgeschlagen: Mußmann, J. (2026). Titel des Textes/Kapitels. Praxis Sprache inklusiv. URL: www.praxis-sprache-inklusiv.eu (Abrufdatum).
Dieser Zitationsvorschlag gilt nicht für verlinkte Webseiten, weil sie eine andere Urheberschaft haben oder eigene Zitationsvorgaben verwenden. Die Website und die Online-Zeitschrift „Praxis Sprache inklusiv“ tragen die ISSN 2791-4739 (online). Dokumente, Materialien und Texte werden grundsätzlich unter der CC-BY-NC-ND-4.0-Lizenz veröffentlicht, sofern sie nicht von Dritten stammen – etwa verlinkte Materialien – oder ausdrücklich anders gekennzeichnet sind.
