Am Mittwochmorgen gegen 10 Uhr ist am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin kaum ein Durchkommen. Bauzäune versperren die Eingänge, Veranstaltungen fallen den ganzen Tag aus. Mehr als 80 Menschen beteiligen sich an der Blockade, die zum Jugendprotest der Initiative „Gen Z regelt“ gehört.

Auch das Hauptgebäude des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft bleibt dicht: Mülltonnen, Fahrräder und Holzpaletten stehen vor den Zugängen. Die Aktion richtet sich gegen die Kürzungen bei den Landeszuschüssen für Berliner Universitäten, gegen den Verlust kritischer Lehre, gegen eine mögliche Wehrpflicht und die „Militarisierung“ Deutschlands. Außerdem erklären sich die Studierenden solidarisch mit Schulstreiks in Frankreich. Zuvor hatte „Gen Z regelt“ bereits zwei Schulen blockiert; am selben Tag werden auch Hochschulen in Hamburg und Leipzig besetzt.

„Kritische Lehre darf nicht verschwinden“

Viele Demonstrierende tragen kurdische oder palästinensische Kufiyas. Einige wenige haben schwarze Schlauchschals über das Gesicht gezogen. Eine Studentin sagt, am Otto-Suhr-Institut würden die Stellen von zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern gestrichen, die kapitalismuskritische Theorien lehren. Laut einer Pressemitteilung von „Gen Z regelt“ sind dadurch Seminare zu kritischen, linken und queerfeministischen Diskursen gefährdet.

Die finanzielle Lage der FU ist angespannt: 2026 fehlen der Universität insgesamt 42,4 Millionen Euro. Die Zuschüsse des Landes sinken im Vergleich zu früheren Jahren um 9,4 Prozent, die investiven Mittel sogar um fast 25 Prozent. Wie viele Stellen in den kommenden Jahren tatsächlich wegfallen, ist laut FU-Pressestelle noch unklar. Besonders Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler seien betroffen, weil weniger Stellen nachbesetzt würden.

Zwei Professoren unterstützen die Bildungsforderungen grundsätzlich, bezweifeln aber, dass die Aussperrung von Beschäftigten der richtige Protestweg ist. Professor Robert Kindler verweist auf eine Alternative: Studierende könnten sich stärker an den Universitätsgremien beteiligen.

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Ein Demonstrationsteilnehmer hält dagegen. Nicht die Studierenden, sondern die Kürzungen würden Beschäftigte langfristig aussperren, sagt er. Gremienarbeit sei zeitaufwendig und könne die Einschnitte ohnehin nicht verhindern. Veränderungen müssten auf Landesebene erreicht werden.

Unterstützung, aber keine große Bewegung

Eine größere Massenbewegung ist an der FU bislang nicht entstanden. Einige Studierende, die eigentlich zu ihren Tutorien wollten, unterstützen zwar die Forderungen, gehen wegen des Ausfalls der Veranstaltungen aber wieder nach Hause. Ein seltsames Bild: Zustimmung ist da, nur bleibt der Hörsaal leer.

Bis zum Redaktionsschluss ist offen, ob der Lehrbetrieb am Folgetag wieder stattfinden kann. Die Blockade besteht weiterhin.

Was sich bei den Kürzungen geändert hat

Die geplanten Kürzungen im Berliner Wissenschaftsetat wurden nach Verhandlungen zwischen Hochschulen und Senat abgemildert. Für 2025 erhält die Freie Universität rund 6,7 Prozent weniger konsumtive Zuschüsse – etwa 29 Millionen Euro. Insgesamt beläuft sich der Verlust auf 31,6 Millionen Euro beziehungsweise 7,2 Prozent.

Gleichzeitig übernimmt das Land Berlin ab 2026 die Versorgungslasten der Beamtinnen und Beamten. Die Universität bekommt zusätzliche Mittel zum Ausgleich von Tarifsteigerungen; Rückflüsse aus Pensionsrücklagen sollen strukturelle Anpassungen ermöglichen. Der Änderungsvertrag gewährleistet Planungssicherheit bis 2028. Die FU kann notwendige Veränderungen damit schrittweise planen und umsetzen – was für eine Universität mit laufendem Lehr- und Forschungsbetrieb nicht ganz unwichtig ist.

Berlin sucht einen Ausweg aus der Sparspirale

Die Kürzungen treffen nicht nur die FU. Das Land Berlin plant massive Einsparungen im Wissenschaftsbereich, mit Folgen für Forschung, Lehre und Studierende. Die Technische Universität Berlin soll bis Ende 2028 dauerhaft 70 Millionen Euro einsparen, rund 15 Prozent ihres Haushalts. TU-Präsidentin Geraldine Rauch teilte das im Juli 2025 im Akademischen Senat mit.

Die Verhandlungen zwischen den Hochschulen und der Senatswissenschaftsverwaltung dauerten sechs Monate und endeten am 23. Juli 2025. Vereinbart wurde, dass es ab 2026 keine weiteren Kürzungen bei den Berliner Hochschulen geben soll. Die Hochschulmittel sollen ab 2026 wieder steigen. Für die Tarifvorsorge sind zusätzlich 31 Millionen Euro im Jahr 2026, 62 Millionen Euro im Jahr 2027 und 93 Millionen Euro im Jahr 2028 vorgesehen.

Nicht rechtlich gebundene Rücklagen werden teilweise eingesetzt, um die Einsparungen im Jahr 2025 abzufedern. In einem Solidarmodell werden von 2026 bis 2028 rund 156 Millionen Euro verteilt, insbesondere zur Unterstützung kleinerer Hochschulen. Ab dem 1. Januar 2026 übernimmt das Land Berlin sämtliche Versorgungslasten der Hochschulen. Das soll die Hochschulen in den kommenden drei Jahren um 120 Millionen Euro entlasten. Zusätzlich wurden 62 Millionen Euro ausgehandelt, die 2027 und 2028 an die Hochschulen fließen sollen.

Neben den Geldfragen sind strukturelle Änderungen geplant: weniger Bürokratie, die Abschaffung veralteter Verordnungen und eine gemeinsame Weiterentwicklung des Berliner Hochschulgesetzes. Arbeitsgruppen sollen sich mit Agilität und Modernisierung beschäftigen; in Lehre und Verwaltung soll es mehr Flexibilität geben.

Bis Ende August 2025 sollten die Berliner Hochschulen mitteilen, ob sie zur Einhaltung ihrer jeweiligen Hochschulverträge klagen. Die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege will gemeinsam mit der Landeskonferenz der Rektorinnen und Präsidentinnen außerdem eine unabhängige Expertenkommission einsetzen. Sie soll das Berliner Hochschulsystem in den kommenden Jahren analysieren und Empfehlungen für Umstrukturierungen ab 2029 vorlegen.