Ubuntu und Tragödie: Mark Fleishman untersucht afrikanische Bühnenformen im postapartheidischen Südafrika
Am 25. Januar 2027 kommt Mark Fleishman von der University of Cape Town an die Freie Universität Berlin. Sein Vortrag „African Tragedy and the post-apartheid state: the village, the forest and the ‘hollow’ cave“ findet im Rahmen der „Dahlem Humanities Center Lectures“ und in Kooperation mit dem Wissenschaftskolleg zu Berlin statt. Beginnzeiten sind nicht angegeben.
Fleishman arbeitet seit 2019 an einem Forschungsprojekt, das Tragödie aus der Perspektive des Globalen Südens, besonders Afrikas, neu bestimmen will. Im Zentrum stehen antike griechische Tragödien unter den Bedingungen des postapartheidischen Südafrikas – aber auch Arbeiten, die tragische Formen aus afrikanischer Perspektive neu denken, ohne sich direkt auf die Tragödien des Athenischen 5. Jahrhunderts zu stützen.
Eine Odyssee, die ihren eigenen Weg nimmt
Als Beispiel analysiert Fleishman „iKrele le Chiza“ von Mandla Mbothwe, eine Produktion nach einem Fragment aus Homers Odyssee. Die Inszenierung weicht deutlich von ihrer Vorlage ab und entwickelt daraus eine eigenständige Arbeit, die Fleishman zufolge in Inhalt und Form weiterhin als Tragödie verstanden werden kann.
Gefragt wird, wie diese entstehende afrikanische Tragödie zu klassischen beziehungsweise europäischen Vorstellungen von Tragödie steht. Und ob der Rückgriff auf den Tragödienbegriff nach der Katastrophe fortbestehende koloniale Strukturen sichtbar macht – oder eine aktive, strategische Aneignung im Rahmen der „Politik der Gegenwart“ ist. Fleishman betrachtet Mbothwes Dramaturgie im Verhältnis zu ihren afrikanischen, insbesondere Xhosa-geprägten Grundlagen sowie zu mehreren deutschen Theoretikern innerhalb und außerhalb der Theater- und Performancewissenschaft. Chorality, Atmosphären und Hoffnung gehören dabei ebenso zu den Themen wie ein Zustand des Stillstands und eine aufgeschobene Zukunft.
„iKrele leChiza…the sermon“ entstand im sechsjährigen Forschungsprojekt „Re-Imagining Tragedy in Africa and the Global South“ (ReTAGS). Principal Investigator ist Mark Fleishman, Co-Investigator Mandla Mbothwe. Zwischen 2020 und 2024 wurde die Produktion in drei Fassungen gezeigt: als zunächst aufgezeichnete Version „Sonic Passages“, als Live/Digital Mutation und als Live-Produktion.
Ein Zuhause, das mehr ist als ein Haus
Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Luphawo und Mesuli. Sie leben in einem von Kindern geführten Haushalt – eine aktuelle Realität für viele südafrikanische Kinder. Ihre Mutter verweilt in einem Raum der Ahnen, weil sie den Tod ablehnte, bis ihr Körper nicht mehr weiterkonnte. Der Vater befindet sich in einem spirituellen Exil.
Luphawo versucht, seinen Vater zu finden und zugleich die Menschlichkeit im gemeinsamen Zuhause zu bewahren und wiederherzustellen. Mesuli, deren Name „Tränenwischerin“ beziehungsweise „Trösterin“ bedeutet, muss vorzeitig eine mütterliche Rolle übernehmen. Das Zuhause steht für Mbothwe für Menschlichkeit und für einen Dorfgemeinschaftsgeist, der derzeit angegriffen wird.
Den Geist des Ubuntu beschreibt Mbothwe als „an einem Spinnennetz hängend“ – als eine Wunde der afrikanischen Gesellschaft, die fortwährend angegriffen wird. Eine zentrale Frage des Stücks lautet deshalb, wie eine Wunde geheilt oder versorgt werden kann, während sie weiter angegriffen wird. Für die Unterscheidung zwischen guten und bösen Figuren greift Mbothwe auf Iintsomi, die afrikanische mündliche Erzähltradition, sowie auf Begriffe aus Homers Odyssee zurück.
Die Produktion knüpft an Mbothwes frühere Arbeiten an, vor allem an seine Auseinandersetzung mit Tragödie als katastrophalem Verlust: dem massenhaften Verlust menschlichen Lebens beziehungsweise „isivuma’kufa“, dem Sterben, um wiedergeboren zu werden. Rituale und Wiederherstellung spielen eine Rolle, ebenso die Verbindung und Neuzuordnung früherer thematischer und ästhetischer Elemente seines Werks.
