ESMT Berlin und KfW Capital starten Leadership-Programm für Deutschlands Venture-Capital-Ökosystem
Am 2. November 2026 haben die ESMT Berlin und KfW Capital in Berlin ein neues Leadership-Programm für das Venture-Capital-Ökosystem vorgestellt. Entwickelt wurde es im Rahmen der deutschen WIN-Initiative. Das „Leaders in Venture Capital Program“ richtet sich an angehende und erfahrene Fondsmanager sowie Kapitalgeber – genauer: an bestehende und künftige General Partners (GPs) und Limited Partners (LPs), die sich erstmals oder stärker im Venture-Capital-Bereich engagieren möchten.
Deutschlands VC-Sektor ist weiterhin von einer unzureichenden Kapitalausstattung und einer begrenzten Beteiligung institutioneller Investoren geprägt. Genau dort setzt das Programm an: Es soll den Teilnehmenden Fähigkeiten, Fachwissen und Netzwerke für das Wachstum des europäischen Venture-Capital-Sektors vermitteln. Durchgeführt wird es vom DEEP – Institute for Deep Tech Innovation an der ESMT Berlin, unterstützt von KfW Capital.
Zwei Rollen, zwei Lernpfade
Die Ausbildung dauert insgesamt sieben Tage. Vorgesehen sind viereinhalb Tage Präsenzveranstaltungen in Berlin und etwa zweieinhalb Tage selbstständige Projektarbeit. Getrennte Lernpfade berücksichtigen die unterschiedlichen Aufgaben und Anforderungen von GP und LP; gemeinsame Sitzungen bringen beide Gruppen wieder an einen Tisch. Dazu kommen akademische Lehre, Praxiswissen von Branchenvertretern, reale Fallbeispiele, Networking-Möglichkeiten, Diskussionen mit erfahrenen Praktikern und ein anwendungsorientiertes Abschlussprojekt.
Auf der GP-Seite stehen Fundraising, Investmentstrategie, Fondsstrukturierung, Portfoliosteuerung und Gremienarbeit auf dem Programm. LPs beschäftigen sich unter anderem mit Asset Allocation beziehungsweise Kapitalallokation, Fondsauswahl und Due Diligence. Thematisch geht es außerdem um ESG und Governance. Das klingt nach viel Stoff für sieben Tage – ist es vermutlich auch. Der Ansatz soll trotzdem nicht bei Folien und Fachbegriffen stehen bleiben.
Prof. Jörg Rocholl, Präsident der ESMT Berlin, sieht den Mehrwert eines gezielten Leadership-Programms deshalb nicht allein im zusätzlichen Fachwissen. Es soll belastbare Beziehungen und Vertrauen zwischen Investoren aufbauen, die Zusammenarbeit beim Teilen von Dealflow und beim Syndizieren von Finanzierungsrunden verbessern und den Austausch über Fonds, Finanzierungsphasen und Rollen hinweg ermöglichen. Ebenso wichtig sei, eigene Annahmen zu hinterfragen und aus unterschiedlichen Perspektiven zu lernen. Dazu gehört auch ein besseres Verständnis der jeweiligen Rollen von GPs und LPs.
Führung, wenn es unübersichtlich wird
Dr. Jörg Goschin, Vorsitzender der Geschäftsführung von KfW Capital, promovierter Wirtschaftsingenieur, Gründer und Investment Professional, nennt für Führungskräfte im VC-Ökosystem eine ziemlich breite Mischung an Kompetenzen: Mut und strategischen Weitblick, unternehmerisches Denken und solide Investitionskompetenz, ein Gespür für technologische Entwicklungen und Markttrends sowie die Fähigkeit, Potenziale zu erkennen.
Hinzu kommen Kommunikations- und Netzwerkstärke, Anpassungsfähigkeit und klare Entscheidungsfähigkeit. Auch der souveräne Umgang mit Risiken gehört dazu – ebenso wie die Fähigkeit, Talente zu entwickeln. Gerade in einem Markt, in dem sich Technologien und Finanzierungsbedingungen schnell verschieben, dürfte das weniger nach Lehrbuch als nach täglicher Übung klingen.
