Studie der Universität Leipzig zeigt Sexismus in der sächsischen Polizei
Leipzig, 7. Oktober 2026 – Sexismus gibt es auch bei der Polizei in Sachsen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Leipzig. Für die Untersuchung wurden 23 Polizistinnen und Polizisten aus unterschiedlichen Dienstgraden, Einsatzorten und Einsatzbereichen, Funktionen und Erfahrungsständen ausführlich interviewt. Die Gespräche fanden zwischen November 2023 und April 2024 statt.
Die Universität Leipzig führte die Untersuchung bewusst mit Abstand zur Polizei durch, um die Unabhängigkeit der Forschung zu gewährleisten. Die Studie ist Teil des Forschungsprojekts „Geschlecht und Polizei“ des Sächsischen Instituts für Polizei- und Sicherheitsforschung (SIPS). Repräsentativ sind die Ergebnisse nicht. Sie geben vielmehr vertiefte Einblicke in typische Erscheinungsformen und individuelle Erfahrungen innerhalb der sächsischen Polizei.
Vom Griff unter den Rock bis zur „Piepsstimme“
Co-Autorin Sophia Weißer berichtet von unterschiedlichen Formen sexistischer Diskriminierung. Dazu gehören Griffe unter den Rock, unerwünschtes Anfassen, Beleidigungen und unerwünschte Kontakte mit expliziten Einladungen. Die Studie ordnet die Vorfälle drei Bereichen zu: körperlich-räumlich, verbal-kommunikativ und strukturell.
Zur körperlich-räumlichen Ebene zählen neben Berührungen auch sexuell explizite Bilder in Gemeinschaftsräumen und Streifenwagen. Verbal-kommunikativ geht es etwa um Beleidigungen wie „Hure“, Kommentare über die Körper von Polizistinnen und Kontakte mit eindeutigen Einladungen. Strukturell zeigt sich Sexismus laut Studie unter anderem darin, dass Frauen häufiger Aufgaben wie Putzen oder das Überbringen schlechter Nachrichten zugeteilt werden.
Gleichzeitig hält sich innerhalb der Polizei ein stereotypisches Idealbild der „guten Polizistin“. Sie soll nicht zu muskulös und nicht zu groß sein, aber hübsch und niedlich aussehen. Wegen geringerer körperlicher Leistungen oder ihrer „Piepsstimme“ werden Frauen abgewertet. Teilweise müssen sie die Sexualisierung ihres Körpers dulden, um von Kollegen als gleichwertig behandelt zu werden. Wer sexistische Kommentare anspricht oder unerwünschte Berührungen zurückweist, gilt dann schnell als sensibel oder als „Spaßbremse“.
Begünstigt wird diese Dynamik durch hierarchische Abhängigkeiten, starke Gruppenzusammenhänge und die Unsicherheit darüber, was eine Beschwerde auslösen könnte. Viele Betroffene machen Vorfälle nicht öffentlich, weil sie dem Ansehen ihrer Dienststelle oder gleich dem ganzen Berufsstand nicht schaden wollen. Das klingt nach einer hohen inneren Hürde – und nach einer Menge Schweigen auf den Fluren.
Schutzmöglichkeiten, die nicht immer ankommen
Studienleiter Thomas Schmidt-Lux bezeichnet den Umgang der Polizei mit sexistischem Verhalten als ambivalent. Grundsätzlich gebe es weitreichende Möglichkeiten, Betroffene zu schützen. In der Praxis erreichten diese Angebote die Betroffenen jedoch nicht in allen Fällen. Besonders sichtbar würden institutionelle Schwächen beim Schutz von Frauen, die sich gegen Sexismus oder Rassismus wehren und Unterstützung benötigen.
Schmidt-Lux beschreibt Sexismus zugleich als gesamtgesellschaftliches Phänomen, das sich in konkreten Institutionen unterschiedlich zeigt. Landespolizeipräsident Jörg Kubiessa reagierte bei der Vorstellung der Studie mit den Worten: „Ich habe gedacht, wir sind weiter.“ Er betonte die Bedeutung von Vertrauen innerhalb der Organisation und sagte, die Polizei müsse ihre Führungskultur sowie den Umgang miteinander kritisch hinterfragen.
Als erste Konsequenzen will die Polizei Sachsen Melde- und Unterstützungsangebote für Beschäftigte ausbauen und bekannter machen, Risikokonstellationen gezielter erkennen, Führungskräfte stärker in die Verantwortung nehmen und eine offene Fehler- und Diskussionskultur fördern.
Außerdem kündigte Kubiessa eine Arbeitsgruppe unter Leitung der Leipziger Polizeifachschulleiterin Nadine Finke an. Sie soll auf Grundlage der Studienergebnisse erste Maßnahmen einleiten und parallel die quantitative Befragung auswerten. Finke erklärte, das Vertrauen innerhalb der Organisation stärken und erste Schritte zu einem kulturellen Wandel in der Polizei Sachsen vorantreiben zu wollen.
Im zweiten Projektschritt wurden rund 3.500 Beschäftigte befragt. Die Auswertung läuft derzeit; die Ergebnisse sollen voraussichtlich im zweiten Quartal vorgestellt werden. Im dritten und letzten Schritt sollen Handlungsempfehlungen entwickelt werden.
