Am Sonntag ist die Polizei in Hannover mit einem Großaufgebot gegen eine kurdische Gedenkveranstaltung im kurdischen Verein an der Kornstraße vorgegangen. Polizeikräfte in Helmen und Schutzausrüstung betraten die Vereinsräume, beendeten das Treffen und nahmen über mehrere Stunden die Personalien von 96 Menschen auf.

Grundlage des Einsatzes war nach Angaben der Polizei ein richterlicher Durchsuchungsbeschluss. Medienvertreterinnen durften den Einsatzbereich nicht betreten. Die Stadt Hannover hatte die Veranstaltung zuvor im gesamten Stadtgebiet verboten.

Polizei beendet Treffen im Vereinszentrum

Laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF war bereits ein erster Versuch verhindert worden, die Gedenkveranstaltung abzuhalten. Anschließend wechselten die Teilnehmenden in das Vereinszentrum. Der kurdische Dachverband KON-MED bezeichnete die Zusammenkunft als Trauerfeier für Angehörige und Freundinnen von in Kurdistan gestorbenen Kämpferinnen.

Die Stadt Hannover begründete das Verbot mit einem vermuteten Bezug zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans, der PKK. KON-MED erklärte dagegen, die Menschen hätten gemeinsam trauern und der Verstorbenen gedenken wollen. Viele Angehörige von Personen, die vom türkischen Militär getötet worden seien, lebten in Deutschland.

Der Verband warf den Sicherheitsbehörden vor, kurdisches Gedenken unter Generalverdacht zu stellen, und forderte Konsequenzen. Wegen des Verdachts auf Verstöße gegen das Vereinsgesetz leitete die Polizei zahlreiche Strafverfahren ein. Mehrere Teilnehmende berichteten von Schwächeanfällen. Nach Polizeiangaben versorgten Rettungskräfte fünf Personen in den Vereinsräumen.

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Gedenken während des Friedensprozesses

Die Veranstaltung stand auch im Zusammenhang mit dem laufenden Friedensprozess zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Bewegung. Nach Angaben von KON-MED sind seit Beginn dieses Prozesses die Identitäten zahlreicher verstorbener Guerillakämpferinnen bekanntgegeben worden. Deshalb habe es in den vergangenen Wochen in Europa zahlreiche Trauerfeiern gegeben.

Auch in Nordkurdistan und der Türkei hätten Tausende öffentlich Abschied genommen. KON-MED kritisierte, dass solche Veranstaltungen dort möglich seien, während sie in Deutschland durch einen Polizeieinsatz verhindert würden. Am Abend versammelten sich Menschen zu einer kleineren Protestkundgebung gegen das Vorgehen der Polizei.

In Deutschland gilt seit 1993 ein Betätigungsverbot für die PKK. Seit 2010 wird die Mitgliedschaft nach Paragraf 129b des Strafgesetzbuchs verfolgt. Das Bundesinnenministerium bestätigte auf Anfrage, dass die Bundesregierung die Verfolgung kurdischer Aktivist*innen in Deutschland trotz des Friedensprozesses nicht zurückfahren wolle. Diese Aussage kam wenige Tage, nachdem das türkische Parlament Amnestieregelungen für PKK-Angehörige beschlossen hatte.

Weitere Trauerfeiern in Deutschland

Laut ANF fanden auch in Bergisch Gladbach, Frankfurt, Hamburg und Berlin Gedenkveranstaltungen statt, an denen bis zu 2.000 Menschen teilnahmen. Berichte über Polizeieinsätze bei diesen Veranstaltungen lagen nicht vor.

In Bergisch Gladbach sprachen am Wochenende Angehörige über Verstorbene, darunter die Mutter des in Deutschland aufgewachsenen Baran Nûjiyan Salema. Sein Tod war im August 2025 bekanntgegeben worden.

Für die kurdische Community bleibt damit eine merkwürdige Spannung: Während in der Türkei und in Nordkurdistan Tausende öffentlich Abschied nehmen konnten, wurde in Hannover selbst eine Trauerfeier im Vereinsraum zum Gegenstand eines Großeinsatzes. Zwischen Schutzhelm, Personalienaufnahme und den Namen der Verstorbenen blieb kaum Platz für stille Trauer.