Eine professionellere Führungskultur kann laut Goschin die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit des VC-Marktes stärken. Klare Zuständigkeiten und transparente Entscheidungen schaffen Vertrauen. Eine konstruktive Feedbackkultur soll innerhalb von Investmentgesellschaften ebenso entstehen wie im Austausch mit Gründungsteams und Investoren. Außerdem geht es um eine professionelle Fehler- und Risikokultur sowie um bessere Investitionsentscheidungen.
Über die individuelle Weiterbildung hinaus verfolgt das Programm deshalb ein größeres Ziel: Die Rollen von Fondsmanagern und Kapitalgebern sollen verständlicher werden, Auswahl- und Investitionsentscheidungen fundierter ausfallen und langfristig verlässliche Zusammenarbeit entstehen. Davon könnte die Finanzierung innovativer Unternehmen profitieren. Zugleich soll das Programm die personellen und fachlichen Grundlagen für einen stärkeren deutschen und europäischen VC-Markt schaffen.
Mehr Kapital, weniger blinde Flecken
Ein professionelles VC-Ökosystem soll gerade bei jungen innovativen Unternehmen Informationsasymmetrien und Unsicherheiten besser bewerten können. Kapital soll gezielter allokiert werden, vielversprechende Unternehmen sollen über mehrere Entwicklungsphasen hinweg Finanzierung erhalten. Das unterstützt die Finanzierung von Innovation und die Skalierung wachstumsstarker Unternehmen – ein nüchterner Satz, hinter dem für Gründerteams oft die Frage steht, ob die nächste Runde rechtzeitig zustande kommt.
Der internationale Markt liefert dafür gerade reichlich Anschauungsmaterial. Der globale VC-Markt startete 2026 mit einem Rekordquartal: Im ersten Quartal erreichte das weltweite VC-Investitionsvolumen 286 Milliarden US-Dollar, 185 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Der wichtigste Faktor war eine Finanzierungsrunde von OpenAI über 122 Milliarden US-Dollar; sie machte 43 Prozent des globalen Volumens aus.
Gleichzeitig ging die Zahl der Deals weiter zurück. Das Kapital konzentrierte sich auf weniger, dafür größere Finanzierungsrunden. Runden über 100 Millionen US-Dollar kamen auf rund 86 Prozent des Gesamtvolumens. Künstliche Intelligenz blieb der zentrale Wachstumstreiber: KI-nahe Unternehmen erhielten 226 Milliarden US-Dollar, also 79 Prozent des globalen VC-Volumens. Zunehmende Investitionen flossen außerdem in KI-Infrastruktur, Halbleiter, Robotik, autonome Systeme sowie Security- und Defence-Tech.
Auch die Exit-Märkte erreichten mit 414 Milliarden US-Dollar ein hohes Quartalsvolumen. Stark beeinflusst wurde diese Zahl durch eine interne xAI/SpaceX-Transaktion. Bereinigt um diesen Vorgang blieb das Exit-Umfeld solide und ungefähr auf dem Niveau des Vorquartals.
Europa entwickelte sich positiv, blieb beim investierten Kapital aber deutlich hinter dem globalen Markt zurück. Die europäischen VC-Investitionen stiegen im ersten Quartal 2026 auf 22 Milliarden US-Dollar – ein Plus von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Großbritannien lag mit 8,6 Milliarden US-Dollar vorn, gefolgt von Frankreich mit 3,2 Milliarden und Deutschland mit 3,0 Milliarden US-Dollar. Für Deutschland war das zugleich das stärkste Quartal seit dem zweiten Quartal 2022.
In dieses Umfeld fällt das neue Programm der ESMT Berlin: sieben Tage, zwei Rollenprofile, gemeinsame Diskussionen und ein Projekt, das nicht im Seminarraum enden soll. Der VC-Markt braucht gerade beides – Kapital für die großen Technologiewetten und Menschen, die auch dann noch miteinander sprechen, wenn eine Finanzierungsrunde kompliziert wird.
