Wer nach einer Verletzung wieder schmerzfrei durch den Alltag geht, möchte meist schnell zurück auf den Platz, die Laufstrecke oder ins Fitnessstudio. Doch ein beschwerdearmer Gang ist noch kein Freibrief für Training und Wettkampf. Schnelle Richtungswechsel, Laufen, Springen, Rotationen und wiederholte Schlagbewegungen fordern Gelenke, Sehnen und Bänder deutlich stärker als normale Alltagsbewegungen. Wer zu früh loslegt, riskiert neue Beschwerden.

In seiner Wiesbadener Privatpraxis behandelt Dr. med. Jörg Hain Freizeit- und Leistungssportler mit Verletzungen und Überlastungsbeschwerden. Sein Fachgebiet umfasst Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin; außerdem verfügt er über Erfahrung in arthroskopischer und offener Schulter- und Kniechirurgie. Bei geeigneten Befunden setzt er zunächst auf eine konservative Behandlung.

Erst die Ursache, dann der Trainingsplan

Am Anfang steht die Frage, welche Struktur die Beschwerden verursacht, wie sie entstanden sind und was sie später in der jeweiligen Sportart aushalten muss. Ähnliche Schmerzen können nämlich verschiedene Gründe haben. Nach einer Knieverdrehung oder Überlastung kommen etwa Seitenband, Gelenkkapsel, Meniskus oder Kreuzband infrage. Bei Sehnenbeschwerden wird zwischen einer akuten Verletzung und Problemen durch wiederholte Überlastung unterschieden.

Auch die Sportart gibt wichtige Hinweise. Schlagbewegungen können Sehnenansätze am Ellenbogen und die Schulter belasten. Beim Laufen und Springen geraten unter anderem Achillessehne, Ferse und Schienbein unter Druck. Ein Knie, das beim Gehen ruhig bleibt, kann bei einem abrupten Richtungswechsel trotzdem noch nicht stabil genug sein. Ähnlich kann eine Schulter im Alltag funktionieren, bei Überkopf- oder Schlagbewegungen aber streiken.

In der Akutphase geht es zunächst darum, Schmerzen und Entzündungen zu reduzieren. Dafür kann eine zeitlich begrenzte Sportpause nötig sein. Wie lange entlastet wird, hängt vom Beschwerdebild und davon ab, wie sich Schmerzen und Gewebereizung entwickeln. Bessert sich die Situation nicht ausreichend oder liegt eine entsprechende medizinische Indikation vor, kommen zusätzliche konservative Verfahren infrage: radiale oder fokussierte Stoßwellentherapie, Hochenergie-Induktionstherapie, Hochenergie-Lasertherapie sowie ACP oder PRP bei bestimmten Sehnenüberlastungen und Knorpelschäden. Bei ACP und PRP wird aufbereitetes Blutplasma aus Eigenblut verwendet; es soll regenerative Prozesse unterstützen.

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Ist die Entzündung abgeklungen, beginnt der kontrollierte Belastungsaufbau. Zuerst wird die Beweglichkeit wiederhergestellt, anschließend die Belastbarkeit – Schritt für Schritt, nicht nach der Stoppuhr. Physiotherapie begleitet diesen Aufbau. Je nach Bedarf arbeitet Hain mit Physiotherapeuten, Osteopathen, Körpertherapeuten oder Personal Trainern zusammen. Für den Wiedereinstieg kann ein strukturierter Trainingsplan entstehen.

„Fit“ ist kein Testergebnis

Das subjektive Gefühl, wieder fit zu sein, reicht für eine sichere Rückkehr nicht aus. Laut dem Ratgeber von Ortho4Sport ist das Wiederverletzungsrisiko ohne strukturierte Testung zwei- bis dreimal höher. Schmerzfreiheit bildet den tatsächlichen Heilungs- und Funktionszustand nicht zuverlässig ab. Kraftdefizite von 15–20 Prozent oder Ausweichbewegungen bleiben vielen Betroffenen verborgen.

Die Grindem-Studie von 2016 zeigte, dass ausreichende Quadrizeps-Kraftsymmetrie und mindestens neun Monate Abstand zu einer Kreuzbandrekonstruktion das Wiederverletzungsrisiko um bis zu 84 Prozent senken können. Die Kyritsis-Studie kam laut Artikel zu einem ebenso deutlichen Warnsignal: Sportler, die sechs definierte Entlassungskriterien vor der Rückkehr nicht erfüllten, hatten ein vierfach erhöhtes Risiko für eine erneute Kreuzbandruptur.

Bei Ortho4Sport werden dafür mehrere Verfahren eingesetzt. Der Limb Symmetry Index, kurz LSI, vergleicht die verletzte mit der gesunden Seite; als Zielwert für die Sportrückkehr gilt mindestens 90 Prozent. Gemessen werden unter anderem Quadrizepskraft und das Hamstring-Quadrizeps-Verhältnis, gerade nach Knieverletzungen. Hinzu kommen Hop-Tests wie Single-Leg Hop for Distance, Triple Hop und Crossover Hop – auch hier jeweils mit einem Zielwert von mindestens 90 Prozent LSI.

