Am 30. Oktober 2026 schaut man an der Freien Universität Berlin auf einen Krieg, der längst nicht mehr nur auf ukrainischem Boden entschieden wird. Zwischen Kanzleramt, der vom Auswärtigen Amt subventionierten Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und dem Bundesnachrichtendienst gibt es regelmäßig Austausch über die Lage in der Ukraine. Beteiligt sind neben BND-Chef Martin Jäger auch Ole Diehl, der im Oktober Vizepräsident der DGAP wurde.

Die beiden Männer, Jahrgang 1964, kennen sich seit Jahren. Jäger folgte Diehl 2021 als Botschafter im Irak. Diehl war von 2016 bis 2019 sowie ab 2022 Vizepräsident des BND, leitete zuvor 2015/2016 das Generalkonsulat im afghanischen Masar-i-Scharif und promovierte 1992 an der Freien Universität Berlin über Strategiedebatten in der späten Sowjetunion.

Ein Frieden ohne Sieger?

In der DGAP-Zeitschrift „Internationale Politik“ erschien am 26. Oktober ein Aufsatz Diehls mit dem Titel „Endlich Frieden in der Ukraine?“. Seine Prognose ist nüchtern: Der Krieg werde absehbar nicht mit dem Sieg einer Seite enden. Wahrscheinlicher sei ein „Freeze“, also die Festschreibung des Status quo.

Das klingt nach Ruhe, wäre aber keineswegs gleichbedeutend mit Frieden. Nach einem Kriegsende könnten Handfeuerwaffen, Luftabwehrraketen, Minen und Drohnen illegal verbreitet und auf dem internationalen Schwarzmarkt gehandelt werden. Organisierte Kriminalität und Terrororganisationen könnten davon profitieren. Weil der derzeitige Umfang der ukrainischen Streitkräfte voraussichtlich nicht aufrechterhalten werden kann, rechnet Diehl außerdem mit der Bildung bewaffneter Banden.

Auch innenpolitisch könnte die Ukraine tief gespalten aus dem Krieg kommen. Widerstand gegen die Regierung wäre möglich. Militante Kräfte könnten den bewaffneten Kampf gegen russische Truppen fortsetzen – im schlimmsten Fall auch ukrainische Sicherheitskräfte angreifen, die das Kriegsende absichern sollen. Diehl thematisiert deshalb ausdrücklich die Folgen illegaler Waffenverbreitung und anhaltender bewaffneter Gruppen für die Stabilität der Ukraine und ihrer Nachbarstaaten.

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Für den Wiederaufbau schlägt er vor, beschlagnahmtes russisches Auslandsvermögen zu verwenden: rund 300 Milliarden Euro, davon etwa 210 Milliarden Euro im Zugriffsbereich der EU. Einfach wäre das nicht. Die Verwendung wäre mit rechtlichen Problemen verbunden und könnte Europas internationales Ansehen als Finanzstandort beeinträchtigen.

Diehl hält einen NATO-Beitritt der Ukraine für ausgeschlossen. Auch der von Kyjiw angestrebte EU-Beitritt bereits 2027 sei unrealistisch. Sicherheitsgarantien könnten zudem Risiken bergen: Sie könnten die Ukraine zu „revanchistischen Bestrebungen“ veranlassen und westliche Garantiegeber nicht wegen russischer, sondern wegen ukrainischer Aktionen in einen Konflikt mit Moskau ziehen. Solche Zusagen müssten die Ukraine daher zugleich zur Einhaltung eines Waffenstillstands verpflichten.

Moskau rüstet weiter

Russland werde weiter aufrüsten und das Feindbild des Westens aufrechterhalten, schreibt Diehl. Ein eingefrorener Konflikt dürfe nicht als Beginn eines neuen Friedenszeitalters in Europa verstanden werden. US-Druck und fehlende militärische Erfolge könnten die Ukraine in absehbarer Zeit dazu bewegen, die Fronten einfrieren zu lassen. Das würde der Position widersprechen, die Kanzler Friedrich Merz im Wahlkampf Ende 2024/Anfang 2025 vertreten hatte: Die Ukraine müsse den Krieg gewinnen, Russland ihn verlieren.

Der Krieg könnte allerdings auch aus russischer Sicht weiter eskalieren. Laut dem britischen Magazin „The Economist“ ist Kremlchef Wladimir Putin dazu bereit. Als wesentlicher Grund gelten innenpolitische Motive: Putin fürchte, ein Kriegsende ohne vorzeigbaren Erfolg könne seine Macht und möglicherweise sein Leben gefährden. Eine unvollständige Eroberung des Donbass könnte in Russland als Niederlage gelten. Ein Insider zitierte Putin mit den Worten: „Sie werden mich hängen.“ Sein zentrales Ziel sei der Erhalt seiner Macht. Diese Einschätzung wurde von der „Welt“ am 31.8.2026 veröffentlicht.

