Jean de Pablo und Dezsö Jász: Die zwei Identitäten eines kommunistischen Grenzgängers
Am 11. Oktober 1981 starb in Ostberlin Jean de Pablo, der langjährige Leiter des Hugenottenmuseums. Knapp vier Wochen später, am 9. November 1981, wurde in Budapest der ungarische Kommunist Dezsö Jász im Pantheon der Arbeiterbewegung beigesetzt. Es waren zwei Namen, zwei Orte, zwei öffentliche Rollen – und doch dieselbe Person.
Der Fall führt von der FU Berlin aus weit zurück: nach Nagykároly, dem heutigen Carei in Rumänien, in den Spanischen Bürgerkrieg, die französische Résistance und schließlich an den Berliner Gendarmenmarkt. Das 2021 wiedereröffnete Berliner Hugenottenmuseum behandelt diese Biografie nur knapp. Eine Fußnote verweist auf eine Darstellung von 1986, die de Pablo als gebürtigen Ungarn, Revolutionär und Privatgelehrten bezeichnet. Der Historiker Alexander Schunka nennt seinen Geburtsnamen: Dezsö Lichtschein.
Vom jüdischen Intellektuellen zum roten Kommissar
1897 wurde Lichtschein in Nagykároly als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Er wuchs in einem jüdischen Intellektuellenmilieu auf und kam durch den radikaldemokratischen bis marxistischen Galilei-Kreis mit revolutionären Ideen in Berührung. Nach einem Schulverweis bildete er sich autodidaktisch weiter. Später nahm er im Zuge der Magyarisierung den Namen Jász an.
Im Ersten Weltkrieg erhielt er vermutlich eine militärische Ausbildung. 1919 diente Jász in der Roten Armee der ungarischen Räterepublik unter Béla Kun, wurde Politkommissar des 101. Roten Infanterieregiments und geriet nach Kämpfen, unter anderem gegen Rumänien, in Gefangenschaft.
Danach arbeitete er als kommunistischer Journalist und Funktionär in der Tschechoslowakei, Rumänien, Wien und Berlin – häufig unter wechselnden Namen und teilweise illegal. 1925 heiratete er Vilma Arvale, die als Sekretärin der italienischen Redaktion eines Komintern-Mitteilungsblatts tätig war. Im Auftrag der Kommunistischen Partei hielt sich Jász besonders oft in Rumänien auf. Ende der 1920er-Jahre führten innerkommunistische Fraktionskämpfe ihn zunächst nach Wien, anschließend nach Berlin.
Unter dem Namen „Ing. Paul Jansen“ veröffentlichte er 1932 Broschüren über sowjetischen Rundfunk und Funktechnik. Darin ging es nicht nur um Technik, sondern auch um die Nutzung des Radios für Parteiarbeit und militärische Zwecke. 1933 gingen Jász und Vilma in die Schweiz; dort verfassten sie weitere Schriften, darunter „Radio für alle“.
Etwa ein Jahr lang, 1934/35, hielt sich Jász in der Sowjetunion auf. Dort dürfte er Béla Kun begegnet sein, der 1938 Opfer der stalinistischen Repression wurde. Vilma erwähnte diesen Aufenthalt später in einem Lebenslauf nicht. Ein kleines Loch in der Biografie, aber eines mit Gewicht.
Spanien, Frankreich und ein Loch im Waggonboden
1936 meldete sich Jász bei der Kommunistischen Partei Spaniens und schloss sich einer von Dolores Ibárruri unterstützten republikanischen Miliz an. Im Spanischen Bürgerkrieg diente er als Kommandeur der 21. Gemischten Brigade. Seine 1977 veröffentlichten Memoiren berichten von Kämpfen, Verwundungen und militärischen Strategien.
Darin erwähnt er auch den kommunistischen Militär Carlos Contreras, der eigentlich Vittorio Vidali hieß und mit zahlreichen Morden in Verbindung gebracht wird. Ob Jász an Verbrechen sowjetischer Agenten in Spanien beteiligt war, bleibt ungeklärt.
Nach der Niederlage der Republikaner ging Jász unter dem Namen Jean beziehungsweise Juan de Pablo mit Frau und Kind nach Frankreich. 1941 plante die Familie die Emigration nach Mexiko, blieb aber in Frankreich. Nach der Besetzung Südfrankreichs wurde de Pablo verhaftet und im Juli 1943 im Lager Le Vernet interniert.
Dort übernahm er eine führende Rolle unter den kommunistischen Gefangenen und organisierte deren geplante Befreiung durch die 3. Partisanenbrigade. Der für den 17. Juni 1944 geplante Versuch scheiterte: Der Plan war bekannt geworden, deutsche Truppen hatten das Lager besetzt.
