Antisemitismus an Berliner Hochschulen: Wie die HU Berlin zum Schauplatz politischer Konflikte wurde
Berlin, HU Berlin – der 6. Oktober 2026. Seit dem 7. Oktober 2023 fühlt sich die Stadt für viele jüdische Menschen verändert an. Damals wurden in Neukölln Süßigkeiten verteilt, während bekannt wurde, dass die Hamas in Israel ein Massaker verübt hatte. Elf Tage später warfen Vermummte Molotowcocktails auf eine Synagoge in der Brunnenstraße. Die Täter wurden nicht ermittelt, das Verfahren wurde 2024 eingestellt.
Seither berichten jüdische Menschen von zunehmenden Anfeindungen, Einschüchterungen und Gewalt. Bei propalästinensischen Demonstrationen skandierten Teilnehmer „From the river to the sea“; an Hochschulen wurden Hamas-Symbole angebracht. Die Zahlen der Recherche zeichnen ein nüchternes, ziemlich beklemmendes Bild.
Mehr antisemitische Vorfälle, mehr Angst im Alltag
Die Recherche beruft sich auf die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin, kurz RIAS. Sie dokumentierte 2022 insgesamt 848 antisemitische Vorfälle. 2024 waren es 2521, 2025 noch 2197. Bereits im letzten Quartal 2023 sprang der monatliche Durchschnitt von zuvor 53 auf 263 dokumentierte Vorfälle.
Die Mehrheit der Betroffenen waren laut RIAS Juden und Israelis oder Menschen, die dafür gehalten wurden. Manchmal reichten dafür eine Kippa, ein jüdisches Symbol oder Hebräisch. Betroffen waren auch Kinder und Jugendliche. Der gelieferte RIAS-Text für 2025 liegt als komprimierte PDF-Rohdaten vor und enthält keinen lesbaren Nachrichtenartikel; zusätzliche Einzelheiten lassen sich daraus deshalb nicht entnehmen.
Bis Ende Mai 2025 registrierte die Berliner Polizei seit dem Hamas-Massaker 674 propalästinensische Demonstrationen und 714 damit verbundene Gewaltdelikte, darunter Widerstand bei Kontrollen und Festnahmen. RIAS dokumentierte allein 2024 bei 239 Versammlungen antisemitische Vorkommnisse.
Bei Ausschreitungen am 18. und 19. Oktober 2023 wurden 65 Polizeibeamte verletzt. Zwischen dem 7. Oktober 2023 und Ende März 2024 zählte der Senat insgesamt 151 verletzte Polizeikräfte bei Demonstrationseinsätzen mit Bezug zum Nahostkonflikt. Bei der Kundgebung „Nakba 77“ am 15. Mai 2025 in Kreuzberg wurde ein Polizist zu Boden gebracht und massiv getreten. Er musste stationär behandelt werden; insgesamt wurden elf Einsatzkräfte verletzt.
Hochschulen als Rückzugsorte – und als Schauplätze
Auch an Berliner Hochschulen nahm die Zahl antisemitischer Vorfälle laut RIAS zu: 2021 wurde ein Fall registriert, 2022 waren es zwei. 2023 stieg die Zahl auf 29, davon 25 nach dem 7. Oktober. 2024 wurden 51 Fälle dokumentiert, 2025 waren es 55.
Jüdische und israelische Studierende berichteten, Hochschulräume und Kontakte zu Kommilitonen zu meiden. Das klingt zunächst nach einer stillen Vorsichtsmaßnahme, bedeutet im Alltag aber: andere Wege über den Campus, weniger Gespräche, ständig der kurze Blick zur Tür.
Im Mai 2024 besetzten propalästinensische Aktivisten das Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität. Zurück blieben rote Dreiecke, wie sie in Hamas-Propagandavideos zur Markierung von Angriffszielen verwendet werden, sowie eine positive Darstellung der Qassam-Brigaden.
Im Oktober 2024 drangen rund 40 Vermummte in das Präsidiumsgebäude der Freien Universität ein. Nach Angaben der Hochschule wurden Mitarbeiter angegriffen und bedroht, Räume verwüstet und Technik zerstört.
Ein RIAS-Bericht für 2025 dokumentierte außerdem den Fall einer jüdischen Studentin, die wegen ihrer israelischen Staatsbürgerschaft als „Kindermörderin“ beschimpft und zum Verschwinden aufgefordert wurde. Im Februar 2024 schlug ein Kommilitone den jüdischen FU-Studenten Lahav Shapira in Berlin-Mitte nieder und trat ihm gegen den Kopf. Shapira erlitt Gesichtsfrakturen und eine Hirnblutung.
Das Amtsgericht wertete die Tat als antisemitisch und verhängte drei Jahre Haft. Im April 2026 reduzierte das Landgericht die Strafe auf zweieinhalb Jahre und verneinte ein antisemitisches Motiv. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein; das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.
Die Linkspartei und der Streit um die Haltung
Die Recherche stellt die Entwicklung auch in einen Zusammenhang mit der Berliner Linkspartei. Sie gebe der propalästinensischen Protestbewegung politischen Rückhalt, Vertreter der Partei hätten sich früh an propalästinensischen Demonstrationen beteiligt.
Im Oktober 2024 verließen Klaus Lederer, Elke Breitenbach, Sebastian Scheel, Carsten Schatz und Sebastian Schlüsselburg die Partei. Sie nannten unter anderem als Grund, dass sie sich mit ihrer Forderung nach einer klaren Haltung gegen Antisemitismus innerhalb der Partei immer weniger durchsetzen konnten.
Auf einem Landesparteitag wurde ein Antrag gegen Antisemitismus so verändert, dass die Antragsteller ihn zurückzogen. Gestrichen wurde unter anderem die Forderung, jüdisches Leben „unter Einsatz rechtsstaatlicher Mittel“ zu schützen.
Auf dem Bundesparteitag in Potsdam im Juni 2026 trugen viele junge Delegierte Kufiyas. Die Linkspartei erklärte die Einstufung des israelischen Vorgehens im Gazastreifen als Völkermord zur offiziellen Position. Zugleich bekannte sie sich zum Existenzrecht Israels und zum Schutz jüdischen Lebens.
Im September 2026 ließ sich der Linke-Abgeordnete Ferat Koçak auf einer Wahlparty mit Ibrahim Ibrahim fotografieren. Laut der Plattform democ trat Ibrahim mehrfach bei Demonstrationen der von der EU als Terrororganisation eingestuften PFLP auf und soll den getöteten Hamas-Anführer Yahya Sinwar als „Märtyrerhelden“ bezeichnet haben.
Koçak distanzierte sich anschließend von Gewalt- und Terrorverherrlichung. Die Partei erklärte, Ibrahim sei nicht eingeladen gewesen und nach seiner Identifizierung hinausgewiesen worden.
Für Berlin ist das mehr als ein parteiinterner Krach. Eine mögliche linke Regierende Bürgermeisterin müsste mit einer Partei umgehen, in der die Forderung nach Schutz jüdischen Lebens, die Bewertung des Gaza-Kriegs und die Nähe zu propalästinensischen Protesten hart aufeinanderprallen. Gerade an der HU, wo politische Debatten ohnehin selten leise geführt werden, dürfte diese Frage nicht verschwinden, nur weil der Hörsaal wieder aufgeräumt ist.
