Soziale Medien zwischen Likes, Leistungsdruck und gefährlichen Challenges
Am 13. Oktober 2026 lohnt sich an der FAU Erlangen-Nürnberg ein Blick auf zwei sehr unterschiedliche Seiten aktueller Wissenschaft: In Herzogenaurach geht es um den Druck digitaler Öffentlichkeit, am Uniklinikum Erlangen um neue Wege in der Immunmedizin. Beides betrifft den Alltag – einmal direkt auf dem Smartphone, einmal dort, wo Forschung hoffentlich irgendwann als konkrete Behandlung ankommt.
Soziale Medien sind für Jugendliche längst keine Nebensache mehr. Sie dienen dem Austausch, der Unterhaltung und dem Lernen, können aber ebenso ablenken, Vergleichsdruck erzeugen oder in problematische Nutzung kippen. Genau diese Spannung steht im Mittelpunkt der nächsten Universitätstage Herzogenaurach.
Podium über Likes, Leistungsdruck und digitale Grenzen
Am Dienstag, 20. Oktober 2026, beginnt um 18:00 Uhr im Sitzungssaal im Rathaus, Marktplatz 11, Herzogenaurach, die Veranstaltung „Social Media: ein Risiko zwischen Likes und Leistungsdruck“. Auf dem Podium sitzen Prof. Dr. Adrian Meier, Professor für Kommunikationswissenschaft an der FAU, der Medienpädagoge Klaus Lutz, die Schülerin Amelie Giese und die Lehrerin Jennifer Schall. Moderiert wird der Abend von Alexander Jungkunz, Chefpublizist der Nürnberger Nachrichten.
Gesprochen wird über Chancen und Risiken sozialer Medien für Jugendliche: über Austausch, Unterhaltung und Lernen, aber auch über Ablenkung, Cybermobbing, ständigen Leistungs- und Vergleichsdruck sowie übermäßige oder problematische Nutzung. Die Runde fragt außerdem, wie ein verantwortungsvoller und gesunder Umgang gelingen kann und welche Rolle Eltern, Schulen, Politik und Plattformbetreiber bei der Gestaltung der digitalen Lebenswelt junger Menschen übernehmen.
Soziale Medien sind digitale Netzwerkplattformen, auf denen Nutzer:innen Inhalte veröffentlichen und sich über persönliche Profile vernetzen. Laut JIM-Studie 2022 besitzen 94 Prozent der 12- bis 13-Jährigen ein Smartphone oder Handy. Bei den 14- bis 15-Jährigen sind es 95 Prozent, bei den 16- bis 17-Jährigen 97 Prozent und bei den 18- bis 19-Jährigen 99 Prozent. 95 Prozent der Befragten nutzen das Internet täglich. Zu den meistgenutzten Angeboten zählen Instagram mit 31 Prozent, TikTok mit 24 Prozent, YouTube mit 23 Prozent, Snapchat mit 19 Prozent und Facebook mit 10 Prozent.
Für viele Jugendliche geht es dort nicht bloß um Zeitvertreib. Sie entwickeln ihre personale und soziale Identität, suchen Informationen über Körperbild, Erfolg und Selbstwert und vergleichen sich mit anderen. Soziale Medien können soziale Bindungen und geteilte Identitäten fördern, die Orientierung an Gleichaltrigen stärken und die Ablösung vom Elternhaus begleiten. Soziale Interaktion kann gefühlte Einsamkeit verringern. Wer gar nicht mitmacht, riskiert dagegen Bedeutungsverlust auf Plattformen oder Schwierigkeiten, an alltägliche Gespräche anzuschließen.
Gleichzeitig läuft die digitale Bühne ständig weiter. Push-Nachrichten bringen neue Inhalte und Reaktionen unmittelbar aufs Display; Likes, Klicks, Shares, Kommentare sowie die Zahl von Freund:innen und Abonnent:innen machen Aufmerksamkeit und Beliebtheit messbar. Diese Anerkennungsmechanismen wirken wie Belohnungen und fördern einen Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Jugendliche präsentieren sich vor Freund:innen, Familie, Bekannten und Unbekannten – öffentlich oder teilöffentlich, manchmal mit mehr Publikum, als einem beim Posten bewusst ist.
Hinzu kommt „Selective Exposure“: Nutzer:innen wählen bevorzugt Informationen aus, die mit den eigenen Überzeugungen übereinstimmen. Im Zusammenhang damit werden Echokammern und Filterblasen diskutiert. Soziale Medien schaffen neue mediengestützte Handlungsräume, die durch Wahrnehmung, Nutzung, Bewertung und Verarbeitung angeeignet werden – individuell, aber immer auch geprägt durch soziale und mediale Kontexte. Freundesnetzwerke oder Gruppen politisch Interessierter können entstehen, bleiben jedoch innerhalb technisch vorgegebener Plattformstrukturen.
Wenn aus der Challenge eine Gefahr wird
Ein heikler Punkt sind Mutproben, die auf TikTok, Instagram, Facebook und YouTube häufig als „Challenges“ verbreitet werden. Nutzer:innen erfüllen eine Aufgabe, dokumentieren sie audio-visuell und fordern weitere Personen zur Teilnahme auf; oft läuft die Verbreitung nach dem Schneeballprinzip. Manche Challenges sind harmlos oder gesund, andere gesundheitsgefährdend oder lebensgefährlich. Die „Ice Bucket Challenge“ von 2014 etwa machte auf ALS aufmerksam und sollte Spenden sammeln: Teilnehmende schütteten sich einen Eimer mit Eiswasser über den Kopf.
