Heute, am 4. Oktober 2026, richtet sich der Blick der internationalen Wissenschaft nach Stockholm – und ein Stück weit auch nach Berlin. Ab Montag werden die diesjährigen Nobelpreise in Medizin beziehungsweise Physiologie, Physik und Chemie bekannt gegeben. Wer am Ende tatsächlich ausgezeichnet wird, lässt sich vorher nicht sicher sagen. Die Mitglieder der Nobelkomitees bleiben geheim, und die endgültige Entscheidung fällt erst in der letzten Sitzung kurz vor der Bekanntgabe.

Trotzdem wird in der Wissenschaft oft schon Jahre vorher spekuliert. Auch Forschende aus dem Großraum Berlin gelten als mögliche Kandidaten. Der Tagesspiegel stellt sechs Berliner Wissenschaftler vor, die für einen Nobelpreis infrage kommen könnten. Namen nennt die vorliegende Zusammenstellung allerdings nicht – und vielleicht passt das ganz gut zu einem Preis, dessen spannendster Moment häufig genau darin liegt, dass bis zuletzt niemand Gewissheit hat.

Ein Preis mit langem Gedächtnis

Der Nobelpreis wird seit 1901 jährlich vergeben. Seine Grundlage geht auf den schwedischen Erfinder und Industriellen Alfred Nobel (1833–1896) zurück. In seinem Testament vom 27. November 1895 verfügte Nobel, die Erträge seines Vermögens sollten an jene Menschen gehen, die der Menschheit im vergangenen Jahr den größten Nutzen gebracht hätten.

Vorgesehen waren zunächst fünf Kategorien: Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur und Friedensbemühungen. Die Nobelstiftung wurde am 29. Juni 1900 gegründet, die ersten Preise folgten 1901. Die Verleihung findet jedes Jahr am 10. Dezember statt, dem Todestag Alfred Nobels. Der Friedensnobelpreis wird in Oslo überreicht, alle übrigen Preise in Stockholm.

Seit 1969 gibt es zusätzlich den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Gestiftet wurde er von der Schwedischen Reichsbank. Er steht nicht in Nobels Testament, wird aber häufig „Wirtschaftsnobelpreis“ genannt – eine Bezeichnung, über die sich bis heute streiten lässt.

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Bei seinem Tod hinterließ Nobel rund 31 Millionen schwedische Kronen. Etwa 94 Prozent davon sollten in einen Fonds fließen; die Zinsen waren zu gleichen Teilen auf die fünf ursprünglichen Kategorien zu verteilen. Nobel legte außerdem fest, dass die Nationalität keine Rolle spielen und jeweils die würdigste Person ausgezeichnet werden sollte.

Die praktische Umsetzung war zunächst alles andere als glatt. Das Testament enthielt kaum organisatorische Vorgaben, Erben, Öffentlichkeit und König Oskar II. kritisierten die Stiftung und besonders die Vergabe an Ausländer. Erst am 5. Juni 1898 wurde das Testament von den Erben anerkannt. Die Stiftung konnte 1900 gegründet werden; der König akzeptierte sie später und übergab ab 1902 selbst die Preise.

Aufgebaut wurde die Nobelstiftung von Rudolf Lilljequist und Ragnar Sohlman, Nobels letztem Assistenten. Die Vorbereitung dauerte etwa fünf Jahre, auch weil rechtlich einiges offenblieb. Nobel besaß bei seinem Tod 355 Patente und hatte 100 Fabriken in 20 Ländern aufgebaut. Die Stiftung wird von sechs Direktoren geleitet, verwaltet Preise und Nobelveranstaltungen und organisiert außerdem wissenschaftliche Symposien.

Wer nominiert, wer entscheidet?

Nominierungen dürfen nur ausdrücklich dazu berechtigte Personen einreichen. Eine Selbstnominierung ist ausgeschlossen, die Frist endet am 1. Februar. Vorschläge können unter anderem von früheren Preisträgern, Mitgliedern der zuständigen Nobelkomitees, bestimmten Hochschulprofessoren sowie Mitgliedern wissenschaftlicher und literarischer Akademien kommen. Für den Friedenspreis sind außerdem Abgeordnete, Regierungsmitglieder, internationale Richter und Professoren bestimmter Fachrichtungen vorschlagsberechtigt.

Nominiert werden können nur lebende Personen. Organisationen kommen bislang ausschließlich für den Friedensnobelpreis infrage. Nominierungen und Beratungen bleiben grundsätzlich 50 Jahre geheim – weshalb heutige Spekulationen über mögliche Berliner Preisträger eben Spekulationen bleiben.

Für Physik und Chemie übernehmen Nobelkomitees der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften die Auswahl. Sie bestehen meist aus fünf Mitgliedern. Die Nominierungen werden ab September verschickt, Beratung und Bewertung ziehen sich bis zum Herbst, die Akademie entscheidet am Tag der Bekanntgabe. In der Medizin bereitet ein fünfköpfiges Nobelkomitee die Entscheidung vor; getroffen wird sie von der Nobelversammlung am Karolinska-Institut mit bis zu 50 Professoren.

