Berlin hat gewählt – und die Linkspartei ist mit kräftigem Rückenwind aus der Wahl gegangen. Rund ein Viertel der Wähler stimmte laut dem zugrunde liegenden Bericht für sie, bei den unter 35-Jährigen war es fast jeder Zweite. Unter den 16- bis 24-jährigen Berlinerinnen und Berlinern lag ihr Anteil bei 46 Prozent. Das ist viel, gerade in einer Stadt, in der Kriminalität, Drogenhandel, eine schwerfällige Verwaltung und Unterrichtsausfälle zum politischen Alltag gehören.

Auf der Wahlparty der Linken traf dieser Erfolg allerdings auf eine Debatte, die schnell unangenehm wurde. Als Themen standen die Enteignung von Vonovia und Solidarität mit Palästinensern im Raum. Zugleich waren Mitglieder des Remmo-Clans, Hamas-Sympathisanten und laut ZDFheute ein Clanchef anwesend. Bei einer Veranstaltung fiel der Slogan „Yallah, yallah Intifada“, bei einer anderen die Aussage „Tod der israelischen Armee“. Das sind keine Nebengeräusche, die sich einfach wegwischen lassen.

Laut, gereizt und mit alten Vorwürfen

In der ZDF-Sendung von Maybrit Illner diskutierten Heidi Reichinnek und Alexander Dobrindt über Antisemitismus und Kontakte der Linkspartei zu radikalen Gruppen. Die Gesprächsrunde geriet wiederholt aus dem Takt: Die Beteiligten redeten gleichzeitig, unterbrachen einander, wurden laut. Im Fernsehen wirkt das schnell wie ein Streit im überfüllten Küchenraum – nur dass es hier um eine mögliche politische Zukunft Berlins ging.

Reichinnek erklärte, die Linkspartei suche lediglich Nähe zu Macht und Politik. Sie distanziere sich von Antisemitismus und organisierter Kriminalität; die Vorwürfe seien Teil einer rechten Kampagne. Es gebe klare Parteibeschlüsse gegen solche Positionen. Dobrindt hielt dagegen und warf der Partei vor, Antisemitismus sei in ihren Reihen weit verbreitet.

Als Beispiele für die Kritik werden Kontakte einzelner Parteimitglieder zum Remmo-Clan, die Präsenz von Hamas-Unterstützern im Umfeld der Partei und die Bewertung polizeilicher Maßnahmen gegen arabische Clan-Kriminalität als rassistisch genannt. Bundestagsabgeordneter Ferat Koçak entschuldigte sich zudem wegen eines Chats mit einem weiteren Clanmitglied und zog sich vorerst aus der Linksfraktion zurück.

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Spitzenkandidatin Elif Eralp bekannte sich ausdrücklich zum Schutz jüdischen Lebens und distanzierte sich von antisemitischen Äußerungen innerhalb der Partei. Junge Wähler nehmen diese Abgrenzung wahr, ohne deshalb jede Kontroverse abzuhaken. Julia, 23, hält die Kritik an bestimmten Aussagen für berechtigt, findet manche Debatten aber übertrieben. Eine 20-jährige Schülerin sagt, sie stimme nicht allen Positionen der Linken zu – wie bei jeder Partei. Nikolas, 24, verweist auf Eralps klare Distanzierung.

Ob die Berliner Linke künftig die Regierung anführen kann, ist dennoch offen. Bei SPD und Grünen gibt es dazu skeptische Stimmen. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf sagte, es gebe ein strategisches Interesse, ein Bündnis mit der Linkspartei zu verhindern. Im Artikel überzeugt diese Erklärung allerdings nicht recht, weil große Teile der SPD selbst keine Koalition mit der Linken wollten.

Mieten, Zukunft und ein politischer Protest

Der 17-jährige Auszubildende Kenar begründet seine Wahl unter anderem mit dem geplanten Mietendeckel. Das Programm sei der beste Zukunftsplan für Berlin. Bei den jungen Wählerinnen und Wählern geht es also nicht nur um Parteistreit und Schlagzeilen, sondern ziemlich handfest um Wohnen, Geld und die Frage, ob man in dieser Stadt bleiben kann.

Politikwissenschaftlerin Jasmin Riedl von der Universität der Bundeswehr München erklärt den Erfolg mit fehlender Repräsentation durch die regierenden Parteien, politischen Zukunftsangeboten der Ränder und einer ausgeprägten Protesthaltung. Junge Menschen hätten durch das Aussterben von Schoa-Zeitzeugen eine andere Verbindung zur deutschen Geschichte als frühere Generationen. Polarisierende und provokante Aussagen könnten Aufmerksamkeit erzeugen und über soziale Medien besonders viele junge Menschen erreichen.

Der starke Rückhalt für Randparteien zeigt sich laut Riedl auch bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt: In der jungen Wählergruppe lagen Linke und AfD dort am stärksten. Riedl sieht dafür auch eine Mitverantwortung bei den Parteien der politischen Mitte, die jungen Menschen überwiegend keine überzeugenden Zukunftsperspektiven böten. Ihre Forderung: bessere Zukunftsvisionen – und die Bereitschaft, sie politisch durchzusetzen.