Viele solcher Aufgaben haben eine zeitliche Vorgabe, häufig von maximal 24 Stunden, andere laufen langfristig. Sie greifen Themen jugendlicher Peer-Gruppen auf – Schönheitsideale, Drogenkonsum, Gefahrenbewältigung und Selbstzweifel. Mutproben gab es freilich schon vor sozialen Medien: Klingelstreiche, nächtliche Friedhofsbesuche oder das Beschädigen von Straßenlaternen. Sie können Anerkennung durch Gleichaltrige, Selbstwirksamkeit, Selbsterfahrung und Selbstdarstellung versprechen. Nicht mitzumachen, kann sich hingegen wie die Angst vor sozialer Isolation anfühlen. Zwischen 12 und 19 Jahren ist der Konformitätsdruck besonders ausgeprägt; Jugendliche probieren in dieser Phase unterschiedliche Identitäten und Grenzerfahrungen aus.
Im abgedruckten ZEIT-Quellentext wird TikTok als Plattform beschrieben, auf der Kinder und Jugendliche täglich Kurzvideos ansehen und Challenges verbreiten. Die dort genannte durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer bei 4- bis 18-Jährigen beträgt 107 Minuten. Die Blackout-Challenge, auch „Choking Game“ oder „Space Monkey“ genannt, besteht darin, sich selbst die Luft abzuschnüren und den dadurch ausgelösten Rausch zu filmen. Laut dem Quellentext standen weltweit mehr als 15 Todesfälle von Kindern und Jugendlichen damit in Zusammenhang; die jüngsten genannten Opfer waren acht oder neun Jahre alt.
TikTok erklärte, gefährliche Inhalte seien verboten und würden nach ihrer Entdeckung gelöscht. Zwischen Oktober und Dezember 2022 entfernte das Unternehmen nach eigenen Angaben mehr als 85 Millionen regelwidrige Videos. Im selben Zeitraum wurden laut TikTok weltweit mehr als 17 Millionen Konten gesperrt, die vermutlich Personen unter 13 Jahren gehörten. Die Geschäftsbedingungen erlauben eine Registrierung ab 13 Jahren, doch Altersangaben werden bei der Anmeldung nicht systematisch überprüft. Personalisierte Algorithmen können ähnliche Challenge-Videos häufiger empfehlen, wenn Nutzer:innen entsprechende Inhalte ansehen.
Der Psychologe Christian Montag wird im Quellentext mit der Einschätzung zitiert, dass das Geschäftsmodell der Plattformen auf lange Nutzungszeiten, Interaktion und Datensammlung ausgerichtet sei. Expert:innen empfehlen dort insbesondere digitale Bildung für Eltern, Lehrkräfte und Kinder. Erhöhte Risikobereitschaft kann mit einer Verharmlosung von Situationen und mit „Sensation Seeking“, also der Suche nach neuen und körperlich riskanten Erfahrungen, zusammenhängen. In Deutschland sind die meisten Mutproben kurzfristige Trends; gesundheitsgefährdende Herausforderungen bilden nach Darstellung des Artikels die Ausnahme. Laut Jugendmedienschutzindex geben neun Prozent der 9- bis 16-Jährigen an, online zu riskantem Verhalten wie Mutproben, Drogen- oder Alkoholkonsum beziehungsweise Selbstverletzung angestiftet worden zu sein. Der Gefährdungsatlas der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz weist bei Mutproben auf mögliche physische Gefährdungen hin.
Das Problem liegt nicht nur in einzelnen Videos. Plattformmechanismen können extreme und aufreizende Inhalte verbreiten und ihre Reichweite erhöhen, während Alterskontrollen und andere Schutzmechanismen nicht überall ausreichen. Inhalte können ein prinzipiell unbegrenzt großes Publikum erreichen und dauerhaft online bleiben. Soziale Medien dienen Jugendlichen als Orientierung bei der Identitätsentwicklung – und genau deshalb können sie auch die Produktion und den Konsum gesundheitsgefährdender Inhalte fördern.
Wer Verantwortung trägt – und wer zuhören muss
Medienkompetenz soll Menschen zu autonomem, vernünftigem und reflektiertem Handeln befähigen. Im Alltag heißt das auch: Strategien gegen Gruppennormen und sozialen Druck entwickeln, die eigene Medienumgebung mitgestalten und Unterstützung in der Peer-Gruppe suchen. Ambiguitätstoleranz hilft, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen auszuhalten, ohne sich ausschließlich an Gruppennormen zu orientieren. Jugendliche sollten ihre Privatsphäre schützen und sich nicht zu einer übermäßigen Veröffentlichung persönlicher Inhalte drängen lassen. Bewegungen wie Body Positivity und Body Neutrality fördern die kritische Auseinandersetzung mit gängigen Schönheitsidealen und die Anerkennung des eigenen Körpers.
Medienkompetenz im Umgang mit sozialen Medien ist eine gemeinsame Aufgabe von Jugendlichen, Eltern, Schulen und Plattformbetreibern. Eltern sind durch Medienerziehung und Unterstützung bei problematischen Inhalten zentral. Eine kompetenzfördernde Medienerziehung umfasst Verständnis, Gesprächsbereitschaft und Unterstützung. Dazu gehören Nutz
