Die Oberlausitz ist im aktuellen Arbeitsstand der Suche nach einem Atommüll-Endlager zurückgestellt worden. Für die Region ist das eine Nachricht mit zwei Seiten: Im Lausitzer Granit könnte nun ein unterirdisches Forschungslabor des Deutschen Zentrums für Astrophysik (DZA) entstehen – und zugleich bekommt die Bewerbung für das geplante Einstein-Teleskop neue Aufmerksamkeit.

Das Einstein-Teleskop soll ein hochmodernes, unterirdisches Observatorium zur Messung von Gravitationswellen werden. Die Frage, die in der Lausitz deshalb im Raum steht: Verbessert die Zurückstellung bei der Endlagersuche die Chancen der Region, oder bleiben mögliche Konflikte mit einem solchen Großprojekt bestehen?

Ein Campus in Görlitz, ein Labor im Granit

Für das DZA ist bereits ein wichtiger Schritt entschieden: Im Sommer 2024 fiel die Wahl für den künftigen Campus auf das Kahlbaum-Areal in Görlitz. Das ehemalige Klinikgelände liegt am Neißebogen, nahe der polnischen Grenze. Dort sollen Forschende aus aller Welt arbeiten, ebenso Beschäftigte in unterstützenden Bereichen.

Seit April 2023 befindet sich das DZA in der Aufbauphase. Diese soll 2026 abgeschlossen werden. Danach soll das Zentrum eigenständig handlungsfähig sein und als Einrichtung für Astrophysik, Digitalisierung und Technologieentwicklung arbeiten. Angestrebt ist ein nationales Großforschungszentrum mit internationaler Bedeutung – vergleichbar mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum oder dem Deutschen GeoForschungsZentrum.

Bis zu 1.000 Arbeitsplätze sind geplant. 35 Prozent davon sollen in wissenschaftlichen Berufen liegen, 65 Prozent im nichtwissenschaftlichen Bereich. Das DZA rechnet außerdem mit einem Job-Multiplikationsfaktor von drei. Die Lausitz soll also nicht nur Spitzenforschung bekommen, sondern auch beim Strukturwandel nach dem Braunkohleausstieg Unterstützung erhalten.

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Woran dort gearbeitet wird, klingt nach großen Fragen: Das DZA will die grundlegenden Strukturen des Universums erforschen und verschiedene kosmische Botenstoffe miteinander verknüpfen. Zu den genannten Forschungsfeldern gehören Schwarze Löcher, Rote Riesen, Weiße Zwerge, Dunkle Energie und Dunkle Materie. Das Zentrum beteiligt sich an internationalen Großobservatorien, um astronomisches Wissen zu erweitern und Deutschlands Position in der internationalen Astrophysik zu stärken.

Wie eng der Untergrund der Oberlausitz mit diesen Themen verbunden werden kann, zeigt eine Sonderausstellung im Elementarium des Museums der Westlausitz in Kamenz. Sie thematisiert den Zusammenhang zwischen dem Granitgestein der Region und astrophysikalischen Fragen wie Schwarzen Löchern und Gravitationswellen. Für die Messung der Gravitationswellen soll außerdem ein besonders erschütterungsarmer Ort entstehen, eine sogenannte „seismische Null“.

Was das Einstein-Teleskop messen soll

Gravitationswellen sind winzige Erschütterungen beziehungsweise Verformungen der Raumzeit. Sie entstehen unter anderem, wenn Schwarze Löcher oder Neutronensterne kollidieren. Albert Einstein sagte ihre Existenz 1916 im Rahmen seiner Relativitätstheorie voraus, der erste direkte Nachweis gelang 2015.

Das Einstein-Teleskop soll bisher unzugängliche Bereiche des Universums untersuchen: die Entstehung Schwarzer Löcher, die Entwicklung des frühen Universums und die Frage, ob die heutigen Naturgesetze vollständig sind. Auch die Entstehung schwerer Elemente wie Gold, die Natur der Schwerkraft und mögliche neue Physik jenseits von Einsteins Theorie gehören zu den erwarteten Erkenntnissen.

Geplant ist ein System aus mehreren ineinander verschachtelten Detektoren. Jeder Detektor soll aus zwei Interferometern mit kilometerlangen Laserarmen bestehen. Laserlicht läuft dabei durch zwei rechtwinklig angeordnete, lange unterirdische Vakuumröhren und wird an Spiegeln am Ende zurückgeworfen. Ohne Gravitationswelle überlagern sich die Signale der beiden Arme exakt. Verformt eine Gravitationswelle die Raumzeit, verändert sich die Länge eines Arms – und das Interferenzmuster verschiebt sich messbar.