Nach den Landtagswahlen sieht der Artikel außerdem die Reformvorhaben der Bundesregierung gefährdet. Die SPD lehne weitere Einschnitte zur Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme ab. Im Gesundheitswesen geht es unter anderem um die Finanzierung der Gesundheitskosten für Arbeitslose aus Steuermitteln, eine Verringerung der Zahl gesetzlicher Krankenkassen und die bislang begrenzten Einsparungen. Klüssendorf erklärte, große Veränderungen seien bisher nicht beschlossen worden.

Dobrindt bezeichnete „Gerechtigkeit“ als Ziel der Regierung. Reichinnek kritisierte die geplanten Einsparungen als „sozialen Kahlschlag“ und forderte eine bessere Politik des Kanzlers. Innerhalb der Union wird der kooperative Kurs von Friedrich Merz gegenüber der SPD laut Artikel kritisch gesehen, zugleich warnen Stimmen aus der Union vor sozialen Verwerfungen. Für die SPD könnte das politisch durchaus nützlich sein: Künftig kann sie möglicherweise noch mehr Vorhaben durchsetzen – oder verhindern.

Was junge Menschen erreicht – und was an ihnen vorbeigeht

Die Studie „Jugend wählt“ der Friedrich-Ebert-Stiftung untersucht die Einstellungen von mehreren tausend 15- bis 20-Jährigen zu Wahlalter, politischer Information und Parteien anlässlich der Europawahl 2024. Damals durften Jugendliche in Deutschland erstmals ab 16 Jahren wählen. Zeitgleich galten bei Kommunalwahlen in acht Bundesländern unterschiedliche Altersgrenzen: Wahlalter 16 in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und bei Stichwahlen in Thüringen; Wahlalter 18 in Sachsen, dem Saarland, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.

Das brachte gerade politikferne Gruppen durcheinander. Bei den 16- und 17-Jährigen wussten teilweise nur vier von fünf Befragten, dass sie bei der Europawahl wahlberechtigt waren. Bei den 18- bis 20-Jährigen war die korrekte Einschätzung besonders selten, wenn parallel Kommunalwahlen mit Wahlalter 18 stattfanden. Bildung und Alter spielten eine Rolle, ebenso die unterschiedlichen Regeln bei parallelen Wahlen.

Keine der vorgelegten Aussagen zur Debatte über eine Absenkung oder Anhebung des Wahlalters fand breite Zustimmung. Am wenigsten Ablehnung gab es bei den Sätzen, 16-Jährige seien noch nicht ausreichend reif zum Wählen und nur Personen mit ausreichendem Wissen sollten wählen dürfen. Jugendliche ohne Abitur oder ohne geplante Hochschulreife standen einer Ausweitung des Wahlrechts zurückhaltender gegenüber. Eine Wahlaltersgrenze für ältere Menschen wurde klar abgelehnt, ebenso die Möglichkeit, dass 16-Jährige in Parlamente gewählt werden. Am stärksten lehnten die Befragten ein Familienwahlrecht ab, bei dem Eltern zusätzliche Stimmen für minderjährige Kinder abgeben; besonders deutlich war diese Ablehnung bei formal höher Gebildeten.

Bei der Einschätzung der Reife von 16-Jährigen zeigten sich Unterschiede nach Alter: 16- und 17-Jährige bewerteten 18- bis 20-Jährige skeptischer als jüngere Befragte. Nach Geschlecht, Wohnort sowie Ost- und Westdeutschland fielen die Bewertungen insgesamt ähnlich aus. Die unterschiedlichen Wahlaltersgrenzen in Deutschland wurden nicht stark als Problem bewertet.

Mit Zeitung, Radio und Fernsehen informieren sich junge Menschen nur selten über Politik. Mehr als die Hälfte nutzt Zeitung und Radio dafür überhaupt nicht. Durchschnittlich kommt Radio auf 0,9 Tage pro Woche, Zeitung auf 1,2 und Fernsehen auf 1,5 Tage. Internet und soziale Medien werden häufiger genutzt, allerdings längst nicht von allen: Viele informieren sich täglich, ein erheblicher Teil kommt auch online kaum mit Politik in Kontakt.

YouTube, WhatsApp und Instagram dominieren die App-Nutzung. Bei 15-Jährigen gewinnt TikTok gegenüber Instagram an Bedeutung; politischer Inhalt ist dort vergleichbar häufig wie auf X/Twitter. Die Beiträge sind oft parteipolitisch geprägt, die AfD ist in diesen Netzwerken besonders stark präsent – vor allem bei 15-Jährigen. Soziale Medien machen politische Informationen also leichter zugänglich und zugleich leichter vermeidbar. Beides stimmt.

Zwischen Großstadt und Land, Bildung und Parteifarbe

Die Studie zeigt, wie stark sich die wahrgenommene Wählbarkeit und die Einschätzung von Parteianhängerschaften zwischen