Eine 4D-Bewegungsanalyse erfasst Gelenkwinkel, Beschleunigung und Belastungsverteilung und kann Asymmetrien oder Ausweichbewegungen sichtbar machen, die mit bloßem Auge untergehen. EMG-Biofeedback zeigt die Muskelaktivierung in Echtzeit und prüft deren Symmetrie; damit lässt sich etwa eine verzögerte Quadrizeps-Ansteuerung erkennen. Die Kraftmessplatte misst Bodenreaktionskräfte, Belastungsverteilung und Landungsmechanik. Und dann ist da noch die Psyche: Die ACL-RSI-Skala erfasst Vertrauen in das Gelenk, emotionale Bereitschaft und Angst vor einer erneuten Verletzung.

Diese Angst ist nicht bloß ein Nebengeräusch. Fehlendes Vertrauen kann Bewegungsmuster verändern; eine geringe psychologische Bereitschaft steht unabhängig von der körperlichen Leistungsfähigkeit mit schlechteren Ergebnissen bei der Sportrückkehr in Zusammenhang. Wer bei einem Test durchfällt, bekommt deshalb nicht einfach einen roten Stempel. Der Trainingsplan wird angepasst, das gezielte Aufbautraining gegebenenfalls intensiviert, danach werden die Tests wiederholt.

Rückkehr in Etappen

„Return to Sport“, RTS, beschreibt keinen einzelnen Tag im Kalender, sondern ein Kontinuum mit stufenspezifischen Voraussetzungen. In einer ersten Stufe, „Return to Participation“, sind reduzierte sportliche Aktivitäten möglich, etwa Lauftraining ohne Richtungswechsel. Beim „Return to Sport“ nimmt die Person wieder am regulären Training teil, sportartspezifische Bewegungen funktionieren bereits, das frühere Leistungsniveau muss aber noch nicht erreicht sein. „Return to Performance“ bedeutet schließlich, das Leistungsniveau vor der Verletzung zu erreichen oder zu übertreffen – bei Profis inklusive vollständiger Wettkampfbereitschaft.

Das OSINSTITUT gliedert den Weg in vier aufeinanderfolgende Phasen: Return to Activity, Return to Sport, Return to Play und Return to Competition. Return to Activity baut zunächst Basisfunktionen für Alltag und Sport auf und bleibt weitgehend sportartunspezifisch. Danach beginnt auf dem Spielfeld die sportartspezifische Rehabilitation. Der Sportler trainiert wieder sportartspezifisch und kann teilweise am Mannschaftstraining teilnehmen; verschiedene Schnelligkeitskomponenten gewinnen gegenüber der ersten Phase deutlich an Raum.

Return to Play steht für vollständige Sportfähigkeit: funktionell wiederhergestellt und ohne Einschränkungen. Return to Competition folgt, wenn ein Wettkampf wieder über die vollständige Dauer beziehungsweise den vollständigen Umfang absolviert werden kann. Die Übergänge vom RTA zum RTS und vom RTS zum Return to Play sind fließend. Der RTS-Abschnitt verbindet Rehabilitation und tatsächliche Rückkehr zur Sportart – letzter Abschnitt der Reha, erster Schritt Richtung Wettkampf.

Im Training geht es nicht sofort mit maximalem Tempo oder maximaler Antrittsschnelligkeit los. Nach dem Prinzip „from isolation to integration“ werden Bewegungsabläufe zunächst gezielt geübt und später in komplexere Bewegungen eingebaut. Das Schnelligkeitstraining bereitet anfangs auf die mechanischen Belastungen eines späteren Sprinttrainings vor. Regelmäßige Tests und Re-Tests, wiederholte Belastungserprobungen sowie die schrittweise Gewöhnung an hohe Trainingsumfänge und Belastungsspitzen gehören dazu. Im Mittelpunkt stehen Schnelligkeit, Agilität und Kraft, ergänzt durch Ausdauer und Koordination. Aus den Ergebnissen werden konkrete trainingstherapeutische Maßnahmen und individuelle Trainingspläne abgeleitet.

Die Sportart gibt den Takt vor

Ein Läufer muss längere Laufbelastungen wieder bewältigen können. Tennis- und andere Ballsportler brauchen Sicherheit bei Richtungswechseln, Rotationen und wiederholten Schlägen. Intensiv trainierende oder an Wettkämpfen teilnehmende Sportler haben höhere Anforderungen als Gelegenheitssportler. Genau deshalb werden Rehabilitationsprogramme an drei Profile angepasst: Verletzungsprofil mit Verletzungsart und -schwere, Operationsverfahren und Begleitverletzungen; Sportartprofil mit den nötigen Richtungswechseln, Sprüngen, Kontakten und Ausdauerbelastungen; Patientenprofil mit Alter, Vorverletzungen, Leistungsniveau, beruflichen Anforderungen und persönlichen Zielen.

Genannte Orientierungswerte können dabei nur grobe Leitplanken sein: Nach einem operierten Kreuzbandriss ist eine Rückkehr frühestens nach 9–12 Monaten vorgesehen und nur bei erfüllten RTS-Kriterien. Eine Meniskusverletzung kann – abhängig von Naht oder Teilresektion – 3–6 Monate beanspruchen. Muskelverletzungen an Oberschenkel oder Wade liegen