Schon der Titel hält eine Spannung aus. „ikrele“ bedeutet Waffe beziehungsweise Speer und ist mit Kampf, Verteidigung und Schutz verbunden. „ichiza“ bezeichnet ein Heilkraut, das für Heilung und Wiederherstellung verwendet wird. Die beiden scheinbar gegensätzlichen isiXhosa-Begriffe treffen aufeinander: Wiedergutmachung gegen Wiederherstellung, oder vielleicht beides gleichzeitig. Mbothwe versteht das Stück als Rückgewinnung und Feier afrikanischer Ästhetik sowie als Infragestellung von Grenzen innerhalb Afrikas.
Ubuntu: Ich bin, weil du bist
Ubuntu, ausgesprochen [ùɓúntú], ist eine vor allem im südlichen Afrika verbreitete Lebensphilosophie, die auf afrikanischen Überlieferungen beruht. Der Begriff stammt aus den Bantusprachen Zulu und Xhosa und bedeutet wörtlich: „Ich bin, weil du bist.“ Gemeint sind Menschlichkeit, Nächstenliebe, Gemeinsinn und das Bewusstsein, Teil eines größeren Ganzen zu sein – „gemeinsam zu Menschen werden“, also gegenseitige Menschwerdung.
Dazu gehören gegenseitiger Respekt und Anerkennung, die Achtung der Menschenwürde, das Streben nach einer harmonischen und friedlichen Gesellschaft sowie der Glaube an ein universelles Band, das alle Menschen verbindet. Individuelle Persönlichkeit und Gemeinschaft sind eng miteinander verbunden. Sichtbar wird das etwa in „extrovertierten Gemeinschaften“: Menschen begegnen Fremden und Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft mit aufrichtiger Herzlichkeit. Daraus können spontane Gemeinschaften entstehen; Zusammenarbeit hat dann nicht nur eine soziale, sondern auch eine praktische Funktion. Herzlichkeit ist nicht zwingend nötig, um eine Gemeinschaft zu bilden, schützt aber vor Beziehungen, die nur einem Zweck dienen.
Ubuntu hat politische und spirituelle Seiten und betont die Verantwortung des Einzelnen gegenüber seiner Gemeinschaft. Das südafrikanische Verfassungsgericht hat versucht, Ubuntu als afrikanischen Kulturwert bei der Auslegung der Grundrechte der südafrikanischen Verfassung einzubeziehen. Der Dalai Lama sieht eine Ähnlichkeit zwischen Ubuntu und dem Glauben an die gegenseitige Abhängigkeit aller Menschen sowie an eine daraus entstehende universelle Verantwortung. In Kinyarwanda und Kirundi bedeutet „Ubuntu“ außerdem „gratis“.
Kurze Maximen bringen die Idee in verschiedenen afrikanischen Sprachen auf den Punkt: Sotho/Tswana, Zulu, Xhosa, Xitsonga und Venda sagen: „Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen.“ Im Shona heißt es „Ein Mensch durch andere Menschen“ oder „Ich bin, weil wir sind.“
Auch außerhalb philosophischer Texte taucht Ubuntu praktisch auf. Der nigerianische Schachspieler Tunde Onakoya wurde durch sein Engagement für Kinder im Schachsport international bekannt; seine Ubuntu-Philosophie prägt sein Ziel, in jeder afrikanischen Slumgemeinde eine Schachakademie aufzubauen. Stanlake John William Thompson Samkange, ein simbabwischer Historiker und Schriftsteller, verfasste gemeinsam mit Tommie Marie Samkange Hunhuism or Ubuntuism, eine indigene simbabwische politische Philosophie, die Hunhu und Ubuntu als ethische Grundlagen sozialen und politischen Handelns beschreibt.
Der südafrikanische anglikanische Geistliche, Menschenrechtsaktivist und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu verband Ubuntu mit Sanftmut, Mitgefühl, Gastfreundschaft, Offenheit gegenüber anderen, Verletzlichkeit und Verfügbarkeit für andere – mit dem Bewusstsein, mit anderen im „Bündel des Lebens“ verbunden zu sein. Er bezog sich dabei auf das Xhosa-Sprichwort, dass ein Mensch durch andere Menschen zum Menschen wird.
Termin
Der Vortrag findet an der Freien Universität Berlin im Seminarzentrum, Raum L 115, Otto-von-Simson-Straße 26, 14195 Berlin, statt. Eine Anmeldung ist bis zum 24. Januar 2027 erforderlich.
