Am Tag der Deutschen Einheit, dem 3.10.2026, ist die wirtschaftliche Bilanz Ostdeutschlands durchwachsen. Bei einer Veranstaltung an der TU Dresden fällt der Blick auf Fortschritte – und auf eine Lücke, die sich seit Jahren nur noch langsam schließt. Der wirtschaftliche Aufholprozess verliert an Tempo.

Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) erreichten die fünf ostdeutschen Flächenländer 2025 knapp 79 Prozent des westdeutschen Niveaus. 2024 waren es gut 78 Prozent. 1991 lag Ostdeutschland bei 51 Prozent der westdeutschen Wirtschaftskraft. Seit 2020 bewegt sich der Wert zwischen 78 und 79 Prozent; die Marke von 80 Prozent wurde bislang nicht erreicht.

Fortschritt mit angezogener Handbremse

Der IW-Einheitsindex misst nicht nur die Wirtschaftsleistung je Einwohner. Einbezogen werden auch Produktivität, Kapitalstock, der Anteil Hochqualifizierter in Forschung und Entwicklung, Erwerbsbeteiligung sowie Arbeitslosen- und Selbstständigenquote. Das Bild bleibt dadurch ziemlich klar: Es geht voran, aber nicht überall und längst nicht gleich schnell.

Eine aktualisierte Auswertung des ifo-Faktenmonitors kommt beim Bruttoinlandsprodukt je Einwohner inzwischen auf 79,5 Prozent des westdeutschen Durchschnitts. Eine jüngste Datenrevision korrigierte diesen Wert leicht nach oben. Beim BIP je Erwerbstätigenstunde erreicht der Osten rund 86 Prozent des Westniveaus. In den vergangenen Jahren wuchs die ostdeutsche Wirtschaft zudem leicht stärker als die westdeutsche.

Das merkt man allerdings nicht automatisch am Monatsende. Die nominalen Löhne liegen etwa 12 Prozent unter dem westdeutschen Niveau. Niedrigere Lebenshaltungskosten gleichen diesen Abstand teilweise aus. Zugleich ist die Wirtschaftsstruktur stärker von kleineren Unternehmen geprägt. Viele Betriebe haben höchstens zehn Beschäftigte und erzielen häufig weniger als zwei Millionen Euro Umsatz.

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Der „Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026“ zeichnet bei der Wirtschaftsleistung je Beschäftigten eine ähnliche Kurve: kurz nach der Wiedervereinigung lag sie bei gut einem Drittel des Westniveaus, vor zehn Jahren bei 78 Prozent und heute bei rund 85 Prozent. Joachim Ragnitz, Mitherausgeber des Reports und stellvertretender Leiter der Dresdner ifo-Niederlassung, sieht den Aufholprozess dennoch gefährdet.

Forschung stark, Unternehmen dünn besetzt

Besonders groß bleibt der Rückstand bei Forschung und Entwicklung. Beim dort beschäftigten Personal kommt der Osten auf gut 46 Prozent des Westniveaus. Universitäten und öffentliche Institute schneiden vergleichsweise gut ab. In Unternehmen fehlen dagegen Forschende – unter anderem, weil es nur wenige große Unternehmen gibt.

Gleichzeitig sind Teile der ostdeutschen Forschungslandschaft längst wettbewerbsfähig. Rund um Hochschulen und Forschungseinrichtungen entstehen innovationsgetriebene Entwicklungen, die zunehmend als Ausgangspunkt für unternehmerische Aktivitäten dienen. In einzelnen Branchen und Regionen gibt es also ordentlich Zug. Sachsen weist etwa eine überdurchschnittliche Exportquote auf.

Auch Brandenburg hat sich besonders positiv entwickelt: Das BIP je Erwerbstätigen erreicht dort rund 91,9 Prozent des westdeutschen Durchschnitts. Berlin bleibt ein zentraler Wachstumstreiber. Im Berliner Umland wächst Brandenburg stark, außerdem durch Industrieansiedlungen wie Tesla in Grünheide. Dresden und Leipzig entwickeln sich ebenfalls dynamisch.