Die Technik soll Längenänderungen erfassen können, die kleiner als der Durchmesser eines Atoms sind. Installiert werden die Interferometer in Tunneln 200 bis 300 Meter unter der Erde. Dort sind sie besser vor seismischen Vibrationen, Temperaturschwankungen und anderen Umwelteinflüssen geschützt. Für die Lausitz klingt das zunächst ziemlich passend. Ganz einfach ist eine Bewerbung für ein solches Projekt trotzdem nicht.

Das Einstein-Teleskop wäre das erste Observatorium dieser Größe, das vollständig unterirdisch gebaut wird und kryogen gekühlte Komponenten nutzt. Zusammen soll das ermöglichen, niedrigere Frequenzen zu messen als alle bisherigen Detektoren. Die Lücke zwischen erdgebundener und weltraumgestützter interferometrischer Gravitationswellendetektion könnte dadurch kleiner werden.

Besonders massereiche verschmelzende Schwarze Löcher, Signale aus der Frühzeit des Universums und das Innere von Neutronensternen ließen sich genauer untersuchen. Bisherige Observatorien haben Gravitationswellen zwar nachgewiesen; das ET soll aus den Signalen deutlich mehr Informationen gewinnen, empfindlicher sein und mehr Quellen erfassen. Werden Signale gleichzeitig von mehreren weltweiten Detektoren gemessen, können die Auswertungen präziser und zuverlässiger werden. Das ET soll dieses Netzwerk erdgebundener Observatorien ergänzen.

Die Lausitz im europäischen Rennen

Für den Bau stehen drei Regionen zur Auswahl: die Euregio Maas-Rhein im Grenzgebiet von Belgien, Deutschland und den Niederlanden, die italienische Insel Sardinien sowie die sächsische Lausitz im Dreiländereck Deutschland–Polen–Tschechien. Die Entscheidung über den endgültigen Standort wird voraussichtlich 2026 oder 2027 getroffen.

Das Verfahren soll transparent und faktenbasiert sein. Berücksichtigt werden sollen die langfristige Tragfähigkeit des Projekts und die europäische Zusammenarbeit. Denn das ET ist ein europäisches Vorhaben, an dem mehrere europäische Staaten, Universitäten und Forschungseinrichtungen beteiligt sind. Standortentscheidung und Betrieb sollen auf europäischer Ebene beziehungsweise international koordiniert werden.

Für die beteiligten Regionen geht es dabei nicht nur um Tunnel, Laser und Messdaten. Das Projekt soll Europas Rolle in der internationalen Spitzenforschung stärken und langfristig hochqualifizierte Arbeitsplätze in Wissenschaft, Technik und Industrie schaffen. Schon in der Planungsphase gilt es als Impuls für wirtschaftliche Entwicklung, Ausbildung und technologische Innovation.

Ob die Zurückstellung der Oberlausitz bei der Endlagersuche der Bewerbung tatsächlich Rückenwind gibt, bleibt damit eine offene Frage. Klar ist nur: Der Granit unter der Lausitz ist plötzlich Schauplatz zweier sehr unterschiedlicher Zukunftserzählungen – Atommüll-Endlager auf der einen, Blick in die Tiefen des Universums auf der anderen Seite.

Der nächste große Termin

Vom 23. bis 27. November 2026 findet in Prag das 5. Jahrestreffen des Einstein-Teleskops statt. Im Mittelpunkt stehen zentrale Aspekte der ET-Kollaboration und des Designs.

Außerdem wechselt die deutsche Vertretung im ET-Forum der nationalen Repräsentanten: Michèle Heurs gibt ihr Amt nach drei Jahren an Oliver Gerberding ab. Gerberding wurde von den Leitungen der deutschen Forschungseinheiten einstimmig ernannt.

Bis dahin wird in der Lausitz weiter gerechnet, geplant und verglichen werden. Unter Tage ist es still – zumindest für menschliche Ohren. Ob dort künftig ein Forschungszentrum für die feinsten Bewegungen der Raumzeit entsteht, entscheidet sich nicht allein am Gestein, sondern an einem europäischen Auswahlprozess, der 2026 oder 2027 abgeschlossen werden soll.