Wie Fußgänger automatisierte Shuttles erleben: Chemnitzer Studien untersuchen Tempo und Bremsverhalten
Auf dem Universitätsteil an der Erfenschlager Straße 73 haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TU Chemnitz und der TU Berlin im Juli und August 2026 untersucht, wie Fußgängerinnen und Fußgänger mit einem automatisierten Shuttle umgehen. Nicht im Labor, sondern mitten in Situationen, die sich im Straßenverkehr schnell beiläufig anfühlen – ein Fahrzeug kommt entgegen, man will queren, kurz zögern, weitergehen.
Im Mittelpunkt standen mehrere Fragen: Wie reagieren Menschen auf ein herannahendes automatisiertes Fahrzeug? Wird die Begegnung als sicher und entspannt erlebt? Macht es einen Unterschied, ob das Shuttle automatisiert, manuell oder teleoperiert unterwegs ist? Und wie sollte es bremsen, wenn es Fußgängerinnen und Fußgängern den Vorrang gewährt?
Was Menschen beim Queren wahrnehmen
An der ersten Studie waren Teams der TU-Chemnitz-Professuren Allgemeine Psychologie und Human Factors sowie Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement im Rahmen des Chemnitz Center for Mobility beteiligt. Das Fachgebiet Kraftfahrzeuge der TU Berlin stellte das Shuttle bereit und programmierte es.
Das Fahrzeug näherte sich den Versuchspersonen in drei simulierten Betriebsarten: automatisiert, manuell gesteuert und teleoperiert. Zusätzlich wurde die Geschwindigkeit variiert. Nach jeder Situation bewerteten die Teilnehmenden, wie sie die Begegnung erlebt hatten und ob sie beabsichtigten, die Straße zu queren.
Die ersten Ergebnisse wirken auf den ersten Blick beruhigend: Die Interaktion wurde insgesamt als sicher, entspannt, selbstbestimmt und effizient wahrgenommen. Mit zunehmender Geschwindigkeit sanken Sicherheit und Entspanntheit allerdings leicht. Gleichzeitig stieg die wahrgenommene Effizienz. Der Betriebsmodus selbst beeinflusste die Wahrnehmung der Interaktion nicht.
Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied: Offenbar entscheidet für die Fußgängerinnen und Fußgänger nicht allein, ob ein Mensch hinter dem Steuer sitzt oder das Fahrzeug automatisiert fährt. Wie schnell es kommt, spielt eher eine Rolle.
Bremsen ist nicht gleich Bremsen
Die zweite Studie nahm die Bremsmanöver des automatisierten Shuttles genauer unter die Lupe. Verändert wurden sowohl der Abstand zum endgültigen Haltepunkt als auch die Art der Bremsung.
Die ersten Auswertungen zeigen, dass beides die Wahrnehmung wesentlich prägt. Für die Begegnung zählt also nicht nur, dass das Fahrzeug irgendwann stehen bleibt. Ebenso wichtig sind die konkrete Bremsausführung und die Position, an der das Shuttle zum Stillstand kommt. Ein abruptes Anhalten an einer anderen Stelle kann offenbar anders wirken als ein gleichmäßiges Bremsen mit ausreichend Abstand – selbst wenn das Ergebnis am Ende dasselbe ist: Das Fahrzeug steht.
Die Studien sollen Erkenntnisse für eine menschzentrierte Gestaltung des Verhaltens automatisierter Fahrzeuge liefern. Die Ergebnisse werden derzeit ausgewertet und anschließend in wissenschaftlichen Fachpublikationen veröffentlicht. Weitere Informationen sollen auf der Projekt-Homepage www.mytuc.org/jywc bereitgestellt werden.
Automatisierung trifft auf ganz normalen Straßenverkehr
Der Forschungsbedarf reicht über das Shuttle und den Versuchsort in Chemnitz hinaus. Automatisierte Fahrzeuge verändern das Miteinander im Straßenverkehr – für Fahrerinnen und Fahrer ebenso wie für andere Verkehrsteilnehmer. Durch assistierte, automatisierte und autonome Fahrfunktionen wandelt sich die Mensch-Maschine-Interaktion; damit entstehen auch neue Fragen zu Formen der Steuerung.
Im echten Straßenverkehr begegnen automatisierte Fahrzeuge schließlich nicht nur ihresgleichen. Sie müssen sich in einem Mischverkehr mit von Menschen gesteuerten Fahrzeugen, Radfahrerinnen und Radfahrern sowie Fußgängerinnen und Fußgängern sicher bewegen können. Wie diese Gruppen miteinander interagieren und kommunizieren, ist dabei ein zentraler Punkt.
Die Bundesanstalt für Straßenwesen nennt in diesem Zusammenhang unter anderem Verkehrsmedizin, Verkehrspsychologie sowie Pädagogik und Didaktik als relevante Fachbereiche. Aus solchen Untersuchungen sollen Maßnahmen für mehr Sicherheit und Akzeptanz im automatisierten Mischverkehr entstehen. Zugleich geht es darum, technische und rechtliche Anforderungen für die sichere Einführung automatisierter Technologien in den Straßenverkehr zu entwickeln.
Heute, am 7.10.2026, läuft die Auswertung der Chemnitzer Studien noch. Der nächste Schritt führt von der Versuchssituation zur Veröffentlichung – und vielleicht irgendwann zu Shuttles, deren Bremsen nicht nur korrekt, sondern für Menschen auf dem Gehweg auch wirklich verständlich wirken.
