Rhein-Main-Universitäten werden erste länderübergreifende Exzellenzuniversität Deutschlands
Von der Uni Frankfurt aus gesehen ist es ein ziemlich großer Schritt: Die Allianz der Rhein-Main-Universitäten (RMU) mit der TU Darmstadt, der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz erhält erstmals den Titel „Exzellenzuniversität“ für Hessen. Die Entscheidung trafen der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft im bundesweiten Wettbewerb.
Der Status gilt ab dem kommenden Jahr, also ab Januar 2027. Sieben Jahre lang fließen zunächst insgesamt 155 Millionen Euro an die RMU. Das Geld soll die internationale Stellung deutscher Forschung stärken – und der Allianz neben zusätzlicher Finanzierung auch mehr Renommee und Anziehungskraft für Spitzenforscher, Nachwuchswissenschaftler und Studierende verschaffen.
Ein Verbund über Ländergrenzen hinweg
In der aktuellen Runde hatten sich elf Universitäten und Universitätsverbünde beworben. Die RMU ist der erste bundesländerübergreifende Verbund, der den Exzellenztitel erhält. Hessen und Rheinland-Pfalz arbeiteten für die Bewerbung politisch eng zusammen. Der mittelhessische Verbund „H-Core“ aus den Universitäten Gießen und Marburg wurde dagegen nicht ausgewählt.
Zusammen kommen die drei RMU-Universitäten auf rund 1.500 Professuren und mehr als 90.000 Studierende. Gegründet wurde die Allianz 2015, um Kompetenzen unter anderem in Gesundheit, IT sowie Natur- und Gesellschaftswissenschaften zu bündeln. Ihr gemeinsamer Antrag in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“ trägt den Namen „RMU-EXCITE – Excellent. Collaborative. Transformative.“. Dahinter steht das Ziel, die Allianz zu einem international führenden Zentrum für Spitzenforschung auszubauen und Antworten auf komplexe wissenschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen zu entwickeln.
Zur Forschungskultur, die sich die RMU gibt, gehört ausdrücklich die Verbindung von Wissenschaft und Gesellschaft. Dialog, Teilhabe und die gemeinsame Gestaltung von Wissen sollen als Bestandteile wissenschaftlicher Exzellenz gelten. Gemeinsame und ergänzende Angebote in Forschung und Lehre sollen die Attraktivität der Allianz erhöhen; Wissenschaftlerinnen und Beschäftigte sollen besser gefördert, Synergien bei Infrastruktur und Wissenstransfer genutzt werden. Die Rhein-Main-Region möchte sich dadurch als international sichtbares Wissenschaftszentrum profilieren.
Fünf Cluster als Eintrittskarte
Voraussetzung für die zweite Stufe der Exzellenzstrategie war der Erfolg in der ersten Stufe: Universitäten und Verbünde mussten international wettbewerbsfähige Forschungsfelder vorweisen. Die RMU war 2026 mit fünf Exzellenzclustern erfolgreich. Im Mai wurden fünf Clusterinitiativen der Allianz für eine Förderung ab 2026 bewilligt.
In Darmstadt geht es um die Entwicklung neuer Systeme der Künstlichen Intelligenz. Frankfurt erforscht molekularbiologische Prozesse bei Erkrankungen. In Mainz stehen Teilchenphysik sowie der Bau und Betrieb eines Teilchenbeschleunigers im Mittelpunkt. Exzellenzcluster können fachübergreifende Forschungsfelder langfristig bearbeiten, Infrastruktur mit außeruniversitären Partnern weiterentwickeln, wissenschaftlichen Nachwuchs ausbilden und internationale Spitzenkräfte gewinnen.
Die Exzellenzuniversitätsförderung ist die zweite und abschließende Stufe der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern. Während die Förderlinie „Exzellenzcluster“ projektbezogen international wettbewerbsfähige Forschungsfelder unterstützt, stärkt die Linie „Exzellenzuniversitäten“ dauerhaft einzelne Universitäten oder Verbünde und baut deren internationale Spitzenstellung in der Forschung aus. Einzeluniversitäten benötigen dafür mindestens zwei, Universitätsverbünde mindestens drei Exzellenzcluster. Ein Erfolg bringt neben Bundes- und Landesmitteln auch nationale und internationale Sichtbarkeit; international gilt das Programm als Förderung wissenschaftlicher Spitzeninstitutionen.
Geldsegen neben Sparrunde
Die Auszeichnung fällt allerdings in eine angespannte Zeit an hessischen Hochschulen. Mittel aus dem Bauprogramm HEUREKA sollen nicht wie geplant bis 2031, sondern erst bis 2036 eingesetzt werden. Im laufenden Jahr mussten hessische Hochschulen 30 Millionen Euro einsparen. In Darmstadt wurden zwei Institute geschlossen, an der Universität Frankfurt für das kommende Wintersemester 455 Studienplätze gestrichen. Das passt nicht ganz zur glänzenden Nachricht aus dem Exzellenzwettbewerb – und genau deshalb dürfte sie an den Hochschulen unterschiedlich aufgenommen werden.