Sexismus am Arbeitsplatz: Sachsen im größeren Bild
Wie verbreitet Sexismus im Arbeitsleben insgesamt ist, zeigt eine repräsentative, branchenübergreifende Studie der EAF Berlin. Sie untersucht erstmals Ausmaß, Erscheinungsformen und Folgen von Sexismus am Arbeitsplatz in Deutschland. Grundlage war ein Mixed-Methods-Ansatz aus quantitativen Befragungsdaten und qualitativen Tagebuchaufzeichnungen. Berücksichtigt wurden Frauen, Männer sowie trans, inter und nicht-binäre Personen.
Die Untersuchung entstand im Projekt „Gemeinsam gegen Sexismus“, das vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird. Autorinnen sind Laura Giardina, Anna Sive, Lea Rahman, Rana Göroğlu und Stefanie Lohaus. Herausgeberin ist die EAF Berlin; veröffentlicht wurde die Studie am 4. Mai 2026.
63 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland haben im Laufe ihres Erwerbslebens mindestens einmal Sexismus am Arbeitsplatz erlebt. Besonders häufig berichten genderqueere Personen davon: 81 Prozent. Bei Frauen sind es 70 Prozent, bei Männern 52 Prozent. Überdurchschnittlich häufig betroffen sind außerdem queere Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund mit jeweils 74 Prozent, Personen mit Sorgeverantwortung mit 71 Prozent sowie Menschen mit Behinderung mit 70 Prozent.
Sexuelle Belästigung oder Übergriffe erlebten 40 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer. Abwertende Kommentare oder Witze über das Geschlecht nennen 45 Prozent der Frauen und 39 Prozent der Männer. Unter den Betroffenen berichten 41 Prozent von emotionalen Folgen, 31 Prozent von psychischen Folgen und jeweils 24 Prozent von körperlichen und sozialen Folgen.
Für 18 Prozent hatte Sexismus Auswirkungen auf die berufliche Entwicklung – etwa durch eine Kündigung, einen Arbeitsplatz- oder Abteilungswechsel oder eine ausbleibende Beförderung. 13 Prozent berichten von finanziellen Nachteilen. Formelle Beschwerdewege werden selten genutzt: Sieben Prozent wenden sich an ihre Führungskraft, zwei Prozent an interne Stellen wie AGG-Beschwerdestellen, den Betriebsrat oder Gleichstellungsbeauftragte. Viele Betroffene bewältigen die Folgen allein oder im privaten Umfeld.
In 82 Prozent der Fälle geht Sexismus von Männern aus; bei 53 Prozent werden Frauen als Ausgangspunkt genannt. Sexuelle Belästigung oder Übergriffe durch Führungskräfte gehen zu 89 Prozent von Männern aus. Gegenüber Frauen sind Männer in 92 Prozent der Fälle die Ausgangspersonen sexueller Belästigung oder von Übergriffen, gegenüber Männern in 67 Prozent.
Auch der Ort spielt eine Rolle. Von den Personen, die in den vergangenen zwölf Monaten Sexismus im Arbeitskontext erlebt hatten, berichten 79 Prozent von mindestens einer Situation am regulären Arbeitsplatz während der Arbeitszeit. 47 Prozent erlebten mindestens eine Situation außerhalb des regulären Arbeitsplatzes, etwa bei Firmenfeiern, in Pausenräumen oder bei privaten Treffen mit Kolleginnen und Kollegen. Im digitalen Raum machten 30 Prozent entsprechende Erfahrungen.
Was Betriebe daraus ableiten können
69 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, Sexismus sei ein historisch gewachsenes System, das Macht zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt und soziale Ungleichheit verstärkt. Ein Viertel versteht Sexismus dagegen als Ideologie, die Männer benachteiligen soll. Schon bei der Begriffsfrage liegen die Sichtweisen also deutlich auseinander.
Die EAF-Studie empfiehlt Betrieben, Beschäftigte zu sensibilisieren, Führungskräfte klar in die Verantwortung zu nehmen und Verhaltenskodizes sowie Leitlinien zu schaffen. Nötig seien außerdem transparente Beratungs- und Beschwerdestrukturen und die gezielte Einbindung von Männern als Verbündete. Gesamtgesellschaftlich brauche es langfristige Strukturen für Prävention, Sensibilisierung und Unterstützung. Bildungseinrichtungen sollen sich mit Geschlechterrollen, Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Normen auseinandersetzen.
Empfohlen werden weitere Untersuchungen zu den Auswirkungen von Sexismus, etwa zu den dadurch entstehenden Kosten und zum Zusammenhang mit der Gewinnung von Fachkräften. Ergänzend gibt es die Handreichung „35 Maßnahmen gegen Sexismus“, eine Sammlung von 15 Maßnahmen für kleine und mittlere Unternehmen und Handwerksbetriebe sowie einen Praxisleitfaden für eine verantwortungsvolle Kommunikation über geschlechtsspezifische Gewalt.
In Leipzig bleibt derweil die Beschäftigtenbefragung abzuwarten. Erst wenn die rund 3.500 Antworten ausgewertet sind, dürfte klarer werden, wie häufig die geschilderten Erfahrungen in der sächsischen Polizei vorkommen – und ob aus Vertrauen tatsächlich irgendwann Alltag
