Aufklärung und Dekolonisierung: ZKF diskutiert Europas Vereinnahmungen kritischen Denkens
Am Mittwoch, 4. November 2026, geht es online um eine Frage, die gern in großen Begriffen daherkommt und trotzdem sehr konkret in unseren Alltag hineinragt: Wie lässt sich die Aufklärung vor ihren europäischen Vereinnahmungen retten? Der ZKF Public Talk „Rescuing the Enlightenment from the Europeans“ findet von 17:30 bis 19:00 Uhr ausschließlich per Zoom statt.
Eingeladen ist Prof. Dr. Nikita Dhawan von der TU Dresden. Moderiert wird der Vortrag von Prof. Dr. Kirsten Mahlke. Veranstaltet wird der Abend vom ZKF und dem Graduiertenkolleg „Europa nach dem Eurozentrismus“. Die Zoom-Meeting-ID lautet 915 3170 7702. Rückfragen nimmt service.zkf@uni-konstanz.de entgegen.
Zwischen Aufklärung und Dekolonisierung
Postcolonial Studies untersucht die wirtschaftlichen, gesellschaftspolitischen und diskursiven Hinterlassenschaften des kolonialen Weltbilds – und fragt, wie sie bis heute fortbestehen. Das Fach wird allerdings selbst scharf angegriffen: unter anderem als anti-aufklärerisch, eurozentrisch und antisemitisch. Dhawans Vortrag setzt genau bei dieser Spannung an. Wie bestimmen Postcolonial Studies angesichts solcher Vorwürfe Wesen und Reichweite kritischen Denkens neu?
Die Vortragende will zeigen, dass entsprechende Zuschreibungen häufig auf einem Missverständnis des Projekts der Dekolonisierung beruhen. Kritik an der Aufklärung und ihren Hinterlassenschaften, so die angekündigte Argumentation, ist nicht automatisch eine vollständige Ablehnung. Umgekehrt bedeutet die Auseinandersetzung mit Prinzipien der Aufklärung auch keine bedingungslose Zustimmung.
Diese Position grenzt Dhawan vom dekolonialen Ansatz ab, der Dekolonisierung als „epistemic delinking“ von der Moderne versteht. Zugleich stellt sie sie den postadornitischen Kritischen Theoretikern der Frankfurter Schule gegenüber, die in der Kritik an der Aufklärung automatisch einen normativen Nihilismus sehen. Als Bild für künftige kritische Theorien steht das Arbeiten mit den „Werkzeugen des Meisters“ zur Demontage des „Hauses des Meisters“ – ein Gedanke von Lorde.
Eine Debatte mit langer Vorgeschichte
Postkolonialismus bezeichnet eine seit der Mitte des 20. Jahrhunderts entstandene geistige und politische Strömung, die sich mit europäischem Kolonialismus und Imperialismus auseinandersetzt. Er wird dem Poststrukturalismus zugerechnet und verbindet die politische Unabhängigkeit ehemaliger Kolonien mit der Untersuchung fortbestehender imperialistischer Strukturen in Politik, Wirtschaft und anderen Lebensbereichen.
Postkoloniale Theorien werden heute in Geografie, Gender Studies, Geschichte, Kultur- und Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft, Soziologie, Religionswissenschaft und Theologie angewandt. Im Mittelpunkt stehen Kultur und Identität von Gesellschaften und Bevölkerungsgruppen, die durch Kolonialismus geprägt wurden. Kulturelles Wissen soll rekonstruiert, emanzipatorische Veränderung ermöglicht werden. Viele Theoretiker, darunter Homi K. Bhabha und María do Mar Castro Varela, verstehen Postkolonialismus auch als Widerstandsform; andere betonen gesellschaftliche Transformation oder die Notwendigkeit von Versöhnung. Einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung des Ansatzes hatte die Subaltern Studies Group.
Frühe Denkansätze entstanden 1947 im Zusammenhang mit der Unabhängigkeit Indiens vom British Empire. Seit den 1950er Jahren wuchs das Interesse linker Intellektueller an der sogenannten „Dritten Welt“. Ab Mitte der 1970er Jahre etablierte sich die kritische Untersuchung der zuvor häufig positiv bewerteten Kolonialgeschichte als interdisziplinäre wissenschaftliche Richtung.
Edward Saids Orientalism von 1978 wurde zu einem zentralen Bezugspunkt und gilt vielfach als Gründungsdokument des Postkolonialismus – obwohl Said selbst den Begriff „Postkolonialismus“ in diesem Buch nicht verwendete. Seine beiden zentralen Thesen: Westliche Orientalisten hätten fremde Kulturen als unterlegenes „Anderes“ konstruiert und dadurch erst hervorgebracht. Das so erzeugte Wissen sei zur Stabilisierung und Legitimation kolonialer Macht genutzt und in den Bildungskanon der Kolonisierten übernommen worden. Die anschließende „Orientalismusdebatte“ wurde kontrovers geführt.