Baldige Friedensverhandlungen hält der Politikwissenschaftler Andreas Heinemann-Grüder für wenig wahrscheinlich. Russland sehe sich militärisch in der Initiative und halte deshalb an Maximalforderungen fest. Die Ukraine versuche derweil, die russischen Verluste zu erhöhen, um Moskau zu Verhandlungen zu zwingen, wie die Bundeszentrale für politische Bildung am 28.5.2026 einordnete.

Auch andere Einschätzungen fallen wenig beruhigend aus. Soziologe Wolfgang Zeller hält baldige Verhandlungen für unrealistisch; die Ukraine und der Westen müssten sich auf einen längeren Krieg unter schwierigen Bedingungen einstellen. Entscheidend sei, ob die westliche Unterstützung so stark nachlasse, dass Russland der Ukraine einen Diktatfrieden aufzwingen könne – oder ob eine weiter unterstützte und militärisch gestärkte Ukraine ein für sie akzeptables Abkommen erreiche. Das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik veröffentlichte diese Einschätzung am 15.5.2024.

Direkte Verhandlungen über einen Waffenstillstand waren wenige Monate nach Kriegsbeginn abgebrochen. Seitdem versuchen Moskau und Kyjiw, den internationalen politischen Rahmen des Krieges durch diplomatische Initiativen zu beeinflussen. Beim G20-Gipfel im November 2022 stellte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine zehn Punkte umfassende Friedensformel vor. Ihr Kern: der Abzug russischer Truppen aus der Ukraine. Russland, so die Stiftung Wissenschaft und Politik am 23.10.2023, spiele auf Zeit und zeige trotz ausbleibender vollständiger Zielerreichung keine Kompromissbereitschaft.

Die Angst vor dem nächsten Schauplatz

Westliche Expertisen sehen Russland innerhalb von zwei bis fünf Jahren möglicherweise in der Lage, Europa und NATO-Staaten ernsthaft zu bedrohen. Im sogenannten Narwa-Szenario könnten Spannungen zwischen dem estnischen Staat und der russischsprachigen Minderheit in Narwa eskalieren. Rund 80 Prozent der knapp 55.000 Einwohner sprechen Russisch. Aus Demonstrationen könnten Unruhen und schließlich ein fingierter Aufstand entstehen; Russland könnte sich propagandistisch als Schutzmacht der russischsprachigen Bevölkerung darstellen. Offen wäre, ob alle 32 NATO-Staaten eine russische Intervention in Estland geschlossen als Bündnisfall nach Artikel 5 beantworten würden.

Russlandfachmann Gustav Gressel fordert Europa deshalb auf, sich auf einen möglichen großen Krieg vorzubereiten. Ein künftig ausgehandelter Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine werde seiner Einschätzung nach nicht lange halten. Moskau halte an seinen Zielen fest, die Ukraine vollständig zu unterwerfen; seine Forderungen gingen über die Ukraine hinaus. Russland strebe eine europäische Ordnung nach eigenen Vorstellungen an. Ein erneuter Krieg könne sich zu einem Konflikt um die militärische Vorherrschaft in Europa ausweiten. Ein Angriff auf das Baltikum oder Polen könnte testen, ob NATO-Staaten im Bündnisfall militärisch eingreifen. Gressel fordert mehr europäische Rüstung und ein glaubwürdiges, auch nukleares Abschreckungsprogramm.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg rechnet mit einer möglicherweise jahrzehntelangen Konfrontation mit Russland. Die NATO suche keinen Krieg, müsse sich aber auf eine lange Konfrontation vorbereiten. Generalinspekteur Carsten Breuer nennt angesichts des russischen militärischen Bedrohungspotenzials fünf bis acht Jahre als mögliche Vorbereitungszeit. Das bedeutet nicht, dass ein Krieg eintreten werde, wohl aber, dass er möglich sei. Ziel der Vorbereitung ist, sich verteidigen zu können und das Angriffsrisiko für Russland zu erhöhen.

Politologe Herfried Münkler sagt, die USA hätten bereits vor Donald Trump europäische Sicherheitsgarantien infrage gestellt. Daran werde sich auch nach Trump nichts ändern. Er fordert eine stärkere europäische Eigenständigkeit beim Schutz vor Russland, einschließlich einer möglichen nuklearen Absicherung. Sicherheitsexpertin Claudia Major beschreibt Europa vor einer grundlegenden Veränderung: Es müsse mit einer möglichen dauerhaften Entfremdung von den USA umgehen und sich auf einen Krieg vorbereiten. Die europäischen Staaten seien angesichts der erwarteten Kosten und Veränderungen bislang gelähmt.

Albrecht von Lucke sieht im transatlantischen Verhältnis nach US-russischen Gesprächen ohne europäische Beteiligung einen fundamentalen Bruch. Er warnt vor den Folgen und kritisiert eine Abkehr der USA von der Unterstützung europäischer Demokratien. Die aktuelle Entwicklung vergleicht er mit einer möglichen Aufteilung Europas durch Großmächte – allerdings unter umgekehrten Vorzeichen gegenüber der Nachkriegsordnung von 1945.

Eine ukrainische Gegenoffensive habe die