KI-Bilder als politische Waffen im US-Wahlkampf
Heute, am 27.10.2026, geht es an der HHU Düsseldorf um Bilder, die mehr tun, als etwas zu zeigen. Sie können politische Wirklichkeiten behaupten, Gefühle anheizen und sich dabei als Scherz tarnen. Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich spricht auf der Tagung „Bildbericht, Bilddokumentation, Bilderzählung“ in Hilden über diesen politischen Einsatz von Bildern.
Ein Anlass ist ein auf Truth Social verbreitetes, KI-generiertes Video von Donald Trump. Darin sind Barack Obama und Trump zunächst im Gespräch zu sehen. Dann verhaften FBI-Agenten Obama; anschließend steht er in einem orangefarbenen Overall hinter Gefängnisgittern. Über dem Video steht: „Niemand steht über dem Gesetz“. Die dargestellten Ereignisse sind frei erfunden, trotzdem wurde der Clip millionenfach angeklickt.
Wenn der politische Angriff als Gag daherkommt
Ullrich bezeichnet das Video als Beispiel für „Bildpolitik“. KI-generierte Bilder und Videos könnten dazu dienen, ideologische Wahrheiten zu verbreiten, erklärt er. Die politische Botschaft komme dabei nicht immer als ernste Erklärung daher, sondern als Gag oder ironischer Beitrag. Genau das macht die Sache knifflig: Die ironische Verpackung erschwert es politischen Gegnern, den darin enthaltenen Inhalt ernsthaft zu diskutieren.
Ein weiteres Beispiel liefern von Eliot Higgins mithilfe künstlicher Intelligenz erzeugte Bilder eines erfundenen Scharmützels zwischen dem ehemaligen US-Präsidenten Trump und New Yorker Polizeibeamten. Die hochdetaillierten Aufnahmen entstanden mit einem weithin zugänglichen Bildgenerator und wurden auf Higgins’ Twitter-Account veröffentlicht. In der Bildunterschrift stand, dass sie nicht echt seien.
Auch im August 2024 veröffentlichte Trump auf Truth Social KI-generierte Bilder, die fälschlich eine Unterstützung durch Taylor Swift und ihre Fans, die „Swifties“, suggerierten. Swift erklärte später ihre Unterstützung für Kamala Harris. Der Vorgang zeigt, wie schnell falsche audiovisuelle Inhalte hergestellt und über soziale Medien verbreitet werden können. Sie können politische Meinungen beeinflussen und das Vertrauen in demokratische Prozesse schwächen.
Wahlkampf auf Knopfdruck
Im US-Wahlkampf wird künstliche Intelligenz längst für Texte, Bilder und Videos eingesetzt, außerdem für Datenanalysen, Plakate und die Automatisierung von Wahlkampfprozessen. Oft reichen ein Internetzugang und eine kostenlose Registrierung bei Plattformen wie OpenAI oder Anthropic. Das verändert Wahlkampfstrategien – und wirft rechtliche wie ethische Fragen auf.
Eine Verbraucherstudie aus dem Jahr 2024 zeigt, wie unruhig die Stimmung ist: 72 Prozent der befragten US-Amerikaner befürchten, dass Deepfakes künftige Wahlen beeinflussen könnten. 56 Prozent halten die geltenden gesetzlichen Regelungen zur KI für unzureichend. Eine noch unveröffentlichte DGAP-Analyse registrierte von Januar bis Juli 2024 insgesamt 114 KI-generierte Deepfakes im Zusammenhang mit dem US-Wahlkampf. Erfasst wurden allerdings nur Fälle, über die Nachrichtenportale berichtet hatten. Social-Media-Posts waren nicht vollständig erfassbar und hätten die Zahl deutlich erhöht.
Während der republikanischen Vorwahlen verbreitete Ron DeSantis ein Deepfake-Bild, das eine Nähe zwischen Donald Trump und Anthony Fauci nahelegte. Es sollte Trump bei seinen Stammwählern diskreditieren. Irreführende Bilder zu verwenden, war damals nicht strafbar.
In New Hampshire untersuchte der Generalstaatsanwalt einen möglichen Fall von Wählerunterdrückung. Eine künstlich erzeugte Stimme im Stil Joe Bidens soll Bürger telefonisch aufgefordert haben, nicht an den Vorwahlen teilzunehmen. Wie stark der Robocall wirkte, blieb wegen fehlender belastbarer Daten unklar. Die Federal Communications Commission, kurz FCC, stellte daraufhin KI-generierte Audio- und Textnachrichten bei Telefonanrufen unter Strafe.
Trotz der großen Menge KI-generierter Inhalte wurde bislang keine einzelne KI-Desinformation in einem Ausmaß verbreitet, das nachweislich den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl beeinflusst hätte. Sicherheitsexperten gehen aber davon aus, dass KI die Reichweite und Wirksamkeit böswilliger Informationskampagnen erhöhen kann.