In den 1970er Jahren bezog sich der Begriff zunächst auf die Unabhängigkeit ehemaliger Kolonien. Seit den 1980er Jahren wurde er auf die Untersuchung kolonisierter Kulturen in Geschichte und Gegenwart ausgeweitet und erhielt damit neben der historischen auch eine erkenntnistheoretische Bedeutung. Das Präfix „post-“ steht dabei nicht für eine sauber abgehakte zeitliche Abfolge, sondern für komplexe, miteinander verflochtene historische Entwicklungen.
Viele postkoloniale Ansätze gehen davon aus, dass ehemalige Kolonien zwar politisch unabhängig, aber weiterhin durch eurozentrische Sichtweisen und den „kolonialen Blick“ geprägt sind. Kolonialismus erscheint als gewaltförmiger Kulturkontakt: Eine Kultur eroberte eine andere, formte und veränderte sie, zerstörte Teile ihrer Strukturen und nutzte dies zur Herrschaftssicherung. Macht wirkte dabei nicht nur militärisch, sondern auch durch Sprache und Wissen.
Europäische Wissenschaft definierte Kategorien wie „orientalisch“, „asiatisch“, „westlich“ und „europäisch“ und legte dabei trotz ihres Neutralitätsanspruchs eurozentrische Maßstäbe an. Europäisches Recht, Missionierung und andere Institutionen veränderten oder zerstörten Kulturen kolonialisierter Gebiete. Genannt werden etwa die Ermordung schwarzer Schamanen und Voodoo-Houngans im Zusammenhang mit dem Sklavenhandel sowie die Verbrennung indigener Bilder und Schriften durch christliche Missionare in Südamerika.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien und Großbritannien relativ schnell ihre meisten größeren Kolonien. Die ehemaligen Kolonien erlangten schrittweise politische Unabhängigkeit, blieben dieser Sichtweise zufolge geistig und politisch aber dennoch von ehemaligen Kolonialmächten beziehungsweise den USA oder der Sowjetunion abhängig. Selbst im Sport wird ein postkoloniales Erbe gesehen: Olympische Spiele und Weltmeisterschaften seien stark durch Europa und Nordamerika geprägt, Medien berichteten besonders über Erfolge ehemaliger Kolonialmächte, und Sportarten wie Cricket in den Westindischen Inseln seien wesentlich durch die frühere britische Kolonialmacht geformt worden.
Wer spricht – und wer setzt die Maßstäbe?
Postkoloniale Ansätze hinterfragen auch den Rückgriff ehemaliger Kolonisierter auf scheinbar eigene Traditionen. Solche Traditionen können durch westliche Definitionsmacht geprägt, verändert oder sogar erst geschaffen worden sein. Ihre Authentizität wird dadurch nicht zwangsläufig aufgehoben; ihre Wiederholung kann aber westliche Deutungsmacht weiter festigen. Postkoloniale Theorien, entwickelt unter anderem von Immigranten in den USA und Intellektuellen aus Indien, untersuchen diesen Prozess der Selbstfindung ehemaliger Kolonisierter.
Die Aneignung kolonial geprägten Wissens gilt zugleich als Möglichkeit zur Veränderung und zum Widerstand gegen bestehende Machtverhältnisse. Wenn sich historische Deutungen im öffentlichen Diskurs verschieben, kann sich auch der Inhalt gesellschaftlich anerkannten Wissens verändern. Daraus entstand das Bewusstsein, dass Kolonialismus sowohl die Kolonisierten als auch die Kolonisierenden geprägt hat. Unter dem Begriff Verflechtungsgeschichte, „entangled history“, werden diese gegenseitigen Einflüsse untersucht.
Der Westen habe demnach keine vollständig autonome Geschichte entwickelt; seine Identitätsbildung ist mit der Geschichte der Kolonisierten verbunden. Westliches Wissen wurde auch dadurch stabilisiert, dass Kolonisierte es wiederholten und übernahmen. Es besaß eine hegemoniale Stellung, war aber zugleich Ergebnis historischer Verflechtungen. Seit den 1990er Jahren entwickelten sich in den USA die Critical Whiteness Studies als kritische Untersuchung von Weißsein.
Untersucht werden das Fortbestehen kolonialistischer Denkweisen nach dem Ende der Kolonialzeit, das gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Erbe des Kolonialismus, Unterdrückung und Widerstand, Geschlecht und Migration, die Auswirkungen des Kolonialismus auf Kolonisierte und Kolonisatoren sowie die Entstehung neuer Nationalismen in ehemals kolonisierten Staaten. Die Richtung analysiert weiterhin bestehende Machtstrukturen und ist mit dem Ideal transnationaler sozialer Gerechtigkeit verbunden.
Postkolonialismus ist dabei nicht auf bestimmte Regionen begrenzt. Minderheiten weltweit nutzen ihn zur Untersuchung und Veränderung von Unterdrückungsstrukturen. Kolonialgeschichte und die Geschichte der Kolonialmächte