Jena, der Saalkreis und die Uckermark liegen inzwischen sogar über dem gesamtdeutschen Durchschnitt. Anders sieht es in peripheren Regionen aus, insbesondere in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns, in Regionen Nordsachsens und im Erzgebirge. Dort ist der Abstand zum kräftigeren Wachstum deutlich spürbar.

Weniger Menschen, weniger Spielraum

Beim Kapitalstock – also bei Maschinen, Fabriken, Straßen und Gebäuden je Einwohner – gibt es seit etwa 15 Jahren kaum Fortschritte. 2010 wurden knapp 77 Prozent des Westniveaus erreicht, 2025 gut 79 Prozent. Das ist mehr, aber kein großer Sprung.

Auch die Erwerbsbeteiligung hat sich verschlechtert. 2010 lag sie bei knapp 89 Prozent des Westniveaus, 2025 waren es nur noch gut 85 Prozent. Das IW warnt zudem vor der Bevölkerungsentwicklung: In einem Szenario ohne Zuwanderung könnte die Bevölkerung Ostdeutschlands bis 2045 um mehr als ein Fünftel schrumpfen. Der Rückgang wäre damit deutlich stärker als in Westdeutschland.

Die ostdeutschen Länder wären dann noch stärker auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Das IW sieht die Zukunftsaussichten allerdings durch eine möglicherweise geringere Offenheit für Zuwanderung nach den jüngsten Wahlergebnissen belastet. Auch die als abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren bezeichnete Regelung hält das Institut angesichts der Bevölkerungsstruktur Ostdeutschlands für kontraproduktiv. Stattdessen müsse der Osten stärker darauf setzen, erfahrene Beschäftigte länger im Berufsleben zu halten.

Als zentrale Probleme nennt Joachim Ragnitz die künftige Bevölkerungsentwicklung, zu geringe Investitionen und Defizite bei Innovationen. Dadurch könnte die Wachstumsdynamik künftig schwächer ausfallen als bisher – tendenziell auch schwächer als im Westen.

Vermögen, Vertrauen und der Blick nach vorn

Ein weiteres Risiko ist laut Wettbewerbsreport die Vermögenslücke. Ostdeutsche Haushalte verfügen nur über einen Bruchteil des Vermögens westdeutscher Haushalte. Das begrenzt Investitionen und schwächt die wirtschaftliche Dynamik. Frank Nehring, Mitherausgeber und Gründer des Ostdeutschen Wirtschaftsforums, nennt deshalb Verlässlichkeit als zentralen Wunsch der ostdeutschen Wirtschaft. Verlässliche Rahmenbedingungen seien für Unternehmen in Ost und West gleichermaßen wichtig.

Viele bundespolitische Debatten auf großer Ebene beträfen kleine ostdeutsche Betriebe nicht unmittelbar, sagt Nehring. Dadurch würden sie wenig wahrgenommen. Die Autoren des Reports stellen deshalb die bisherige Perspektive infrage: Ragnitz plädiert dafür, nicht mehr primär das Aufholen gegenüber dem Westen als Ziel zu setzen, sondern die Wachstumsdynamik in den einzelnen ostdeutschen Ländern unabhängig von einer bestimmten Zielgröße zu stärken.

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), warnt vor politischen Folgen – besonders in strukturschwachen Regionen. Dort gebe es vielfach geringe Zukunftsperspektiven und Sorgen vor dem Verlust des eigenen Lebensstandards, fehlenden Zukunftschancen für die Kinder und einer insgesamt unsicheren Zukunft. Auch junge Menschen blickten laut Kaiser pessimistisch nach vorn. Diese Stimmung könne sich auf das Wahlverhalten und die politische Einstellung auswirken.

Die Autoren fordern mehr Investitionen, eine stärkere Innovationsförderung und eine gezielte Gewinnung von Fachkräften. Der Report wurde vom Saarower Kreis erstellt, einem Zusammenschluss ostdeutscher Wirtschaftsverbände und Initiativen. Über die nächsten Schritte wollen Wirtschaft und Politik ab Sonntag beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow südöstlich von Berlin diskutieren.