Die Gefangenen wurden nach Toulouse gebracht und in einem Zug nach Dachau deportiert. De Pablo und andere entkamen nach eigenen Angaben durch ein Loch im Waggonboden. Seine Tochter war bereits am 25. September 1943 in Saverdun protestantisch getauft worden. Während der Besatzungszeit hatte die Familie Kontakte zu Protestanten.
Nach dem Krieg lebte die Familie in Paris. De Pablo veröffentlichte auf Französisch Schriften über die Hugenottenkriege und die protestantische Religionsgeschichte. 1956 kam er auf Bitte des reformierten Kirchenhistorikers Philippe de Félice nach Berlin; Vilma und die Tochter folgten später.
Am Berliner Gendarmenmarkt half de Pablo beim Wiederaufbau der durch den Krieg beschädigten Hugenotteneinrichtungen. Mit Unterstützung seiner Tochter und später seines Schwiegersohns Nils Diederich wurden Bücher, Inkunabeln und Bibeln geborgen. 1958 heiratete Anita den Sozialdemokraten Diederich. Das Paar blieb in Westberlin, während de Pablo und Vilma in Ostberlin lebten.
Das Museum, die Stasi und zwei öffentliche Gesichter
Vilma arbeitete als Übersetzerin beim FDGB. De Pablo trat im April 1958 der Hugenottengemeinde bei und wurde Leiter des Museums. Er erweiterte die Sammlung, warb staatliche Zuschüsse ein und publizierte auf Deutsch, Französisch und Ungarisch. Seine Themen reichten von der französischen Kolonie in Berlin über die Hugenottengeschichte bis zu Theodor Fontane.
In Berlin galt er als spanisch-französischer Museumsleiter und Privatgelehrter. In Budapest ehrte man Dezsö Jász als ungarischen Berufsrevolutionär mit Verbindungen zu Partei, Militär, Wissenschaft und Kultur.
Der Pfarrer Karl Manoury, SED-Mitglied und Stasi-Geheiminformant mit dem Decknamen „Herkins“, berichtete ab 1956 über de Pablo. Das Ministerium für Staatssicherheit interessierte sich für seine politischen Kontakte. Manoury meldete, de Pablo solle möglicherweise als Konsul der republikanischen spanischen Exilregierung in Deutschland tätig werden und Kontakte zu West- und Ostdeutschland sowie zur sowjetischen Botschaft aufbauen. Ob das tatsächlich geschah, bleibt offen.
Ein ungarisches Trauerkomitee plante 1981 die Überführung von de Pablos sterblichen Überresten von Berlin nach Budapest. Die Kosten übernahm das Zentralkomitee der ungarischen Arbeiterpartei. Bei der Beisetzung am 9. November waren Vertreter von Partei, Volksarmee und Partisanenverband anwesend. Die ungarischen Medien berichteten, auch der DDR-Botschafter legte einen Kranz nieder.
Im Berliner Gemeindeblatt wurde de Pablo als „Bruder und Freund“ und als „kämpferischer Republikaner“ gewürdigt. Seine ungarische Identität und seine vollständige politische Biografie blieben unerwähnt.
Ein Budapester Archiv besitzt einen umfangreichen Nachlass von Jász, darunter Korrespondenz mit seiner Tochter Vera. Eine Geburtseintragung aus Košice belegt, dass Jász am 22. März 1920 Vater einer Tochter namens Veronika Erzsébet Jász wurde. Die Mutter hieß Erzsébet Havas; beide Eltern wurden als konfessionslos geführt.
2025 bezeichnete der Historiker Miklós Kun, Béla Kuns Enkel, de Pablo im ungarischen Fernsehen als wichtigen Militärführer des Spanischen Bürgerkriegs, der jahrzehntelang für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet habe und später General geworden sei. Kun sagte außerdem, de Pablo habe den sowjetisch beeinflussten Sicherheitsdienst in Spanien wegen seines Vorgehens gegen Geistliche verabscheut. Belege für de Pablos Geheimdiensttätigkeit legte Kun nicht vor; weitere Auskünfte lehnte er ab.
In den Tagebüchern des ungarischen Spitzenfunktionärs Gyula Ortutay findet sich eine Begegnung mit Jász aus dem Jahr 1970. Ortutay vermutete, Jász sei vor allem Späher und bis vor Kurzem Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes gewesen. Eine biografische Anmerkung von 2010 bezeichnet ihn rückblickend als sowjetischen Geheimdienstoffizier in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Frankreich und berichtet von einer anschließenden Ausbildung an einer Militär