In der Literatur erstellt ein fünfköpfiges Komitee aus den Vorschlägen zunächst eine lange und dann eine kurze Liste, bevor die Schwedische Akademie im Oktober entscheidet. Den Friedensnobelpreis vergibt das fünfköpfige Norwegische Nobelkomitee. Seine Mitglieder werden vom norwegischen Parlament gewählt; Regierungsmitglieder dürfen nicht dazugehören, seit 2017 gilt das auch formal für Parlamentsmitglieder. Der Wirtschaftspreis folgt einem Verfahren, das dem von Physik und Chemie entspricht, wird aber vollständig von der Schwedischen Reichsbank finanziert.

Wissenschaftliche Preise werden oft erst Jahrzehnte nach der eigentlichen Leistung vergeben. Forschung und Expertenprüfung sollen zeigen, ob eine Entdeckung wirklich trägt. Findet sich kein geeigneter Kandidat, kann die Auszeichnung zunächst zurückgestellt werden. Wird auch im Folgejahr niemand ausgewählt, fließt das Geld zurück an die Stiftung.

Postume Ehrungen sind seit 1974 grundsätzlich ausgeschlossen – außer ein Preisträger stirbt zwischen Bekanntgabe und Verleihung. Ralph M. Steinman erhielt 2011 trotzdem den Medizinpreis, weil das Komitee von seinem bereits erfolgten Tod nichts wusste. William Vickrey wurde 1996 postum mit dem Wirtschaftspreis ausgezeichnet, nachdem er kurz nach der Bekanntgabe gestorben war. Der Friedensnobelpreis wurde bislang zwölfmal verschoben und 19-mal nicht vergeben. Der Literaturnobelpreis 2018 wurde wegen einer Krise der Schwedischen Akademie erst 2019 verliehen.

Medaillen, Geld und die Nobelwoche

Seit 2023 beträgt das Preisgeld 11 Millionen schwedische Kronen pro Kategorie, rund 974.000 Euro. Bei mehreren Preisträgern wird es entweder gleichmäßig oder im Verhältnis einer Hälfte zu zwei Vierteln geteilt. Mehr als drei Personen dürfen sich einen Preis nicht teilen. 1901 waren es 150.800 Kronen je Kategorie; von 2001 bis 2011 lag das Preisgeld bei 10 Millionen Kronen, 2012 wurde es auf 8 Millionen gesenkt, 2017 auf 9 Millionen erhöht und 2020 wieder auf 10 Millionen Kronen angehoben.

Jeder Preisträger erhält eine Urkunde, eine Goldmedaille und das Preisgeld. Die Medaillen für Physik, Chemie, Medizin und Literatur entwarf Erik Lindberg, die Friedensmedaille geht im Entwurf auf Gustav Vigeland zurück. Auf der Vorderseite stehen Alfred Nobel sowie sein Name und seine Lebensdaten; die Rückseite unterscheidet sich je nach Kategorie. Die Wirtschaftsmedaille gestaltete Gunvor Svensson-Lundqvist.

Seit 2012 prägt Svensk Medalj AB die Medaillen. Die schwedischen Exemplare wiegen etwa 175 Gramm und bestehen aus 18-karätigem Gold, die Wirtschaftsmedaille bringt ungefähr 185 Gramm auf die Waage. Bis 1980 wurde 23-karätiges Gold verwendet. Die Urkunden wiederum werden individuell von Künstlern und Kalligrafen gestaltet – kein Exemplar sieht einfach nach Büroablage aus.

Traditionell werden die Preise Anfang bis Mitte Oktober bekannt gegeben, meist in der Reihenfolge Medizin, Physik, Chemie, Literatur, Frieden und Wirtschaft. Die Preisträger erfahren es häufig kurz vorher telefonisch. In Stockholm findet die Zeremonie seit 1926 im Konzerthaus am Hötorget statt und wird vom schwedischen König geleitet. Das Nobelbankett wird seit 1930 meist im Stockholmer Rathaus ausgerichtet; mehr als 1.000 Menschen nehmen daran teil.

Zur Nobelwoche gehören Vorträge, Presseveranstaltungen, Schulbesuche und weitere Termine. Die Nobelvorlesung soll vor der Preisverleihung oder spätestens sechs Monate danach gehalten werden. In Oslo wird der Friedensnobelpreis seit 1990 im Rathaus überreicht. Seit 1994 folgt am Tag danach ein Nobel-Friedenskonzert.

Das Bankett fiel in Friedenszeiten viermal aus: 1907 wegen der Trauer um König Oskar II., 1924, weil kein Preisträger erschien, 1956 aus Protest gegen die Niederschlagung des ungarischen Aufstands und 2020 wegen der COVID-19-Pandemie.

Zahlen, Rekorde und offene Flanken

Bis 2025 wurden die fünf klassischen Nobelpreise 927-mal vergeben: 896 Auszeichnungen gingen an Personen, 31 an Organisationen. Wegen Mehrfachauszeichnungen erhielten tatsächlich 891 Personen und