Vom Meme bis zum „Liar’s Dividend“
Viele KI-Bilder und -Videos haben einen charakteristischen „KI-Look“. Daneben gibt es „Cheapfakes“, also qualitativ einfache Manipulationen wie eingefügte Gesichter oder verfremdete Stimmen. Andere künstliche Inhalte ähneln Animationsfilmen und lassen sich mit etwas Erfahrung erkennen. Häufig werden sie als leicht teilbare Memes genutzt – und können so Millionen Menschen erreichen.
Ein von Trump verbreitetes Bild zeigte eine Kamala-Harris-ähnliche Figur vor einer kommunistischen Versammlung mit Hammer-und-Sichel-Symbol. Harris’ Politik wurde damit mit Symbolen verbunden, die Angst auslösen sollen. Laut Forschung werden KI-Inhalte zunehmend genutzt, um Wähler zu mobilisieren, politische Positionen zu unterstützen und Polarisierung zu fördern.
Die große Menge künstlicher Inhalte hat noch einen Nebeneffekt: Zunehmend werden auch echte Bilder angezweifelt. Dieses Phänomen heißt „Liar’s Dividend“. Authentische Aufnahmen können dann als KI-Fälschungen zurückgewiesen werden – eine bequeme Ausrede, wenn einem das Bild gerade nicht passt.
Sprachbasierte Desinformation kann gezielt bestimmte Bevölkerungsgruppen ansprechen, insbesondere die spanischsprachige Minderheit. Deepfakes gegen Politiker können das Vertrauen in politische Führung schwächen. Audio- und Video-Deepfakes von Joe Biden verstärkten bestehende Zweifel an seiner körperlichen und geistigen Gesundheit.
Hinzu kommt hyperpersonalisierte Wahlwerbung, die an die Methoden von Cambridge Analytica erinnert. Persönliche Daten und Nutzerdaten können in den USA von Datenhändlern gekauft und mit KI leichter ausgewertet werden. Individuell zugeschnittene Botschaften verstärken bestehende Überzeugungen, fragmentieren die öffentliche Meinung und verschärfen Polarisierung.
Die lokale Lücke
Kostengünstige KI-Modelle können kleinen Parteien und Kandidaten mit begrenzten Ressourcen helfen – bei Texten, Plakaten oder Datenanalysen. Gleichzeitig verfügen gerade lokale Kandidaten oft nicht über genügend Personal oder Fachwissen, um KI-Desinformation zu erkennen und zu bekämpfen.
Ein einzelner Deepfake könnte bei einer knappen Kommunalwahl kurzfristig genügend Wähler beeinflussen. Hyperlokale Desinformationskampagnen gelten als besonderes Risiko, auch weil der Lokaljournalismus in den USA seit Jahren schrumpft. Faktenchecks bleiben häufig den betroffenen Kandidaten überlassen und hängen damit von deren Ressourcen ab. Da kann ein falsches Video schneller im Gruppenchat landen, als jemand überhaupt nach einer Quelle sucht.
Cambridge Analytica hatte von 2013 bis 2018 persönliche Daten von Millionen Facebook-Nutzern ohne deren Zustimmung gesammelt und analysiert. Daraus entstanden psychologische Wählerprofile und gezielte politische Werbung, unter anderem für die US-Wahl 2016 und das Brexit-Referendum. Der Skandal führte zur Auflösung des Unternehmens und zu Forderungen nach strengerer Regulierung der Datensammlung und -nutzung.
Regeln, Verbote und viele offene Türen
Auf Bundesebene gibt es in den USA bislang außer dem FCC-Verbot von KI-Robocalls nur wenige umfassende Maßnahmen. Laut National Conference of State Legislatures arbeiteten für die Legislaturperiode 2024 mindestens 40 Bundesstaaten an entsprechenden Gesetzen. Mehr als ein Dutzend Bundesstaaten haben Regelungen zur Nutzung von Deepfakes in politischen Kampagnen erlassen.
Je nach Bundesstaat drohen Gefängnis- und Geldstrafen; Kandidaten können auch ihr Amt oder ihre Nominierung verlieren. Ein einheitlicher nationaler Rechtsrahmen fehlt weiterhin. Kompetenzkonflikte zwischen Behörden erschweren die Regulierung. Der parteiübergreifende „Protect Elections from Deceptive AI Act“ wurde 2023 im Kongress eingebracht und soll KI-generierte Deepfakes im Wahlkampf verbieten.
Der im April 2024 verabschiedete „TikTok-Divest-or-Ban-Act“ soll ByteDance zum Verkauf von TikTok innerhalb eines Jahres zwingen; andernfalls droht ein Verbot in den USA. Hintergrund sind Sicherheitsbedenken wegen möglicher Zugriffe der chinesischen Regierung auf Nutzerdaten sowie einer möglichen Nutzung TikToks für Propaganda und Desinformation.
Auch die großen Plattformen haben im Vorfeld des Wahljahres 2024 freiwillige Regeln eingeführt, darunter die Kennzeichnung synthetischer Inhalte. Betroffen sind unter anderem X, YouTube, TikTok, Instagram und Facebook. Durch gezielte Eingaben, sogenanntes „Prompting“, lassen sich die Regeln teilweise umgehen.
X verbietet laut eigener Richtlinie synthetische, manipulierte oder aus dem Zusammenhang gerissene Medien, die Menschen täuschen oder
