Neues Ketec in Reichenbach bündelt Forschung und Ausbildung für klimafreundliche Kältetechnik
In Reichenbach im Vogtland soll ein neuer Forschungsstandort für Kälte- und Klimatechnik entstehen. Auf dem Gelände des früheren Güterbahnhofs plant der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) eine Außenstelle der Technischen Universität Chemnitz. Das künftige Kompetenzzentrum für Kälte- und Klimatechnik, kurz Ketec, soll eine Forschungshalle, Labore und Büros bekommen.
Der Bau soll 2027 beginnen und Ende 2029 fertig sein. Die Baukosten beziffert der SIB mit knapp 33 Millionen Euro. Frühere Planungen nannten für das Forschungsgebäude noch ein Investitionsvolumen von etwa 14,5 bis 19,5 Millionen Euro und einen Baubeginn Ende 2026 oder Anfang 2027. Am 18. Dezember 2023 hatten Vertreter aus Politik, Bildung und Wirtschaft im Neuberinhaus über den damaligen Planungsstand und die nächsten Schritte informiert.
Ein Standort mit langer Vorgeschichte
Reichenbach verfügt laut Stadtverwaltung über eine rund 100-jährige Tradition in der Kältetechnik. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts spezialisierten sich örtliche Betriebe auf die Entwicklung und Produktion von Kälteanlagen. Während der DDR war die Maschinenfabrik NEMA Netzschkau ein bedeutender Entwickler und Hersteller; ihre Produkte wurden weltweit exportiert. Viele Kälteanlagenbauer absolvierten ihre praktische Ausbildung am Standort Netzschkau.
Nach 1990 wurde die Ausbildung in Reichenbach neu gestaltet. Heute bilden das Berufsschulzentrum Vogtland und die Sächsische Kältefachschule die Grundlage für die Ausbildung in der Kältetechnik. Die Kältefachschule befindet sich weiterhin vor Ort. Zusätzlich wird geprüft, ob die Textilfachschule an der Klinkhardtstraße für Bildungsangebote genutzt werden kann.
Die Idee für ein „Bundeskompetenzzentrum für Kälte- und Klimatechnik in Reichenbach im Vogtland“ ist nicht neu: Am 10. August 2019 unterzeichneten mehrere Institutionen eine Kooperationsvereinbarung. Beteiligt sind der Freistaat Sachsen, der Vogtlandkreis, die Stadt Reichenbach im Vogtland, der Bundesinnungsverband des Deutschen Kälteanlagenbauerhandwerks, die Sächsische Innung der Kälte- und Klimatechnik, die Technische Universität Chemnitz, die Berufsakademie Sachsen, das Institut für Luft- und Kältetechnik gGmbH und das Bildungswerk der Sächsischen Wirtschaft.
Zwischen Ausbildung, Forschung und Energiefragen
Das Zentrum soll Forschung, Bildung und Wirtschaft miteinander vernetzen und die Umstellung auf natürliche Kältemittel unterstützen. Bestehende Strukturen der Kälte- und Klimatechnik sollen gebündelt werden. Geplant ist, Innovationen in der kleinteilig strukturierten Kältebranche zu fördern, den bundes- und europaweiten Schulungsbedarf abzudecken, neue Zukunftschancen für die beteiligten Partner zu schaffen und die regionale Wirtschaftsstruktur zu stärken.
Der Handlungsdruck ist beträchtlich. Das Treibhauspotenzial derzeit üblicher synthetischer Kältemittel liegt laut den Angaben der Stadt 2.000- bis 4.000-mal höher als das von CO₂. Kälteanwendungen verbrauchen in Deutschland rund 16 Prozent des Stroms – Tendenz steigend. Stromverbrauch und konventionelle Kältemittel belasten damit die Umwelt.
Auch an der TU Chemnitz wird bereits geforscht: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickeln ein Kältenetz mit Speichern. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) erklärte, das Bundeskompetenzzentrum werde in Deutschland und Europa Maßstäbe für die kommenden Jahrzehnte setzen.
Warum natürliche Kältemittel wichtiger werden
Die EU-Verordnung zu fluorierten Treibhausgasen, kurz F-Gase, soll den Einsatz von Fluorkohlenwasserstoffen (HFKW) deutlich reduzieren. Dadurch gewinnen natürliche Kältemittel in der modernen Kältetechnik an Bedeutung. Dazu zählen Ammoniak (NH₃), Kohlendioxid (CO₂), Kohlenwasserstoffe wie Propan und Wasser (H₂O). Sie haben ein deutlich geringeres Treibhauspotenzial und tragen nicht zum Abbau der Ozonschicht bei.
Ganz ohne neue Fragen geht das allerdings nicht. Beim Abbau einiger fluorierter Kältemittel entsteht Trifluoressigsäure (TFA). Sie gilt als persistent und umweltschädlich, kann sich in der Umwelt anreichern und Wasserressourcen sowie Ökosysteme beeinträchtigen. Für die weitere Forschung an Kälteanlagen werden deshalb Technologien mit natürlichen Kältemitteln eingesetzt.
Forschungsbedarf besteht bei der Deckung des steigenden Bedarfs an nachhaltigen Kältelösungen, der energetischen Optimierung und der Entwicklung von Sicherheitskonzepten. Ebenso geht es um die systemische Einbindung von Kälteanlagen und die Modernisierung bestehender Anlagen. Als Alternative zu Kompressionskreisläufen wird die Weiterentwicklung von Adsorptions- und Absorptionskälteanlagen mit Wasser als Kältemittel untersucht.
Die FuE-Leistungen reichen von Konzepten zur Reduzierung der Propanfüllmenge bis zur thermodynamischen Bewertung von Wärmeübertragern, Verdichtern und Verdampfern mit klimafreundlichen Kältemitteln. Hinzu kommen akustische und strukturdynamische Bewertungen von Verdichtern und Geräten, Ermüdungsanalysen von Verbindungen und Kältekreisen sowie Simulationen von Komponenten, Geräten und Anlagen.
Auf dem früheren Güterbahnhof soll dafür nun der passende Ort entstehen: mit Forschungshalle, Laboren und Büros – und mit einer Verbindung aus Ausbildung, angewandter Forschung und regionaler Industrie, die in Reichenbach schon lange gewachsen ist.
