Ein neues Buch legt Wuppertal auf den Tisch – nicht geschniegelt, nicht als hübsche Stadtpostkarte, sondern als widersprüchliche Collage. „Wuppertal ErLesen“ versammelt literarische Texte und historische Zeugnisse: Johannes Raus Rede „Versöhnen, nicht spalten“, die Barmer Theologische Erklärung von 1934, den Kemna-Bericht über das frühe Konzentrationslager Kemna, Texte von Else Lasker-Schüler, Goethe und Pina Bausch. Auch der Beitrag „Ich mag Wuppertal nicht“ gehört dazu. Und der Titel, so viel sei verraten, endet laut Historiker Klaus Goebel mit deutlichem Lob für die Stadt.

Goebel beschreibt den Band als Zusammenstellung unterschiedlicher Stadtbilder. Wuppertal war 1933 Standort eines der ersten deutschen Konzentrationslager in Kemna. 1934 tagte dort die Bekennende Kirche und verabschiedete die Barmer Erklärung gegen die „Deutschen Christen“. Gleichzeitig charakterisierte der Schriftsteller Karl Otto Mühl die Wuppertaler als zufrieden und unaufdringlich – aber nicht als Großstädter. Das passt irgendwie gut zu einer Stadt, die sich nicht auf eine einzige Erzählung festnageln lässt.

Zwischen Rau, Regalen und Erinnerung

Goebel steuert selbst den Beitrag „Wenn ich meine Regale nicht hätte“ über Johannes Rau und dessen Privatbibliothek bei. Er lernte Rau kennen, als dieser 21 Jahre alt und geprüfter Verlagsbuchhändler war; Goebel war damals 18 Jahre alt. Raus erste Bibliothek umfasste einige hundert Bücher, vor allem zu Theologie und Kirchengeschichte. Später besaß er rund 16.000 Bücher, viele davon Geschenke mit persönlichen Widmungen. Die Bibliothek ist heute öffentlich auf dem Universitätscampus zugänglich.

Das letzte Buch, das Rau auf dem Sterbebett las, war eine Ende 2005 erschienene Biografie über Dietrich Bonhoeffer, einen Theologen der Bekennenden Kirche. Ein stilles Detail, aber eines, das sich festsetzt: Bücher als Begleiter eines Lebens, vom jungen Verlagsbuchhändler bis zum letzten Krankenbett.

Im Zentrum der historischen Schwere steht Kemna. Das Konzentrationslager, offiziell „Konzentrationslager Wuppertal-Barmen“, lag in einer ehemaligen Putzwollfabrik an der Wupper in Wuppertal-Kemna. Die SA betrieb es vom 5. Juli 1933 bis zum 19. Januar 1934, insgesamt 199 Tage. Zuständig war die SA-Untergruppe Düsseldorf unter Beteiligung des Wuppertaler Polizeipräsidenten und SA-Brigadeführers Willi Veller.

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Das Lager entstand in einer Zeit, in der die regulären Gefängnisse nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 und der Reichstagsbrandverordnung aus allen Nähten platzten. Das preußische Innenministerium unter Hermann Göring suchte ab März 1933 nach zusätzlichen Haftorten. Zwischen März und Mai wurden Gefangene im Bergischen Land zunächst in Schulen, SA-Kasernen, Kellern und anderen Gebäuden untergebracht. Weil dort gefoltert wurde – oft mitten in Wohngebieten –, suchte die örtliche SA nach einem abgelegenen zentralen Lager.

Fündig wurde sie in einer leerstehenden Fabrik an der Beyenburger Straße. Eigentümer Wilhelm Sönnecken stellte das Gebäude zunächst mietfrei zur Verfügung; später stellte die Bezirksregierung ihm einen Kauf der Immobilie in Aussicht. Das Gelände umfasste etwa 8.700 Quadratmeter und lag an der heutigen Beyenburger Straße 164.

199 Tage Gewalt

Kemna diente der Inhaftierung und Terrorisierung politischer Gegner des NS-Regimes, vor allem von Kommunisten und Sozialdemokraten. Hinzu kamen Gewerkschafter, regimekritische Christen, Juden und weitere missliebige Personen. Viele Verhaftungen erfolgten willkürlich, aus persönlicher oder politischer Gegnerschaft. Lokale NS-Funktionäre denunzierten insbesondere kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter und ließen sie in „Schutzhaft“ nehmen. Manche Gefangene wurden nur für wenige Stunden oder Tage nach Kemna gebracht, wenn polizeiliche Verhöre nicht die gewünschten Geständnisse erbracht hatten.

Insassen und Wachmannschaften stammten überwiegend aus der Region. Sie kannten sich nicht selten aus den politischen Auseinandersetzungen der 1920er Jahre – und genau diese persönlichen Bekanntschaften wurden bei den Misshandlungen genutzt. Schreie waren in der Umgebung hörbar. Schwer verletzte Häftlinge kamen in umliegende Krankenhäuser; so verbreiteten sich Berichte über die Gewalt in Wuppertal schnell.