Die Exzellenzstrategie ist das wichtigste Bund-Länder-Programm zur Förderung universitärer Spitzenforschung in Deutschland. Bund und Länder beschlossen 2016 ihre Weiterentwicklung aus der Exzellenzinitiative, die von 2007 bis 2017 lief. Die Strategie soll wissenschaftliche Spitzenleistungen ermöglichen, Profile der Universitäten schärfen, Kooperationen im Wissenschaftssystem fördern und langfristige, strategische Investitionen unterstützen.
Die im März 2026 veröffentlichten Evaluationsergebnisse bestätigen laut dem zuständigen Artikel bereits höhere internationale Sichtbarkeit in der Spitzenforschung, Fortschritte bei angewandter Forschung und Wissenstransfer sowie Weiterentwicklungen bei Personal, Lehre, Gleichstellung und Vielfalt. Auch für andere Hochschulen habe die Förderung Impulse und Vorbildwirkung entfaltet.
Wer entscheidet – und wie geht es weiter?
Über die Aufnahme in die Förderung entschied die Exzellenzkommission aus internationalen Experten sowie Wissenschaftsministerinnen und Wissenschaftsministern von Bund und Ländern. Sie besteht aus 39 Expertinnen und Experten aller Wissenschaftsbereiche sowie den zuständigen Bundes- und Landesministerinnen und -ministern für Wissenschaft und Forschung. Die Wissenschaft verfügt über die Stimmenmehrheit. Maßgeblich ist die wissenschaftliche Qualität.
DFG und Wissenschaftsrat führen die Verfahren im Auftrag von Bund und Ländern durch: Die DFG ist für die Auswahl der Exzellenzcluster zuständig, der Wissenschaftsrat für die Exzellenzuniversitäten. International anerkannte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bewerten Anträge und Selbstberichte. Das Expertengremium bringt inter- und transdisziplinäre Expertise mit; auch wissenschaftsbereichsübergreifende Vorhaben sind möglich. Gefördert wird in beiden Linien ausschließlich nach wissenschaftlichen Kriterien.
Am 22. Mai 2025 beschloss die Exzellenzkommission die Förderung von 70 Exzellenzclustern ab 2026. Am 2. Oktober 2026 folgte die Entscheidung über fünf weitere Exzellenzstandorte. Sie kommen zu zehn bestehenden Exzellenzuniversitäten hinzu, die im Frühjahr 2026 positiv evaluiert wurden. Neben der RMU wurden als neu hinzugekommene Exzellenzuniversitäten und -verbünde das Ruhr Innovation Lab mit der Ruhr-Universität Bochum und der TU Dortmund, die Universität Freiburg, die Friedrich-Schiller-Universität Jena und die Universität zu Köln genannt.
Zu den bestehenden Exzellenzuniversitäten und -verbünden zählen RWTH Aachen, Berlin University Alliance, Universität Bonn, TU Dresden, Universität Hamburg, Universität Heidelberg, Karlsruher Institut für Technologie, LMU München, TU München und Universität Tübingen.
Ab 1. Januar 2027 stellen Bund und Länder jährlich 747 Millionen Euro bereit: 539 Millionen Euro für Exzellenzcluster und 208 Millionen Euro für Exzellenzuniversitäten und -verbünde. 75 Prozent kommen vom Bund, 25 Prozent vom jeweiligen Sitzland. Exzellenzuniversitäten werden dauerhaft gefördert, müssen aber alle sieben Jahre in einer Evaluation nachweisen, dass die Fördervoraussetzungen weiterhin erfüllt sind. Bei Exzellenzclustern dauert eine Förderperiode sieben Jahre, eine zweite Förderperiode von weiteren sieben Jahren ist möglich; die Förderlinie wird ebenfalls alle sieben Jahre ausgeschrieben.
Der Fahrplan der zweiten Förderphase war eng getaktet: Im August 2025 reichten bestehende Einrichtungen ihre Selbstberichte ein, Mitte November 2025 endete die Frist für Neuanträge. Ortsbesuche bestehender Einrichtungen fanden von Oktober bis Dezember 2025 statt, das Expertengremium bewertete die Evaluationsergebnisse im März 2026. Die Ortsbesuche der Neuanträge folgten von April bis Juni 2026, im Oktober 2026 fiel die Förderentscheidung, im Januar 2027 beginnt die Förderung der neuen Exzellenzuniversitäten und -verbünde.
Für die RMU-Projektleitungen ist die Mailadresse exstra@rhein-main-universitaeten.de angegeben. Ansprechpartnerinnen sind Annabel Bokern von der Stabsstelle Exzellenzstrategie der Goethe-Universität, Dr. Amelie Scheu vom Projekt Exzellenzstrategie der Johannes Gutenberg-Universität und Dr. Matthias Adam aus dem Dezernat Struktur und Strategie der TU Darmstadt.
Ein erster Bericht über die Erfahrungen mit den beiden Förderlinien ist für Sommer 2027 vorgesehen. Danach wollen Bund und Länder die Ergebnisse gemeinsam diskutieren. In Frankfurt dürfte bis dahin nicht nur über Geld und Glanz gesprochen werden, sondern auch darüber, wie viele Menschen von diesem neuen Status tatsächlich etwas merken.
