Cyberangriffe auf Hochschulen: HU Berlin untersucht Netzwerkvorfall, Halle möglichen Datenabfluss
An der Humboldt-Universität zu Berlin hat die IT-Abteilung am 12. Oktober 2026 ungewöhnliche Aktivitäten im Netzwerk entdeckt und als sicherheitsrelevant eingestuft. Vorsorglich wurden einzelne Endgeräte und Server isoliert, damit sich ein möglicher Angriff nicht weiter ausbreiten kann. Viel mehr lässt sich derzeit noch nicht sicher sagen – und genau das macht die Lage so unangenehm.
Die HU untersucht den Vorfall gemeinsam mit einem externen spezialisierten IT-Forensikdienstleister. Ein Incident-Response-Team und externe IT-Sicherheitsexperten prüfen, welche Systeme betroffen sind und ob Daten unbefugt ausgeleitet wurden. Die IT-Abteilung empfiehlt Menschen, ihre Passwörter für Online-Konten zu ändern, sofern der Zugriff auf diese Konten über HU-Geräte oder das HU-Netzwerk erfolgte.
Verdacht auf Datenabfluss in Halle
Parallel dazu wurde die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Ziel eines Cyberangriffs auf ihre IT-Systeme. Nach bisherigen Vermutungen könnten Angreifer auf Daten von rund 51.000 Bewerbungen aus mehreren Semestern zugegriffen haben. Der Verdacht auf den möglichen Datenabfluss beruht auf einem Bericht des MDR; das genaue Ausmaß des Vorfalls wird noch untersucht.
Vermutlich betroffen sind Bewerbungen von Studieninteressierten für das Sommersemester 2026 sowie für das Wintersemester 2026/2027. Die Universität geht derzeit davon aus, dass die Daten abgerufen wurden. Möglicherweise bestand außerdem Zugriff auf Dokumente, die im Rahmen der Bewerbungen hochgeladen worden waren.
Nach den bislang bekannten Angaben könnten Unbefugte Bewerbernummern, Vor- und Nachnamen, Adressen, Telefonnummern und private E-Mail-Adressen eingesehen haben. Genannt werden außerdem Geschlecht, Geburtsdatum und Geburtsort, Zulassungsstatus, Studiengang und angestrebter Abschluss, Fachsemester, Bewerbungssemester, Verfahrensschritt und Quote.
Bekannt wurde der Vorfall am 14. Oktober 2026. Die Universität richtete daraufhin einen Krisenstab ein, der von Rektorin Prof. Dr. Claudia Becker und Prof. Dr. Stefan Sackmann, Prorektor für Digitale Transformation und Transfer, geleitet wird. IT-Mitarbeitende haben Gegenmaßnahmen eingeleitet und arbeiten den Vorfall weiter auf.
Betroffene werden laufend informiert. Die zuständigen Behörden wurden eingeschaltet, außerdem erstattete die Universität Strafanzeige. Weitere Informationen stellt die Martin-Luther-Universität unter www.uni-halle.de/datenschutzvorfall bereit.
Ein bekanntes Problem an Hochschulen
Dass Universitäten ins Visier geraten, kommt nicht aus heiterem Himmel. Cyberangriffe auf Hochschulen haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Das Spektrum reicht von Phishing- und Spam-Attacken bis zu mutmaßlich staatlich gesteuerten Operationen. Für Hochschulen und Wissenschaftspolitik ist Cybersicherheit damit zu einem zentralen Handlungsfeld geworden – nicht gerade der Stoff, den man sich zwischen Seminarplan und Mensa holen wünscht.
Wie unterschiedlich die Länder damit umgehen, untersucht die Studie „Cybersicherheit an Hochschulen: Föderale Ansätze und (gemeinsame) Wege“ des HIS-Instituts für Hochschulentwicklung. Sie wurde am 1. Oktober 2025 von Mathias Stein, Maren Lübcke und Harald Gilch veröffentlicht und trägt den Titel HIS-HE:Forum 3|2025 „Cybersicherheit an Hochschulen“. Die Untersuchung betrachtet erstmals systematisch, wie die Bundesländer die Cybersicherheit an Hochschulen fördern.
Als Datengrundlage dienten eine Dokumentenanalyse sowie zwei Befragungen von Wissenschaftsministerien und Computer Emergency Response Teams, kurz CERTs. Erhoben wurde im Sommer 2024. Die Länder verfolgen demnach unterschiedliche Wege: Einige haben umfassende Strategien und zentrale Anlaufstellen, andere setzen stärker auf autonome Lösungen der einzelnen Hochschulen.
Unterschiede zeigen sich vor allem bei der Verankerung von Zuständigkeiten, bei Unterstützungsleistungen und bei der Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Landesstrukturen. CERTs sind in vielen Ländern für Hochschulen zuständig, werden von den Hochschulen allerdings nur in geringem Umfang genutzt.
Zwischen Landesrecht und Krisenstab
Den Handlungsrahmen bilden unter anderem die NIS-2-Richtlinie, Landes-IT-Gesetze und die föderale Verteilung von Zuständigkeiten. Cybersicherheit, so die Studie, ist dabei nicht bloß eine technische Angelegenheit. Es geht ebenso um strategische und organisatorische Fragen: Wer entscheidet im Ernstfall? Wer informiert Betroffene? Wer übernimmt, wenn Systeme vom Netz müssen?
Hochschulen sollen Krisenmanagementprozesse etablieren und Zuständigkeiten eindeutig regeln. Ministerien wiederum sollen Unterstützungsstrukturen bereitstellen und geeignete institutionelle Rahmenbedingungen schaffen. Länderübergreifende Kooperation und systematischer Wissenstransfer gelten als wichtige Voraussetzungen, damit Hochschulen widerstandsfähiger werden.
Die Studie führt ihre Analyse zunächst über Ziele und Methodik, Cyberangriffe und Bedrohungslage sowie Untersuchungsziel und Fragestellungen ein. Danach folgen Erhebungsmethodik und die Rahmenbedingungen für Cybersicherheit mit aktuellen Bedrohungslagen, rechtlichen Grundlagen und föderalen Zuständigkeiten.
Anschließend wertet sie die Umfragen von Länderministerien und CERTs aus – darunter ministerielle Cybersicherheitsansätze und CERT-Unterstützungsleistungen. Ein großer Abschnitt widmet sich der Cybersicherheit an Hochschulen in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. Den Abschluss bilden Erkenntnisse und Bewertung sowie das Literaturverzeichnis.
Während in Halle der mögliche Zugriff auf Bewerbungsdaten aufgearbeitet wird und die HU Berlin mit Forensikdienstleister, Incident-Response-Team und externen IT-Sicherheitsexperten nach der Spur im Netzwerk sucht, bleibt die praktische Frage ziemlich nüchtern: Welche Systeme waren offen, welche Daten sind tatsächlich abgeflossen – und wer muss als Nächstes informiert werden?