Das Lager war ursprünglich für etwa 200 bis 300 Insassen ausgelegt. Zwischen August und November 1933 waren durchschnittlich 700 bis 800 Häftlinge untergebracht, im Herbst zeitweise etwa 1.100. Insgesamt wird die Zahl der während der sieben Monate in Kemna Inhaftierten auf 2.500 bis 3.000 geschätzt. Weil Unterlagen gezielt vernichtet wurden, ist eine genaue Rekonstruktion nicht möglich; 646 Personen konnten namentlich identifiziert werden.

Die meisten Gefangenen kamen aus Wuppertal, Remscheid, Solingen und anderen Städten des Regierungsbezirks Düsseldorf. Einzelne Gefangene und Transporte stammten auch aus Duisburg, Düsseldorf, Krefeld und Essen. Die Mehrheit gehörte der Arbeiterbewegung an, darunter Funktionäre, Mitglieder und Sympathisanten von KPD, SPD und Reichsbanner. Es gab jüdische Häftlinge; laut Artikel wurden sie nicht allein wegen ihrer jüdischen Herkunft, sondern wegen ihrer politischen Gegnerschaft zum NS-Regime inhaftiert, waren aber besonders schweren Misshandlungen ausgesetzt. Außerdem saßen willkürlich Verhaftete und Polizeibeamte ein, die dem republikanischen Schrader-Verband angehörten oder gegen SA-Mitglieder ermittelt hatten.

Zu den besonders brutal behandelten politischen Gegnern gehörten Georg Petersdorff, langjähriger Sekretär der Reichsbanner-Gaue Düsseldorf und Köln, sowie Heinrich Hirtsiefer, ehemaliger stellvertretender preußischer Ministerpräsident und Wohlfahrtsminister. Hermann Goebel, Otto Böhne, Karl Erlemann und Kuno Haas starben infolge der Misshandlungen. Hermann Goebel gilt als erstes bekanntes Todesopfer des Lagers. Viele Überlebende litten dauerhaft unter psychischen und körperlichen Folgen.

Die räumliche Enge machte die Gewalt noch greifbarer. Das dreigeschossige Hauptgebäude diente als Unterkunft und Verwaltung. Im Erdgeschoss lagen Wach- und Schreibstube; unter der Treppe und in einem Lastenaufzug wurden Gefangene unter verschärften Bedingungen festgehalten. Im ersten Obergeschoss befanden sich die Räume des Lagerkommandanten und Saal III, zunächst von Wachleuten, später von Häftlingen genutzt. Im zweiten Obergeschoss lagen weitere Häftlingssäle, eine Schreibstube und ein gesonderter Bereich für „Schutzhäftlinge“ aus SA, SS und NSDAP. Die Fenster waren mit Teerfarbe überstrichen, damit niemand von außen hineinsehen konnte.

Zwei ebenerdige Fabrikhallen dienten als Häftlingssäle I und II. Ein angrenzender Raum, „Bunker“ genannt, wurde zur Isolation verwendet. In dem etwa 16 Quadratmeter großen Raum mussten zeitweise bis zu 50 Personen gleichzeitig ausharren. In Saal II gab es außerdem einen abgetrennten Bereich für das Kartoffelschälkommando. Während des Lagerbetriebs begannen umfangreiche Bauarbeiten, darunter ein dreigeschossiger Anbau mit Einzelzellen und einem schallisolierten Verhörraum. Fertig wurde dieser Anbau erst nach der Schließung und nicht vor 1939.

Die Kommandostruktur wechselte. Erster Lagerkommandant war für kurze Zeit SA-Sturmführer Hugo Neuhoff. Mitte Juli 1933 übernahm der Wuppertaler Alfred Hilgers das Kommando und blieb bis Anfang Dezember im Amt. Sein Stellvertreter war ab Juli Bruno Wolff. Ihnen unterstanden etwa 40 SA-Männer. Letzter Kommandant war Sturmbannführer Wolters aus Essen, der mit der Auflösung des Lagers beauftragt wurde. Noch vor dem Abtransport der letzten Häftlinge wurde er im Januar 1934 erschossen aufgefunden.

Die Wachmannschaft bestand aus etwa 35 SA-Männern und war in drei Kommandos unter Ernst Maikranz, Ernst Cappel und Wilhelm Bläsing aufgeteilt. Dienstplan: 24 Stunden Dienst, 24 Stunden Bereitschaft, 24 Stunden Freizeit. Doch auch außerhalb ihres Dienststatus beteiligten sich SA-Männer an Folterungen und Misshandlungen.

Neuankömmlinge wurden beschimpft, getreten und mit Schlagstöcken sowie Gewehrkolben geschlagen. In der Wachstube stieß man sie häufig mit dem Gesicht gegen die Wand. Die Registrierung in der Schreibstube brachte regelmäßig weitere Prü